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SCHULEN Big Brother auf Rädern

In brandenburgischen Schulbussen sollen Kinder und Jugendliche zu mehr Disziplin angehalten werden - per Videoüberwachung.
Von Ulrich Jaeger
aus DER SPIEGEL 15/2000

Wenn er über Vorzüge und Nachteile seiner Späh-Elektronik nachdenkt, fallen Gerald Ruscher, Verkäufer von Videoüberwachungsanlagen, nur wohltuende Wirkungen ein: Die Produkte könnten etwa gegen »Randale und Vandalismus« vorbeugen und trügen dazu bei, Unfälle zu verhindern.

Ob die Videokameras der »meister electronic GmbH Brieslang« aus dem brandenburgischen Havelland tatsächlich tugendfördernd wirken, wird sich zeigen: Seit Mittwoch vergangener Woche ist ein Schulbus der Oberhavel Verkehrsgesellschaft (OVG) mit Videospähern ausgerüstet.

Vier in dem Bus installierte Kameras sollen den Innenraum überwachen. Die Aufnahmen werden gespeichert und könnten etwa nach Schüler-Rangeleien oder Fahrerbelästigungen ausgewertet werden, um jugendliche Rabauken zu überführen.

Der Oberhavel-Kreis begrüßt das OVG-Experiment, ein Pilotprojekt der Landesregierung. Mangelnde Schülerdisziplin sei eine der größten Schwachstellen im Schulbusbetrieb. Der Landkreis erhoffe sich »einen positiven pädagogischen Effekt« auf randalierwillige Schüler, sagt Sprecherin Patricia Schuster.

Schulbusse sind, wie der Hamburger Pädagogikprofessor Peter Struck bestätigt, »ein kritischer Punkt im deutschen Schulwesen«. In allen Flächenländern, wo Busse die jugendlichen Pendler von dörflichen Haltestellen zum überregionalen Schulzentrum transportieren, klagen Eltern und Lehrer, wie Struck erfahren hat, über Mobbing und Gewalttätigkeit. An den Haltestellen würden Jüngere und Schwächere schikaniert und geprügelt. Und manch ein Jugendlicher

müsse allmorgendlich ein paar Mark abliefern, die ihm Schlägertypen im Bus abverlangten.

Wann immer Busse sich verspäten, steigere sich, so die Erfahrung vieler Lehrer, die Aggression unter den Wartenden. Reichen dann die Sitzplätze nicht aus, kommt es im Bus zu Rangkämpfen. Der einzige Erwachsene an Bord, der Fahrer, kann unterwegs kaum eingreifen; oft wird er selbst zur Zielscheibe gefährlicher Streiche.

Anlass für das Brandenburger Videoexperiment ist ein Unfall im Landkreis Märkisch-Oderland, bei dem im vergangenen November vier Schüler und der Busfahrer starben. Die Staatsanwaltschaft verdächtigt einen Zwölfjährigen, den Unfall aus Versehen verursacht zu haben, weil er mit dem Fuß die Verriegelung des Fahrersitzes ausgehebelt habe. Der Busfahrer habe sich derart erschreckt, dass er die Lenkung verriss.

Der Anwalt des Jungen erklärt, bei den Ermittlungen sei ein Umstand unberücksichtigt geblieben: Hinter dem Fahrersitz war eine Werkzeugkiste platziert. Ein Gutachten soll nun belegen, dass ein Tritt an der Kiste vorbei zum Sicherungshebel gar nicht möglich war. Zur Aufklärung hätte eine Videoüberwachung da kaum beitragen können - was sich unter dem Sitz abspielt, wird von den Kameras nicht erfasst.

Wenn das Experiment mit dem Big Brother auf Rädern gelingt, will Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) entscheiden, ob die Schulbusüberwachung landesweit praktiziert werden soll. Ein Veto des Potsdamer Datenschutzbeauftragten muss er nicht fürchten: Der ist nur für Behörden und öffentliche Betriebe zuständig, die OVG aber ist ein Privatunternehmen.

In der Stadt Hofheim bei Frankfurt am Main scheiterte im Januar das Vorhaben, Videokameras am Busbahnhof der Stadt zu installieren, am Einspruch des hessischen Datenschutzbeauftragten. In NRW streiten unterdessen die Wahlkämpfer um den Plan des CDU-Spitzenmannes Jürgen Rüttgers, mehr Videokameras zur Kriminalprävention einzusetzen. In Magdeburg wäre am Konflikt um das neue Polizeigesetz und Straßenkameras fast das Tolerierungsbündnis zwischen der SPD und der PDS zerbrochen.

Kameras zum Kinderschutz hingegen scheinen nicht auf so harten Widerstand zu stoßen. So könnte das Brandenburger Beispiel bald schon Schule machen. Im niedersächsischen Buchholz etwa prüft der »Präventionsrat gegen Gewalt« derzeit, wie Schlägereien im Bus am besten beizukommen ist.

Von Videoüberwachung hält der dortige Lehrer Michael Schneider freilich wenig. Kameras, meint er, seien eher geeignet, »Schüler zu provozieren": Die Kids würden nur überlegen, wie sich die Elektronik lahm legen lasse - wie etwa mit einem Kaugummi auf der Kameralinse. ULRICH JAEGER

* Im November 1999 im Brandenburger Kreis Märkisch-Oderland.

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