"Big Brother" auf amerikanisch Unter der Dusche schaut der Große Bruder weg

Am Unabhängigkeitstag geben in den USA zehn Menschen ihre Freiheit freiwillig auf. Nach den großen Erfolgen in Europa ist auch jenseits des Großen Teiches "Big Brother" angesagt. Das Ganze ist freilich etwas amerikanischer: Nacktszenen sind tabu, und der Gewinn ist viermal so hoch.


Die Küche und...
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Die Küche und...

Los Angeles/Washington - Das amerikanische "BigBrother"-Gebäude steht auf einem TV-Grundstück nahe Los Angeles. In dem kleinen Haus im San Fernando Valley sollen die fünf Frauen und fünf Männer unter ständiger Kameraüberwachung um ihre Bleibe und die halbe Million Dollar kämpfen, die dem "Endsieger" zustehen. Gesendet wird ab dem 5. Juli, vorgesehen ist bisher fünfmal die Woche.

Mit "Big Brother" knüpft die US-Fernsehgesellschaft CBS an ihre seit Wochen erfolgreiche Reality-Show "Survivor" an - einem "Überlebenskampf" auf der Insel Pulau Tiga südlich von Borneo, wie ihn in ähnlicher Form auch Sat 1 ab diesem Montag ausstrahlt. Während aber bei "Big Brother" die Zuschauer das letzte Wort in der allwöchentlichen Frage haben, wer rausfliegt, stellt "Survivor" eher eine Aufforderung zum aktiven Mobbing dar. Auf der TV-Insel entscheiden die beiden konkurrierenden "Stämme" jede Woche selbst darüber, wer aus ihrer Gruppe reif für das Festland ist.

US-Medienkritiker kommentieren den ungeahnten Boom der Reality-Soaps mit transatlantischem Sarkasmus. "Die Niederlande kannten wir bisher vor allem als das Land, das uns Rembrandt und Vermeer beschert hat. So weit also zur europäischen Kultur. Und jetzt bekommen wir ein Haus voller Überwachungskameras", konstatiert Sharon Waxman von der Tageszeitung "Washington Post". Ein Kommunikationswissenschaftler aus Washington findet: "Normalerweise kommt der Schwachsinn aus den USA nach Europa. Diesmal ist es umgekehrt."

...eines der beiden Schlafzimmer der Zwangs-WG
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...eines der beiden Schlafzimmer der Zwangs-WG

Doch CBS hat die Einfuhr aus der Alten Welt offenbar dringend nötig. Denn das Durchschnittsalter der CBS-Zuschauer wird im Schnitt auf etwa 50 Jahre geschätzt. Darunter leiden die Werbeeinnahmen seit Jahren. "Survivor" dagegen hat sich als der absolute TV-Hit des Sommers entpuppt: Die vierte Folge sahen nach Angaben des US-Nachrichtensenders CNN etwa 25 Millionen Zuschauer in den USA, viele von ihnen unter 30 Jahren alt.

Nach Anlauf der "Big Brother"-Serie an diesem Mittwoch werden sich CBS noch mehr neue Interviewpartner bieten, und das den ganzen Sommer lang. Die zehn Kandidaten aus allen Regionen der USA hätten "interessante Geschichten zu erzählen", meint CBS-Sprecherin Diane Ekeblad in Los Angeles. Sie seien vor allem wegen ihres "Entertainment-Potenzials" ausgewählt worden. Durch die Sendung soll übrigens kein großer "Bruder" führen, sondern Julie Chen, die Nachrichtensprecherin des CBS-Morgenmagazins "The Early Show".

Alles will die US-Fernsehgesellschaft den Europäern ja auch nicht nachmachen. Auf gar keinen Fall, versichert Ekeblad, würden unbekleidete Teilnehmer gezeigt - auch nicht unter der Dusche wie auf RTL 2. "Amerikaner sind prüde. Hier sieht man niemanden nackt auf dem Bildschirm."

Ayala Goldmann



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