Ausfall von Routinechecks Amtsärzte warnen vor Entwicklungsdefiziten bei Erstklässlern

Wegen Coronavorschriften und Personalmangels bleiben in Deutschland teils die medizinischen Schuluntersuchungen aus – Beeinträchtigungen der Kinder werden damit womöglich nicht entdeckt. Ein Verband schlägt nun Alarm.
Erstklässler in Niedersachsen: »Sorge ist groß, dass immer noch viele Kinder mit Förderbedarf nicht oder viel zu spät erkannt werden« (Symbolfoto)

Erstklässler in Niedersachsen: »Sorge ist groß, dass immer noch viele Kinder mit Förderbedarf nicht oder viel zu spät erkannt werden« (Symbolfoto)

Foto: Moritz Frankenberg/ DPA

Kinder, die in der Entwicklung hinterherhinken oder gesundheitlich eingeschränkt sind, haben es in der Schule schwerer – erst recht, wenn die Beeinträchtigungen von Eltern und Lehrkräften lange unentdeckt bleiben. Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) prangert nun an, dass es durch vielfach unzureichende Untersuchungen bei der Einschulung zu Entwicklungsdefiziten bei Schulanfängern kommen könne.

»Wenn niemand erkennt, dass ein Kind nicht gut sehen oder hören kann, kann das Folgen für die ganze Schulkarriere haben«, sagte der BVÖGD-Vorsitzende Johannes Nießen den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»Wir gehen davon aus, dass bundesweit im aktuellen Schuljahr ein Teil der Schüler ohne Schuluntersuchung eingeschult worden ist«, sagte er weiter. »Unsere Sorge ist groß, dass aktuell immer noch viele Kinder mit Förderbedarf nicht oder viel zu spät erkannt werden.« Neben dem Sehen und Hören nannte Nießen auch unbemerkte Einschränkungen der Motorik oder der Sprachfähigkeit.

Köln führte coronabedingt zeitweise nur jede vierte Untersuchung durch

Im bundesweit größten Gesundheitsamt in Köln, das von Nießen geleitet wird, hätten die Amtsärzte im vergangenen Schuljahr aufgrund der Pandemie nur 25 Prozent der Schulanfänger untersuchen können. Im laufenden Jahr konnten demnach 75 Prozent der Kinder vor der Einschulung untersucht werden – jeder vierte Schüler startet das Schuljahr somit ohne Untersuchung. Auch andere Gesundheitsämter in Deutschland hätten nicht hundert Prozent der Untersuchungen geschafft.

Als Grund für die Lücken nannte Nießen den Personalmangel in den Gesundheitsämtern, Ausfälle von Terminen durch Erkrankungen, aber auch den größeren Zeitaufwand durch die coronabedingten Hygienevorschriften. »Früher konnten wir acht bis neun Kinder pro Team am Vormittag untersuchen, heute nur sechs.«

Hinzu käme, dass durch die Pandemie der Förderbedarf deutlich gewachsen sei: Kinder seien im dritten Jahr der Pandemie im Schnitt deutlich häufiger übergewichtig, hätten mehr grobmotorische Defizite als frühere Jahrgänge und schlechtere sprachliche Fähigkeiten, sagte Nießen.

fek/dpa/AFP
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