Bewerbungsrede von Franziskus Schonungslose Analyse zum Zustand der Kirche

Papst Franziskus hat mit seinem Verzicht auf Prunk Zeichen gesetzt - nun dokumentiert er erneut seinen Willen zum Wandel: Er ließ die Rede veröffentlichen, die er kurz vor dem Konklave vor Kardinalen hielt. Es waren deutliche Worte zur Lage der Kirche.
Jorge Bergoglio im Februar: Schonungslose Analyse der katholischen Kirche

Jorge Bergoglio im Februar: Schonungslose Analyse der katholischen Kirche

Foto: Natacha Pisarenko/ AP/dpa

Hamburg - Es muss ein faszinierender Moment gewesen sein in der Kardinalsversammlung vor dem Konklave, als Kardinal Bergoglio sprach. Der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Lucas Ortega, war derart beeindruckt, dass er den Redner um einen ungewöhnlichen Gefallen bat: ob er ihm ein Manuskript seiner Rede geben könne.

So berichtet es Radio Vatikan . Das tat Franziskus. Und noch mehr: Er sagte zu, seine Worte öffentlich zu machen. Am Mittwoch war es soweit. Nicht nur der gewollte Bruch mit der sonst strengen Geheimhaltung, auch die Rede selbst ist höchst bemerkenswert - Bergoglio lieferte seinen Kollegen eine schonungslose Analyse zum Zustand der katholischen Kirche.

"Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen, an die Ränder zu gehen, nicht nur geografisch, auch an die Ränder der menschlichen Existenz", sagte Bergoglio - und machte gleich deutlich, was er damit meinte: "Das Mysterium der Sünde, des Schmerzes, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz und Indifferenz gegenüber Religion, der intellektuellen Strömungen und allen Leides."

Wenn die Kirche sich nicht nach außen kehre und das Evangelium verbreite, werde sie "selbstreferentiell und krank". Und nach Ansicht von Bergoglio ist es soweit längst gekommen: Die Übel, die in kirchlichen Institutionen geschehen seien, hätten ihre Wurzeln in genau dieser Selbstbezogenheit und in "theologischem Narzissmus". Das sind deutliche Worte zum Finanzskandal der Vatikanbank, zum Geheimnisverrat der Vatileaks-Affäre, zum Missbrauchsskandal.

Liest man Bergoglios Rede, erscheint seine Wahl umso mehr als die Entscheidung der Kardinäle, Wandel in der Kirche zuzulassen. Fünf Minuten war sie lang, eine authentische Bewerbung für das höchste Amt der Kirche.

Sie untermauert die Haltung Bergoglios, die sich später dann bei seiner Amtseinführung und in den ersten Tagen seines Pontifikats offenbarte: Er verzichtet auf Prunk, er versucht, die Kirche auf ihr Wesentliches zu reduzieren, so dass sie die Menschen wieder erreichen kann.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass bei einigen der Mut zum Wandel wächst. So kritisierte der Münchner Kardinal Reinhard Marx am Mittwoch die Verhältnisse im Vatikan: "Ich möchte sehr unterstreichen, dass wir die Zentrale in Rom brauchen. Aber sie darf sich nicht überheben." Er teile ein bisschen die Meinung, dass der Vatikan sich zu sehr wie ein Hofstaat verhalte.

Franziskus verfolgt derweil konsequent seinen Weg: Am Gründonnerstag hat er sich in einem Jugendgefängnis angekündigt, um die Messe zu halten.

bim
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