Holpriger Schulstart in Berlin Hunderte Grundschulkinder müssen nach den Ferien direkt ins Homeschooling

Lehrermangel und kaputte Gebäude: Berlin ist mit etlichen »Dauerbaustellen« ins neue Schuljahr gestartet. An einer Grundschule ist wegen Schimmelbefalls kein regulärer Unterricht möglich. Rund 700 Kinder müssen zu Hause bleiben.
Eingangsbereich der Anna-Lindh-Schule in Berlin-Wedding: Wegen Schimmels ist das komplette Hauptgebäude gesperrt

Eingangsbereich der Anna-Lindh-Schule in Berlin-Wedding: Wegen Schimmels ist das komplette Hauptgebäude gesperrt

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Jürgen Ritter / imago images/Jürgen Ritter

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In Berlin hat am Montag das neue Schuljahr angefangen – mit »alten« Problemen: akute Personalnot, mangelnde Unterrichtsversorgung, kaputte Schulgebäude.

Die Stadt hat zwar vor einigen Jahren eine Schulbauoffensive gestartet, kommt mit Neubau und Sanierung aber offenbar an vielen Stellen nicht schnell genug voran. Die Folgen sind mancherorts gravierend. An der Anna-Lindh-Schule im Stadtteil Wedding müssen die rund 700 Schülerinnen und Schüler nach den Sommerferien mindestens eine weitere Woche zu Hause verbringen, im Distanzunterricht.

Die Schule sei vom Gesundheitsamt nicht für das neue Schuljahr freigegeben worden, teilte Schulleiter Mathias Hörold kurz vor Schulbeginn auf der Website der Schule in einem Rundschreiben  an die Eltern mit. Grund dafür sei der Schimmelbefall in einzelnen Gebäudeteilen. Das Gesundheitsamt habe präventiv im Sinne der Gesundheit der Kinder und Beschäftigten entschieden.

Regulären Unterricht an einem alternativen Ort konnten die Behörden offenbar nicht rechtzeitig zum ersten Schultag für die Kinder organisieren. Alle Kinder würden vorerst im Homeschooling unterrichtet. Die Schule biete zudem eine Notbetreuung an, heißt es in Hörolds Rundschreiben an die Eltern. »Aufgrund der sehr kurzen Vorbereitungszeit und der Nichtverfügbarkeit fast aller Unterrichtsräume« werde es Einschränkungen im Unterrichtsangebot geben müssen.

»Eine grundlegende Sanierung hat die Politik jahrelang sträflich vernachlässigt«

Der Schulleiter wollte sich am Montag zu einer SPIEGEL-Anfrage nicht äußern. Er habe in dieser schwierigen Situation wirklich keine Zeit, hieß es aus seinem Sekretariat, sondern er verweise an das zuständige Schulamt. Hier blieb eine Anfrage des SPIEGEL bis zum Nachmittag unbeantwortet.

Anke Erler, Vorsitzende des Fördervereins der Anna-Lindh-Schule und ehemalige Elternsprecherin, erklärt am Telefon, die Schule sei schon seit Jahren stark baufällig und inzwischen »wohl nicht mehr zu retten«. Bereits bei der Einschulung ihres ältesten Kindes vor acht Jahren sei die Rede davon gewesen, dass es in das in den 1950er-Jahren erbaute Gebäude hineinregne und es ein Schimmelproblem gebe.

»Eine grundlegende Sanierung der Schule hat die Politik jahrelang sträflich vernachlässigt und das Thema immer wieder verschleppt«, kritisiert Erler. »Man hätte sich spätestens im vergangenen Jahr für einen Neubau entscheiden und einen reibungslosen Umzug der Kinder organisieren müssen.« Dass das gesamte Hauptgebäude nun nicht nutzbar sei, stelle für sie und viele andere Eltern keine Überraschung mehr dar, erklärt die Mutter, deren Kinder inzwischen auf weiterführende Schulen gehen.

Auch der Tagesspiegel  berichtet, die Anna-Lindh-Schule, die in einem sozialen Brennpunkt liege, habe bereits länger Probleme mit Schimmelbefall. Im Jahr 2021 mussten deshalb elf Klassen nach den Osterferien erst einmal zu Hause bleiben. In demselben Jahr sei die letzte Sanierung mit einem Aufwand von mehr als fünf Millionen Euro abgeschlossen worden, doch der Schimmel sei in mehreren Gebäudeteilen erneut aufgetreten, heißt es in einem weiteren Bericht der Zeitung. 

Warum die jetzige Schulschließung erst wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres bekannt gegeben wurde, erklärt Bezirksstadträtin Stefanie Remlinger dem Bericht zufolge so: Die Entscheidung dazu sei am 3. August gefallen, da weitere Schimmelmessungen in anderen Gebäudeteilen angestanden hätten. Eine Kontamination des gesamten Gebäudes sei nicht auszuschließen, deshalb habe sich der Bezirk doch zu einem Komplettumzug durchgerungen. Man sei dennoch nicht während der Urlaubszeit an die Öffentlichkeit gegangen, um in der Zwischenzeit möglichst viele Details zu klären.

Laut Hörolds Rundschreiben an die Eltern will der Schulträger ein Gebäude am Saatwinkler Damm als Ausweichschule anmieten. Das Hortgebäude und der Container am alten Standort dürften bis zum vollständigen Bezug des neuen Gebäudes noch genutzt werden. Ab kommenden Montag sollen die Klassen eins und zwei dort unterrichtet werden, die Fünft- und Sechstklässler am neuen Ausweichstandort.

»Ich bin froh, dass die neue Stadträtin die Probleme endlich ernst nimmt und angeht«, sagt Anke Erler. »Aber die ersten Schritte, wie das Homeschooling, tun jetzt erst mal weh.« Es sei nun das Mindeste, dass der Betrieb an dem neuen, knapp vier Kilometer entfernten Standort reibungslos anlaufe und gut organisiert werde. Erler betont, nötig sei unter anderem ein funktionierender Shuttlebus für die Kinder, um den neuen, längeren Schulweg zu bewältigen. Die neue Schule – bisher ein Bürogebäude – müsse komplett mit Schulmöbeln und sonstigen Unterrichtsmaterialien ausgestattet werden, »sodass sich die Kinder auch wohlfühlen«.

Stundentafel kürzen wegen Personalnot?

Kaputte Schulgebäude sind nicht die einzige Baustelle, mit der Berlin im neuen Schuljahr umgehen muss, wie Astrid-Sabine Busse, Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, selbst einräumt. »Auch das neue Schuljahr wird kein normales Schuljahr, zu vielfältig sind die Herausforderungen durch die Pandemie und durch die Auswirkungen des schrecklichen Angriffskrieges auf die Ukraine«, schreibt sie in einer Mitteilung .

Astrid-Sabine Busse (SPD), Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie

Astrid-Sabine Busse (SPD), Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Familie

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Britta Pedersen / dpa

»Der bundesweite Lehrkräftemangel macht uns zusätzlich zu schaffen«, so Busse. Nach Angaben der Bildungsverwaltung lag der Einstellungsbedarf bei 2645 unbefristeten Vollzeitstellen, allerdings konnten bisher nicht alle besetzt werden. Der Senatorin zufolge waren zuletzt noch 875 Stellen offen – bei insgesamt mehr als 34.000 Lehrkräften. Etliche der neu eingestellten Lehrerinnen und Lehrer sind Quereinsteiger ohne reguläres Lehramtsstudium.

SPD-Bildungsexperte Marcel Hopp forderte angesichts des anhaltenden Lehrkräftemangels Kürzungen bei der sogenannten Stundentafel, die festlegt, wie viele Stunden in welchem Fach unterrichtet werden. Die Rückkehr zur Verbeamtung in Berlin werde zwar einen positiven Effekt haben, sagte Hopp laut einem Bericht der Berliner Morgenpost . Der Lehrkräftemangel werde in den nächsten Jahren aber bleiben.

»Ich sehe mit Sorge, dass die Unterrichtsbelastung für Schüler, insbesondere in weiterführenden Schulen, hoch ist. Und wir wissen aus der Lernpsychologie, dass sich zu viel Fachunterricht negativ auf nachhaltige Lernprozesse auswirkt«, wird Hopp zitiert.

Im neuen Schuljahr hat die Zahl der Berliner Schülerinnen und Schülern laut Schulsenat ein Rekordniveau erreicht. An allgemeinbildenden Schulen stieg sie im Vergleich zum vergangenen Schuljahr um gut 6800 auf 383.290.

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