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22. April 2005, 12:12 Uhr

BGH-Urteil

Kannibalen-Prozess wird neu aufgerollt

Das Landgericht Frankfurt wird den Fall des "Kannibalen von Rotenburg" neu aufrollen. Dabei muss der Angeklagte Armin Meiwes nun mit einer Verurteilung wegen Mordes rechnen. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hob das Urteil des Landgerichts Kassel auf.

Armin Meiwes: Fall wird neu aufgerollt
DDP

Armin Meiwes: Fall wird neu aufgerollt

Karlsruhe - Der Zweite Strafsenat des BGH gab heute der Revision der Bundesanwaltschaft statt, die eine Verurteilung wegen Mordes für notwendig hält. Die Kasseler Richter hatten Armin Meiwes lediglich wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Richter des BGH beanstandeten eine lückenhafte und widersprüchliche Beweiswürdigung.

Der heute 44 Jahre alte Computertechniker aus dem nordhessischen Rotenburg hatte am 10. März 2001 den 43-jährigen Bernd B. mit dessen Einverständis zuerst entmannt und viele Stunden später mit zwei Messerstichen in den Hals getötet. Die Leiche hatte er vor laufender Videokamera zerstückelt. Rund 20 Kilogramm des Menschenfleischs fror er ein und bereitete daraus nach und nach Mahlzeiten zu.

Der BGH lehnte den Revisionsantrag des Verteidigers, der ein milderes Urteil wegen Tötung auf Verlangen erreichen wollte, als unbegründet ab. Die Senatsvorsitzende Ruth Rissing-van Saan erklärte dazu, der Wunsch, getötet zu werden, sei nicht von Bernd B. ausgegangen. Vielmehr habe Meiwes aus eigenem Antrieb im Internet ein Opfer zum "Schlachten" gesucht, und B. sei darauf eingegangen. Dem Berliner Ingenieur habe sich auf Grund seines krankhaften sexuellen Masochismus' vorgestellt, das "höchste Lustempfinden durch die Penisamputation" zu erlangen. Dass er sich danach töten ließ, sei ein Zugeständnis an Meiwes gewesen, dem es auf das Einverständnis seines Opfers angekommen sei, sagte die Richterin.

Der BGH-Senat folgte dem Revisionsantrag der Bundesanwaltschaft in nahezu allen Punkten. Die BGH-Richter kamen zu dem Schluss, dass das Kasseler Gericht mehrere Mordmerkmale zu Unrecht verneint hatte. Wenn Meiwes wegen Mordes verurteilt wird, droht ihm lebenslange Haft.

Die Tat könnte laut BGH als Mord zur "Befriedigung des Geschlechtstriebs" beurteilt werden, wenn der Täter die Videoaufnahmen davon später als Anschauungsobjekt für seine sexuellen Fantasien und zu seiner sexuellen Befriedigung verwenden wollte. Die Frankfurter Richter müssten prüfen, ob der Angeklagte auch schon zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die Leiche zerstückelte. Der Senat verwies auf entsprechende Fantasien, die Armin Meiwes nach eigener Aussage schon in der Pubertät entwickelte hatte.

Nach Ansicht des BGH kann der Kannibale auch wegen Mordes aus niederen Beweggründen verurteilt werden oder wegen Mordes, "um eine andere Straftat zu ermöglichen", nämlich eine Störung der Totenruhe durch das Zerlegen des getöteten Opfers bei gleichzeitiger Video-Aufzeichnung. Als weitere Straftaten, die durch den Mord möglich gemacht worden sein könnten, nannte der Senat die verharmlosende oder verherrlichende Darstellung von Gewalt und die Verbreitung von gewaltpornografischen Schriften. Meiwes hatte Auszüge aus den Aufnahmen zwei Mal als E-Mail an Chatpartner versandt.

Das Verbot der Störung der Totenruhe schütze auch das Pietätsempfinden der Allgemeinheit, erklärte Rissing-van Saan. Über das Rechtsgut der Menschenwürde habe das Opfer nicht verfügen können. (Aktenzeichen: BGH 2 StR 310/04)

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