Bikini-Atoll Das Paradies, in das die Bombe fiel

1946 zündeten die Amerikaner zum ersten Mal eine Atombombe auf dem pazifischen Bikini-Atoll. Die Bewohner hatten sie zuvor auf benachbarte Inseln umgesiedelt. Heute, 60 Jahre danach, träumen die Alten noch immer von der Heimat. Nur die Jungen wollen nicht zurück. Sie wollen in die USA.

Der Mann, der seine Leute heimführen will, hat sich verirrt. Das ist eine Leistung, hier in Majuro. Die Hauptstadt der Marshall-Inseln ist höchstens 400 Meter breit, aber dann hat das Meer einen guten Tag. "Hier irgendwo muss es sein", sagt Jack Niedenthal. Er läuft über Gräber, auf denen Wäsche trocknet. Er umgeht Kinder, die zwischen Kreuzen und Gedenksteinen mit Plastikpistolen auf ihn zielen. Er weicht einem Fahrrad aus, das zwischen den Reihen kurvt. Schließlich kehrt er um, er ist am Ende des Friedhofs. Korallenbruch türmt sich über Stein, die Leichen sind längst fortgeschwemmt. Jede Woche fällt ein weiterer Toter ans Meer. Auch die Wälle aus Beton und Fässern und rostigen Autos können es nicht dauerhaft wehren.

Jack hebt einen Reistopf von einer Grabplatte und nimmt Kellen und Deckel vom Kreuz, sie verstellen die Sicht . "Naitari Tamashiro" steht darauf, sie wurde 49 Jahre. Nicht weit liegt ihr Bruder. Billy Jakeo schaffte nicht die 30. "Schilddrüsenkrebs", sagt Jack. Aus dem Haus gegenüber tritt eine Frau, sie greift sich das Geschirr. Er sieht ihr nach, freundlich, er verzeiht ihr die Entweihung. Platz ist rar auf den Marshalls.

Die beiden Toten sind die Antwort auf die Frage, warum er hier ist. Diese beiden und die Augen der stummen alten Frau, deren Kinder sie waren. Sechs weitere hat sie noch, eine Tochter ist Jacks Frau. In ihrem Rollstuhl sitzt die Alte am Rand des Friedhofs, reglos, sie kommt nicht mehr durch die schmalen Wege. "Ich bringe sie nach Hause", sagt Jack.

Am 30. Juni 1946 explodierte auf dem Bikini-Atoll die erste amerikanische Atombombe in der Südsee. Die aus dem Flugzeug geklinkte "Able" hatte eine Sprengkraft von 23 Kilotonnen, sie war der Beginn einer zwölfjährigen Testreihe. Die Bombe zerriss die Allianz zwischen der Sowjetunion und den USA endgültig, und sie markierte zugleich den Anfang eines wahnwitzigen Wettrüstens in beiden Lagern. Der Kalte Krieg begann mit einer Temperatur von mehreren tausend Grad.

Die Gegend war weit genug entfernt von den Vereinigten Staaten, und von der Bevölkerung war kein Protest zu erwarten. Rund 42.000 Amerikaner befanden sich vor Ort, Wissenschaftler, Techniker, Militärs. Die Presse hatte exzellente Aufnahmen gefordert, und die Army präsentierte ihr "Baby" wie ein stolzer Vater. Mehr als 600 Kameras waren rund um das Atoll stationiert. Einige wurden mittels unbemannter Flugzeuge sogar direkt in den Atompilz gelenkt. Auf Schiffen nahe dem Atoll harrten 5000 Ratten, Schweine und Ziegen darauf, "zum Wohl der Menschheit" verglüht zu werden. Der ruinöse Ehrgeiz der Weltheilsarmee USA erschütterte erstmals die Südsee, "For the Good of Mankind" lautete der selbstgerechte Freispruch."

In dem folgenden Jahrdutzend explodierten auf dem Bikini-Atoll, das zu den Marshall-Inseln gehört, 23 Bomben. Insgesamt zündeten auf den Eilanden des - grausiger Doppelsinn - weit versprengten Südseestaats 67 Nuklearladungen. Laut US-Verteidigungsministerium entspricht ihre summierte Zerstörungskraft rund 7000 Hiroshima-Bomben. Anders gesagt: Theoretisch sind in dieser Zeit 1,6 Hiroshima-Bomben auf die Marshall-Inseln gefallen - täglich.

Die Flagge der Bikinianer zeigt drei schwarze Sterne. Sie sind Erinnerung an jene Inseln, die während der Explosion der 15 Megatonnen starken Wasserstoffbombe "Bravo" Anfang 1954 pulverisiert wurden.

Lesen Sie im 2. Teil: Wie die Wasserstoffbombe ganze Inseln verschwinden ließ und ein Amerikaner den Ureinwohnern unbedingt helfen wollte...

Bereits 1952 verlor das nahe Eniwetok-Atoll eine Insel durch eine H-Bombe, andere Inseln wurden durch fehlgeschlagene Tests mit Plutonium verseucht. Sie sind auf Jahrtausende unbewohnbar.

Bis heute gibt es keine genauen Zahlen über Strahlenopfer. Die USA versiegeln eigene Studien mit dem Hinweis auf militärische Notwendigkeiten. Daten unabhängiger Institutionen sind nur aufwendig zu erheben und deshalb rar. Schätzungen der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) gehen von mehreren tausend Krebsfällen allein für die Marshall-Inseln aus. Sie reihen sich ein in die rund 430.000 tödlichen Krebserkrankungen, die laut IPPNW bis zum Ende des 20. Jahrhunderts durch die weltweiten Atomwaffentests verursacht wurden.

Rund eine Milliarde Dollar zahlten die USA bis heute an die Marshall-Inseln. Die Opfer nahmen es, viel mehr blieb ihnen nicht übrig. Außerdem entsprach es der Tradition. "Wir haben gelernt, unsere Tränen mit den Dollarscheinen der Amerikaner zu trocknen", sagen sie.

Jack Niedenthal kam vor 25 Jahren aus Pennsylvania, weil er dagegen war, dass seine Landsleute ihren Müll in der Südsee entsorgten. Und wegen "der ganzen Scheiße, die wir dort unten angerichtet haben". Er meint nicht nur die Krater im Boden Bikinis. Er erzählt seine "Erweckungsgeschichte": wie der damalige Gouverneur des Bikini-Atolls die Insulaner überredete, ihre Heimat zu verlassen. Wie er davon sprach, sie ins Gelobte Land zu führen, For the Good of Mankind. Doch wie sie stattdessen auf Kili und Ejit gelandet waren - unbewohnten, kargen Eilanden weit von Bikini. Und auf denen sie noch immer lebten. Womöglich, dachte Jack, noch immer auf der Suche nach dem Gelobten Land.

Nach seinem Politikstudium meldete er sich zum Peace Corps. Es war die romantische Aktion eines Che-Guevara-Fans. Außerdem gedachte er - das Studium war hart -, auf den Inseln auszuspannen. Man schickte ihn als Lehrer nach Namu, eine Insel ohne Strom und fließend Wasser, versorgt von einem Boot, das nur alle halbe Jahre anlegte. Nahrung war knapp, schließlich aß der Vegetarier Büchsenfleisch und träumte von Schweinejagden. Er sah täglich dieselben Menschen. "Verstehst du, sie wissen alles über dich. Sie servieren dir deine Seele auf einem Teller."

Nach dem ersten Jahr waren von den elf Amerikanern, die mit dem Peace Corps in die Südsee gekommen waren, noch drei übrig. "Ich war nicht stärker als sie", sagt Jack, "meine Insel hatte nur keine Landebahn." Er lernte die Sprache der Menschen auf Namu, er überlebte mit ihnen Taifune und Dürren und salziges Trinkwasser. Am Ende bat er um weitere Jahre. In einer Kneipe der Hauptstadt sprach ihn irgendwann ein Mann an, er hatte ihn die Landessprache reden hören. "Es war einer von Bikini, sie hatten gerade eine ganze Menge Geld aus Amerika gekriegt. Er fragte, ob ich darauf aufpassen könnte."

Seit 20 Jahren arbeitet der Nordamerikaner für die Bikinianer. Jack Niedenthal ist ihr Trust Liaison Manager; in ihrem Auftrag verwaltet er die von den Amerikanern gezahlten Millionen. Aus dem einen Fonds werden Bildungsprojekte bestritten, Häuser gebaut, Schäden repariert. Aus dem anderen zahlt er alle drei Monate 212,50 Dollar aus. Jeder der mittlerweile rund 3500 Bikinianer, vom Baby bis zum Greis, bekommt dieselbe Summe. Es soll eine Entschädigung sein. Bei einem zehnköpfigen Haushalt, nichts Ungewöhnliches auf den Marshall-Inseln, macht das mehr als 8000 Dollar jährlich. Ihr kaputtes Land ist ihr wertvollstes Kapital.

Ist es das? "Prost!", sagen die jungen Leute am Küchentisch auf der winzigen Insel Kili. Sie sehen auf Jamose, den Alten in der Küchenecke. Es ist Roses Großvater, er hat das Gesicht zur Wand gedreht, er summt.

Was ist es diesmal? Die drei am Tisch horchen; sie grinsen. Natürlich, wieder die Lieder über Miriam, die verstorbene Frau. Seit Jahren schickt Jamose ihr seine Gesänge nach. Sendet ihr seine Erinnerungen und Wünsche. Singt seinen heimlichen Lieben hinterher, vermodert längst wie Miriam. Wenigstens, sagt Rose leise und Timius, ihr Mann, nickt, ist es nicht Bikini. Nicht dieser traurige Singsang über den verwunschenen Ort, Land vor ihrer Zeit. Vor aller Zeiten, sagt Alson, beider Freund, wer erinnert sich denn noch? Jamose in der Ecke, sicher. Die Greise hier und die auf den Inseln draußen. Man mag sie nicht mehr hören, wer mag schon Märchen hören jeden Tag, und seien sie noch so verheißungsvoll? Hier ist nicht Bikini, der Traum. Hier ist Kili, dies ist der lange Morgen danach.

The day after.

Noch immer summt Jamose von den Frauen. Und, nun doch, von dem Land, das sie nicht kennen. Nie kennen lernen wollen. Bikini. Mag sein, dass es dort Lagunen gab, in denen man das ganze Jahr fischen konnte. Mag sein, dass Platz genug war, ihn nicht an Tagen zu umfahren. Sie kennen die Erzählungen der Alten. Sie kennen sie, und sie haben sie satt.

Träum dich weg von hier, sagen die Worte. Weg von Kilis Hütten, aus denen die immer gleichen Menschen treten in ewig gleichen Tagen. "Wir sind wie ein Schiff im Meer", sagt Rose. "Nein", widerspricht Timius, "kein Schiff. Das bewegt sich wenigstens zu schönen Orten."

Lesen Sie im 3. Teil: Seit 60 Jahren diskutieren die Alten, ob der Gott Worejatabo den Feuerpilz von damals überlebt hat...

Träum dich in das Land mit den riesigen Palmen, fordert Jamoses Gesang. Zu den dicken Fischen aus blauen Tiefen, die die Männer am Abend heimbrachten. Weißen Sand hatte dieses Land. Vieh, das sich in den Wäldern verlief; zwischen Gräbern, die die See nicht wegwaschen konnte. Das Land kannte Bootsbauer, Korbflechter und Koprasammlerinnen, Felder, berstend von Pandanüssen und Bananen. Gemeinsam fuhr man hinaus, gemeinsam teilte man die Beute. Auf nichts weiter wartete man als auf die Fülle der Natur, um sie zu pflücken, zu fangen. So, meint Rose, wie sie heute auf nichts weiter warten als auf das regelmäßige Geld aus dem Westen, damit es sich vermehrt wie die Früchte und Fische der beweinten Vergangenheit.

Polizisten kannte das Land nicht, sagen die Erzählungen, auch keine Amerikaner. Wozu auch, es gab den magischen Korallenstock, in dem Worejabato lebte und über die Geschicke des Atolls wachte. Seit Rose denken kann, diskutieren die Alten darüber, ob die Gottheit die Feuer der Bombe überlebt habe.

20 Jahre ist sie alt, aufgewachsen auf Kili. Kili hat rund 500 Einwohner, eine Schule, einen Sportplatz. Die größten Gebäude sind zwei Kirchen. Es gibt ein Restaurant, aber nur, wenn man danach fragt. Dann räumt die Inhaberin den Platz vorm Fernseher frei und malt eine Karte für ein Gericht samt Suppe. Drei Mal in der Woche ist Kirchgang, sonntags sogar zwei Mal. Ein Flugzeug bringt die monatlichen Rationen: Diesel für den Generator, Essen, Wasser. Wenn es die Zigaretten vergisst, leidet die halbe Bevölkerung an Entzug.

Rose traf ihren Mann auf der High School in der Hauptstadt Majuro. Sie hatte gehofft, dass er sie herausholt. Stattdessen ist er mit ihr zurück nach Kili gezogen, dem engen Elternhaus davon. Hier immerhin haben sie ein eigenes Zimmer. Auch der Bruder hat seins, die Schwester mit Mann und Kind, die Eltern. Jamose, der Großvater, bekam die Matte in der Küchenecke. Ein Kind, sagt Rose, wäre schön. Wegen der Abwechslung.

Auf Kili ist alles verboten. Die Diskothek, die sie wollten, hat der Pfarrer verteufelt. Die seit ihrem Auszug christianisierten Bikinianer brandmarken selbst die Fernsehantennen. Was sie von der Welt erfahren, erreicht sie in Videokassetten, Fernsehpredigten, vor allem. Filme sind selten darunter, nie sind es die neuesten. Und um zehn Uhr abends beginnt die Sperrstunde.

Nirgends auf den Marshalls ist die Geburtenrate bei Minderjährigen so hoch wie unter den Bikinianern auf Kili und Ejit. 14-jährige Mütter sind keine Ausnahme. "Die Mädchen können halt nicht wegrennen", sagt Alson an Roses Küchentisch. Und noch immer kursieren "bricks", jene Kokainpakete, die vor Jahren mit den Wellen kamen. Die Jungen haben keine Erinnerungen ans Paradies. Der Koks hilft, wenn auch sie einmal träumen wollen.

In der Küche auf Kili packen die drei jungen Leute den Clou des Abends aus: ein Poster mit einem kolorierten Atompilz. Sie hängen es über den Platz des Alten. "Eine Atombombe kann dir den ganzen Tag ruinieren" steht darauf. Sie grinsen, Jamose summt.

"Prost", sagt Timius, Roses Mann. Sie trinken Jakaro, ein eigenes Gebräu aus Brothefe, Grapefruit und Kokosmilch. Sie tun es heimlich, in den Büschen am Strand, denn natürlich hat der Pfarrer auch den Alkohol verflucht. Aber dies hier ist Alsons Abschied. Er wird nach Arkansas gehen. Ein Vertrag, der Compact of Free Association, stellt die Bikinianer in vielem den US-Bürgern gleich. Auch ohne Visum oder Greencard dürfen sie in den Vereinigten Staaten leben und arbeiten. Alson kommt bei einem Bruder unter, ein gutes Jobangebot hat er außerdem: in einer der vielen Geflügelfabriken. Ihre Gemeinde in Arkansas ist die größte außerhalb der Marshall-Inseln. Die Marshallesen sind verrückt nach Grillschenkel und hot wings. Die Jungen am Strand von Kili kennen nicht die Hymne der Bikinianer, die traurige Weise von Vertreibung und Hoffnung: "Nicht länger kann ich ruhen auf meiner Schlafmatte / wegen meiner Insel und dem Leben, wie ich es kannte." Sie singen ein eigenes lustiges Lied vom frierenden Hühnchen, das in den Backofen will.

Alson hat einen Großvater, in Ejit, der in Nächten ohne Schlaf zum Meer wandert. Kelen Joasch war irgendwann einmal für kurze Zeit nach Bikini zurückgekehrt. Er suchte seinen Besitz, er fand ihn nicht: Die Explosionen hatten die natürlichen, seit Urzeiten bestehenden Grenzmarken zerstört. "Doch er sagt noch immer, irgendwann würde dieses Land mir gehören." Alson lacht. "Ha, ich bin Besitzer eines Landes, das nicht existiert!" Der Großvater ist krank seit damals, ob von den Strahlen oder dem ständigen Büchsenfleisch, wer weiß das schon? Alson will ein wenig böse klingen, es gelingt ihm nicht. Auch für ihn ist Bikini ein Mythos, die Hochhäuser Arkansas näher und verlockender als die Kokospalmen des Atolls.

"Sagt Jack, es ist wieder einer weniger, den er nach Hause bringen kann." Jacks Niedenthals Büro ist in der Bikini Town Hall mitten in Majuro. An der Wand die Bomben, Bilder wie Einschusslöcher. Fotos der Tests, der "Bravo", der "Baker", der ersten Wasserstoffbombe, "Mike". Daneben Ziegen auf Schiffen, die nukleare Glut wird sie gleich verdampfen. Die schwarz-weiße Gewalt passt zu seiner Stimmung. Der Kongress hat erneut das Geld zum clean-up, zur Säuberung Bikinis, abgelehnt. 365 Millionen Dollar sind veranschlagt. Sie sollen vor allem dazu dienen, den kontaminierten Boden abzutragen.

"Die Gelder sind Peanuts", sagt Jack, man hat ihnen ihr Land weggebombt. Und ihre Identität. "Alle sind gleichgestellt durch die monatlichen Zahlungen; ein Unding in der Stammeshierarchie der Insulaner." Es habe zum Nehmen erzogen, eine Haltung, die schon den Kleinsten vermittelt wird. "Es war schwer", sagt Jack, der mit einer Bikinianerin verheiratet ist, "meine Kinder in einer Umgebung zu erziehen, wo alle nur auf Gaben warten." Gerade schlägt er sich mit einer Liste aus den eigenen Reihen herum. Die Bikinianer verlangen Schadenersatz für Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma von den USA. Dabei sei lediglich der Schilddrüsenkrebs wirklich mit den Tests in Zusammenhang zu bringen. Jack hält die Liste hoch: "In Washington fragen sie natürlich: Was soll der Quatsch?" Jack ist müde. Er kämpft seit längerem an mehreren Fronten. Denn da ist auch noch der "König von Kwajalein", der chief jenes Atolls, auf dem die Amerikaner ihre Raketenbasis haben.

Der King hat seine Inseln vermietet, für zwölf Millionen Dollar im Jahr. Ein Drittel geht direkt in seine Kasse, einen Bruchteil teilt er unter seinem Volk auf. Sie leben in einem Slum auf der Insel Ebeye, einige dürfen den Militärs das Gelände putzen. Der King, ein freundlicher Playboy, residiert in verschiedenen Häusern auf mehreren Atollen. In Majuro hält er Hof in einem Restaurant. Seine Abendgesellschaften versinken im Kava-Rausch, doch sie bestimmen einen Großteil der marshallesischen Politik. Der King war einmal Präsident des Landes, er musste unter Korruptionsverdacht gehen. Jetzt will er Bikini und dessen Pfründen. Er unterhält Leute, die Jack beim Geldsammeln beobachten. Er sagt: "Bikini gehört mir, meine Mutter ist von dort." Dann lacht er und trinkt vom Kava, bis er in dessen Wolken versinkt. Jack kommentiert das nicht. Er wird mit dem King fertig, und mit seiner Frau holt er heute die Kinder vom Flugplatz. Sie studieren in den Staaten, er hat sie "rausgeprügelt". Vor seinem Büro schleichen die Autos, schleicht das Leben dieses Landes, beides kommt nie auf Touren. Selbst die Freundlichkeit der Leute soll diesem Trott geschuldet sein: Es braucht 20 Muskeln, um finster zu wirken, doch nur drei, um zu lächeln. Der Spruch kursiert in den Bars von Majuro, wo Experten und Entwicklungshelfer sich ab sechs Uhr abends durch die Getränkekarte arbeiten. "Ich hasse es zu sagen", sagt Jack, "aber wer etwas werden will, der muss hier raus."

Von seinem Büro aus lenkt er Bikinis Nebengeschäft: eine Tauchstation. Der Abstieg führt zu den bei den Tests versenkten Schiffen, umringt von friedlichen Haischwärmen. 2500 Dollar kostet eine Woche, das Angebot ist immer ausgebucht. Abends schlendern die Gäste durch die blühende Landschaft Bikinis, kaum etwas erinnert an die Atomtests. Wären da nicht die nummerierten Bäume, die Bunker, der fehlende Gesang in den Bäumen. Seine Mannschaft, zehn Leute, wird ein Mal im Jahr ausgetauscht. Viel mehr als bei einem Acht-Stunden-Flug, behaupten Expertisen, soll man dort auch nicht verstrahlt werden. Nur essen darf man weiterhin nichts von der Insel, noch ein paar Jahrtausende nicht.

Der Gewinn aus der Tauchstation wird ausgezahlt an die Gemeinde, jeder bekam ein paar Dollar letztes Jahr. Für eine funktionierende Kaffeemaschine in der Bikini Town Hall reichte es offenbar nicht. Kaffee ist wichtig, die Dame an der Rezeption schenkt ihn aus. Er vermittelt so etwas wie Heimatgefühl; auf Bikini gab es ein paar Felder. Kaffee hält wach, und sei es die Erinnerung.

Wieder waren es ein Dutzend, die auf den Bänken warteten, die Alten und die Jungen. Alle wollten sie zu Jack. Es geht um kaputte Autos, um Geld, um Jobs oder um die Tochter in Amerika, warum schreibt sie nicht? Das sind die Jüngeren. Die Alten wollen nur jemanden zum Reden. Jack, das wissen sie, hört immer zu. Sie hätten auch zum Bürgermeister gehen können oder zu dem Senator, der die Bikinianer im Parlament der Marshall-Inseln vertritt. Doch sie wählten Jack, Jack ist Amerikaner. Er ist verantwortlich.

"Sie hatten versprochen, sie würden sich um uns kümmern", sagt Jamose Aitap. "So lange, bis wir zurückkehren können nach Bikini." Heute Morgen ist er wieder herumgelaufen, noch vor Sonnenaufgang, ruhelos die Nacht. Ein Mal um die ganze Insel, über die Steine und den Müll, den sieht er längst nicht mehr. Jetzt sitzt er wieder auf der Matte. Rose und die beiden Männer am Tisch lachen. Jamose summt sich aus dem Raum, er hört sie nicht.

An den Tag, der alles veränderte, erinnert sich Jamose Aitap nicht mehr, wahrscheinlich war es ein Sonntag. Neuigkeiten wurden stets an Sonntagen verkündet. Doch die Hosen jenes Mannes sieht er deutlich. Der Wind fuhr darunter und plusterte sie, dass Jamose sagte: Hoffentlich fliegt er nicht davon. Daran erinnert er sich und an die Augen Miriams. Der Mann redete, Jamose verstand ihn nicht, aber es war gut. Sowieso wusste jeder, dass es gut würde. Alles, was von außen kam, war gut. Die Legenden erzählten davon: von den wunderbaren Wesen, den Welten jenseits des letzten Horizonts. Geister, die über das Wasser kommen, unbegreifbar, unergründbar. Zu fassen nur in einem magischen Wort: Fremde.

Dieser Fremde hatte kurze Hosen. Er sprach vom Exodus, von den Kindern Israels, die sie seien, vom Gelobten Land. Jamose verstand nicht viel, erst recht nicht von der Bombe, ein schwerer Stein wohl, womöglich ein Felsen. Das konnte tatsächlich gefährlich werden, falls der auf eine der kleinen Inseln fiel. Der Mann sprach vom Bösen. Und, wenn Jamose sich nicht täuscht, zu lange ist es her, von der Erlösung der Welt. Ach, hätte er nur richtig hingehört. Doch seine Gedanken waren bei Miriam, sie trug ein buntes Tuch. Sie sah ihn an, der Fremde redete. Sie würden wegmüssen von Bikini, so viel war klar.

Lesen Sie im 4. Teil: Mit den Deutschen kam das Kreuz, mit den Japanern das Büchsenfleisch - und die Amerikaner versprachen die Erlösung vom Bösen...

Doch natürlich würden sie wiederkommen, reich beschenkt, so war es ja stets. Seefahrer, selten genug kreuzten sie vor ihrer entlegenen Welt, brachten Schwerter und Speere, Gewehre und Dynamit. Sie gaben Porzellan und Netze, Kochtöpfe und Kleider. Mit den Deutschen kamen das Kreuz und das Bier, und mit allem ließ sich ordentlich leben. Später stießen die Japaner auf ihre Strände, sie brachten Sojasoße, Tabak, Büchsenfleisch, Reis auf Tellern. Und soviel Jamose von den Amerikanern bislang wusste, waren auch die nicht kleinlich.

So sind sie, die Geister, die Fremden. Und ganz sicher wird diese Bombe nicht schlimmer als ein Taifun. Noch mit jedem Sturm sind sie fertig geworden, selbst wenn er die Palmen rupfte und den Regen über die Wipfel drosch. Rechtzeitig stiegen sie in ihre Boote, und wenn der zürnende Worejabato besänftigt war, kehrten sie zurück. Verstohlen drückte ihm Miriam ihr Tuch in die Hand, alles war gut.

Als die Amerikaner die ersten Riffe sprengten, um das Atoll bereit zu machen für die Bombe, saß Jamose auf ihren Schiffen. Vor ihrer Wand, über die sprechende Schatten liefen, vergaß er sogar Miriam. Noch heute, ein Leben später, fröstelt es ihn, wenn er an seinen ersten Kinofilm denkt: sein Staunen über den Zauber, den sie aus leuchtenden Kästen zwangen. Ihr schwerer Stein und die Apparate, nein, es war kein Fehler, sich den neuen Herren zu beugen.

Jamose hörte die erste atomare Detonation nicht einmal. An jenem Tag war er, wie der Rest der knapp 170 Atollbewohner, längst von Bikini evakuiert. Als sie die Schiffe bestiegen, merkte er, dass er das Tuch vergessen hatte, Miriams Tuch. Egal, sie würden bald zurückkehren.

Sie waren zunächst auf Rongerik gelandet. Auf dem Atoll, rund 200 Kilometer von Bikini entfernt, hatten die Militärs ein "Modelldorf" hochgezogen: Wellblechhütten, in Reih und Glied, dazu eine Radiostation und eine Zisterne. Die Insulaner allerdings vermissten ihre Palmdachhütten und die Nähe ihrer Haustiere. Die eigentlichen Probleme aber waren anderer Art.

Die Kokospalmen trugen wenig und waren sowieso zu klein. Das brackige Brunnenwasser eignete sich kaum zum Trinken, die Fische in der Lagune waren ungenießbar. Die Ankömmlinge aßen das Mark der Bäume, was sie späterer Ernten berauben musste, und von dem Fleisch giftiger Fische. Nach ein paar Monaten lagen sie apathisch in den Hütten, von einer unerklärlichen Knochenkrankheit gequält, doch es dauerte weitere zwei Jahre, bis die Amerikaner ihre Schützlinge halb verhungert aus den Hängematten holten und nach Kwajalein brachten.

Auf der amerikanischen Militärbasis, von der aus noch heute Raketentests in der Südsee kontrolliert werden, campierten die Ausgesiedelten an einer Rollbahn. Auf dem streng bewachten Gelände hatten sie kaum Bewegungsfreiheit. Arbeiten durfte niemand, sie lernten, sich vom spendierten Büchsenfleisch zu sättigen. Ansonsten blieben sie sich selbst überlassen.

Kili ist ein kaum übers Meer reichendes Korallengrab, wie abgebrochen und Hunderte Meilen weggetrieben von den großen Atollen. Im Sommer 1948 waren sie schließlich hier gelandet, es war die letzte Möglichkeit. Die Inseln der Marshalls sind aufgeteilt unter zahlreichen Stämmen - auf fremdem Besitz zu siedeln hätte sie unter die Hoheit anderer Clans gezwungen. "Bei euch", sagt Jamose, "ist Geld der Preis für Land. Hier ist es Blut." Für Kili hätte nie jemand einen Tropfen vergossen, Kili gehörte niemandem.

Das Inselchen ist in einer Stunde zu umrunden, eine Hallig in der Südsee. Die Landepiste für das Flugzeug beansprucht beinahe eine ganze Seite der Insel. Ein Saum matter Palmen stemmt sich gegen den Wind, Geröll bricht die Wellen, doch eine Garantie ist das nicht. Mehrmals schon wurde Kili überschwemmt. In sechs stürmischen Monaten des Jahres holt die See jeden, der sich mit dem Boot hinauswagt. Kili war eine Gefängnisinsel der Japaner, für ihre heutigen Bewohner hat das den Ruch der Wahrheit. Denn 60 Jahre gelang es den meisten nicht, von hier wegzukommen. 60 Jahre, in denen sie hofften, dass sich die radioaktiven Isotope zersetzen mögen und ein barmherziges Geschick Bikinis Boden sauber fegte. Pfeil Kurz sah es so aus, als wäre das tatsächlich passiert. Ende der Sechziger erklärte US-Präsident Johnson das Bikini-Atoll für sicher. Messungen des Bodens, des Wassers und der Luft hätten deren Unbedenklichkeit ergeben.

An die 100 Bikinianer kehrten in die Heimat zurück, gegen die Zweifel der meisten auf Kili. Auch Jamose blieb, die Familie hatte entschieden. Die USA spendierten Häuser und eine Schule und Lebensmittel. Ein paar Jahre später zeigten sensiblere Messgeräte eine gefährliche Häufung radioaktiver Isotope in Krabben und Kokosnüssen. Vor allem Cäsium-137 sammelte sich in den Pflanzen an, ihr Verzehr zerstört das lebenswichtige Kalium im menschlichen Körper.

Die Amerikaner verteilten Zettel, die dazu aufriefen, die Kinder von den Kokospalmen zu verjagen. Sie schickten Wasser und mehr Nahrung, doch die Lieferungen kamen immer unregelmäßiger. Am Ende aßen die Rückkehrer die Früchte der Insel, um zu überleben. Zehn Jahre nach ihrer Heimreise nach Bikini wurden sie ein weiteres Mal evakuiert. Diesmal nach Ejit, einem Zipfel Land nahe der marshallesischen Hauptstadt Majuro. Eine Rückkehr nach Kili kam für sie nicht in Frage. Die Scham war zu groß.

Es folgten noch weitere Versuche der Rückkehr, nur um festzustellen, dass dies auf Dauer unmöglich ist. Etwa 30.000 Jahre beträgt die Halbwertszeit von Cäsium-137. Eine Hoffnung zerfällt schneller. Irgendwann wurden Jamose die Nächte zu kurz, seither geht er seine Runden um die Insel. So, als brächten sie ihn näher an die verlorene Heimat. Irgendwann drehte sich Jamose zur Küchenwand, um sie in langen Tagen anzusingen. 60 Jahre nach seinem Weggang von Bikini wendet er den Kopf von seiner Klagemauer: "Das Tuch", flüstert Jamose, "ich will es wiederhaben." Die Kaffeemaschine in der Bikini Town Hall läuft wieder. Jack nimmt einen Becher und stößt mit ein paar Besuchern an; er feiert diesen kleinen Sieg. Größere wird er wohl nicht mehr erringen. Kaum einer, sagt Jack, frage noch, wann es losgeht. Selbst er glaubt nicht, dass alle ins Boot springen, wäre Bikini morgen sauber.

Da ist die lange Zeit, sind die neue und die alte Generation. Da ist die zerrissene Gemeinde auf den Inseln, dieses andere Spaltprodukt der Tests. Längst ist den einen "die Bombe" zum Segen gewandelt, zum Quell ewiger Blüte. Jedenfalls so lange, wie die Zahlungen der Amerikaner anhalten. Darum wird den Bombardements gehuldigt, wenn etwa zu Bikinis Weihnacht aus aufwendig gebastelten Kästen raffinierte Detonationen schlagen.

Und da sind die anderen, sind ihre traurigen Versuche der Rückkehr. Die Bikinianer sind verunsichert, sie fordern jetzt Standards, die selbst den Amerikanern zu hoch sind: 1 Millisievert gilt als sicher, auch die bereinigten Testgelände in Nevada strahlen nicht über diesen Wert. Die Bikinianer verlangen 0,15 Millisievert. Das ist nicht nur illusorisch, es verteuert die Rückkehr um ein Vielfaches.

Dabei ist Bikini längst weg aus dem Fokus der Politik. Jack will die Insulaner trotzdem zurückbringen. Es ist seine Lebensaufgabe, seit er als Student ihre Geschichte zum ersten Mal las. Seit er sich zum ersten Mal empörte über die Reden vom Gelobten Land, seit er die tristen Wirklichkeiten auf Kili und Ejit erlebte. Und erst recht, seit er diese Menschen kennt. "Sie sind wie Pinguine, jeder kann sie umhauen." Darum fährt er mit ihnen bis nach Washington, um neue Gelder zu bekommen, immer wieder. Er hat mehrere goldene Karten verschiedener Fluggesellschaften, er bringt seine Leute in die Vorzimmer von Senatoren, er stellt sie vor Kameras. Er will, dass Amerika nicht vergisst. Er ahnt, dass mit den Alten auch die Erinnerung der Welt an die Ereignisse von damals stirbt. "Ich mache das", sagt er, "ich schaffe den clean-up."Er ist bald 50, er sagt, er ist ziemlich müde. Doch er ist immer noch Moses.

Und was will er tun, wenn Bikini wieder sauber ist? Jack druckst. An seiner Wand im Büro hängt seit kurzem wieder eine Karte der USA. Na ja, sagt er, die Staaten könnte er sich schon vorstellen.

Er schämt sich ein wenig dafür, aber so ist es. Auch Jack will nach Hause.

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