Diese Café-Besitzerin kämpft mit Marmeladengläsern gegen Müll

Oder wie sie sie nennt: "Kackbecher".

Dieser Beitrag wurde am 20.01.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Die Bilder von Plastikmüll in den Weltmeeren, toten Tieren mit kleinen Plastikteilen im Körper oder Robben, die sich im Müll verfangen, zeigen: Es wird allerhöchste Zeit, dass wir Müll richtig recyceln – oder der erst gar nicht anfällt.

Bambus- statt Plastikstrohhalme, Jutebeutel statt Papiertüte im Supermarkt und Thermogefäße statt Pappbechern in Cafés: Vor allem in Großstädten bieten zahlreiche Lokale die Alternative an. Bilen Rosenthal, 33, hat noch eine andere Idee: Marmeladengläser zum Zudrehen als Kaffeebecher. Ganz im Retro-Style wie in Großmutters Keller.

Seit fünf Jahren betreibt die gelernte Veranstaltungskauffrau das "Schlösschen" in der Bielefelder Altstadt. Erst experimentierte sie mit Pappbechern, später bot sie wiederverwendbare Plastikbecher an. Aber seit Anfang des Jahres steht immer eine Ladung Marmeladengläser hinter der Theke bereit – für jeden, der nach einem Coffee-to-go fragt. Wir haben mit Bilen über ihre nachhaltige Idee gesprochen.

Wieso ist DAS eigentlich nicht gleich Trend geworden, anstelle dieser Kackbecher?

Bilen Rosenthal

Wieso hast du dich für die Gläser entschieden?

Ich war permanent auf der Suche nach Alternativen zum Papp- oder Plastikbecher und habe mir immer wieder verschiedene Einmachgläser angeguckt. Jetzt ist es so eine Mischung aus Weck- und Marmeladenglas geworden. Wenn man es in die Hand nimmt, wird es auch nicht heißer als ein Pappbecher. Die Größe ist mit 0,25 Litern perfekt für Heißgetränke.

Und übrigens: Es darf auch jeder seinen eigenen Behältnis mitbringen. 

Wie groß ist das Kaffeebecher-Problem?

Einwegbecher aus Pappe – die sind doch zumindest besser als die aus Plastik? Nicht wirklich. Für die Herstellung müssen neue Bäume gefällt werden. Laut Deutscher Umwelthilfe werden so gut wie keine Recyclingfasern genutzt. Außerdem bestehen die Becher meist anteilig auch aus Kunststoff. Neben dem Ressourcenverbrauch verschmutzen viele der Becher auch die Umwelt, sie werden einfach in die Natur geworfen oder landen auch schon mal neben, statt im Mülleimer. Laut Umwelthilfe werden in Deutschland stündlich 320.000 Coffee-to-go-Becher verbraucht. Eine repräsentative Studie der Marktforschungsgesellschaft TNS Emnid ergab, dass allein in Berlin jeden Tag etwa 460.000 Coffee-to-go-Becher verbraucht werden. (Deutsche Umwelthilfe )

Woher kommt deine Einstellung?

Ich versuche auch zu Hause, Plastikmüll zu vermeiden. Mein Bewusstsein für das Plastikproblem habe ich auf Mallorca entwickelt, wo ich eine Zeit lang gearbeitet habe. Die Spanier verpacken fast alles mit Plastik, das hat mich irgendwann wahnsinnig gestört – und dann habe ich angefangen, ganz darauf zu verzichten. Im Café gelingt mir das noch nicht – große Mengen an Mehl und Zucker, die ich zum Backen brauche, sind immer aufwendig verpackt. 

Jetzt ist der Kaffee bestimmt auch teurer geworden?

Ich bin keine typische Gastronomin, zu meinem Nachteil. Ich denke null wirtschaftlich. Ein Glas kostet mich 60 Cent, auf den Kaffee schlage ich trotzdem nichts drauf. Ob mit oder ohne Glas kostet er 2,50 Euro. Mir geht es nicht um den Gewinn, mir geht es um das grüne Prinzip. Ich möchte die Leute ermutigen, über den Müll, den sie produzieren, nachzudenken.

Wie kommt das bei den Kunden an?

Eine Kundin hat sich das Getränk gestern einfach in den Rucksack gepackt – total praktisch mit dem Deckel. Ich habe auch schon eine Anfrage von einer Frau aus Berlin bekommen, ob man die Gläser bei mir kaufen könnte. Nein, das ist natürlich nicht meine Erfindung. Ich habe die Gläser nur umfunktioniert.

Ich bin aber ehrlich gesagt etwas überrascht, dass nach einem Bericht in der Lokalzeitung so viele an den Gläsern interessiert sind. Als ich vor mehr als fünf Jahren in einem Café in München gejobbt habe, hat mein Chef auch schon Mehrwegbecher angeboten. Die Frage, wie man von überflüssigem Müll loskommt, scheint immer noch viele Menschen zu bewegen. 

Bringt es wirklich was? Bringen die Kunden die Gläser überhaupt mehrmals mit?

Ich bin das beste Beispiel für den Sinn dieses Prinzips. Ich vergesse ständig alles und eine Tasche habe ich auch nie dabei. Aber genau für Menschen wie mich sind die Marmeladengläser doch perfekt. Wer sie nicht wieder mitbringt, verwendet sie zu Hause meist für etwas anderes. 

Ich appeliere mit meinem System an die Eigenverantwortung. Jeder sollte darüber nachdenken, ob ein Pappbecher wirklich nötig ist. Ich verlange auch kein Pfand, um die Marmeladengläser zurückzubekommen.

Ich hoffe, dass ich mit meiner Botschaft vor allem junge Leute erreiche. Die Generation To-Go-Becher, die das gar nicht ohne kennen.

Was zeigt dir, dass es dieses Umdenken bei vielen noch nicht gibt?

Ein Beispiel: Neben meinem Café liegt direkt ein Spielplatz. Aber statt einfach das Geschirr aus dem Café kurz mit in Richtung Schaukel zu nehmen und es dann zurückzubringen, fragen viele Eltern nach einem Coffee-to-go. Das muss ja nicht sein.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass auch andere Läden in Bielefeld mitmachen. In der Altstadt gibt es auch den sogenannten Kaffeestrich, eine Gasse, in der ein Café neben dem nächsten liegt. Die meisten geben Pappbecher raus, eines verkauft Mehrwegbecher – aber für mehr als zehn Euro. Es wäre schön, wenn wir alle an einem Strang zögen.

Gerade habe ich eine Mail von dem ersten Unverpackt-Laden in Bielefeld bekommen. Ich könnte mir vorstellen, mit der Besitzerin zusammenzuarbeiten – aber es darf natürlich nicht zu teuer werden. Irgendwann muss ich doch daran denken, dass ich noch genug verdiene.

Eine Nachfrage in anderen Cafés auf dem sogenannten Bielefelder Kaffestrich ergab: Auch hier füllt man gerne eigens mitgebrachte Gefäße auf. Wer im "M Kaffee" den hauseigenen Mehrwegbecher mitbringt, bekommt 30 Cent Rabatt. Bei den Marmeladengläsern ist man allerdings skeptisch – die Nachfrage an Coffee-to-go-Bechern ist sehr groß. So viel Platz im Lager zu schaffen, wie für die Gläser nötig wären, sei schwierig. 

Wirklich grün und nachhaltig bleibt es also, wenn Kundinnen und Kunden selbst häufiger zum Mehrwegbecher greifen und ihn in die Tasche packen – sei er aus Bambus, Metall oder eben Glas.

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