Fehlende Nachschreibetermine Studierende in Augsburg haben Angst vor Infektion bei Prüfungen

Wirtschaftsstudierende in Augsburg müssen ihre Klausuren in Präsenz schreiben – und fürchten, dass auch Infizierte antreten. Denn Nachschreibetermine soll es dieses Semester nicht geben.
Prüfung unter Coronabedingungen: Für die Hochschulen eine logistische Herausforderung

Prüfung unter Coronabedingungen: Für die Hochschulen eine logistische Herausforderung

Foto: Universität Augsburg

Bei den Studierenden der Wirtschaftswissenschaften in Augsburg geht vor den Klausuren offenbar die Angst um. Aber nicht etwa vor Prüfungsfragen nach kontraktiver Geldpolitik oder der analytischen Ableitung der LM-Funktion, sondern wegen der Coronapandemie: »Kenne jetzt schon zwei Leute, die aktuell positive Schnelltests haben und nächste Woche trotzdem zu den Klausuren gehen wollen…«, schreibt ein Nutzer in der Chatgruppe »WiWi’s helfen WiWi’s Uni Augsburg«. Ein Screenshot der Nachricht liegt dem SPIEGEL vor. Der Nutzer fragt: »Kann man sich da nicht irgendwie mit der Uni-Leitung in Kontakt setzen?«

»Wir sind schon die komplette Pandemie mit der Uni im Gespräch«, sagt Laura Spickenreuther von der Fachschaft der Studierenden der Wirtschaftswissenschaften. Doch in der aktuellen Omikron-Welle fühle sie sich nicht ernst genommen. An ihrer Fakultät sollen rund 4000 Studierende von dieser Woche an jeweils fünf bis sieben Klausuren schreiben, und zwar in Präsenz.

Das Problem: Die Fakultät biete erst in ein oder teils sogar zwei Semestern einen Nachschreibetermin an. In Augsburg liegt die Inzidenz aktuell bei knapp 2000, in der Altersgruppe der Studierenden sogar noch höher. Die Studierenden treibe die Sorge um, dass Prüflinge trotz Quarantäne oder Infektion zu den Klausuren gehen, so Spickenreuther.

Die Fachschaft betreue mehrere Chatgruppen, dort hätten Menschen angekündigt, sich aus Sorge vor einem positiven Ergebnis vor den Prüfungen nicht mehr testen zu wollen oder gar überlegt, trotz einer Infektion teilzunehmen. Ähnliche Ankündigungen gebe es anonym auf der Plattform Studydrive. Der Grund laut Spickenreuther: Das Studium für den Nachschreibetermin zu verlängern, sei für manche Studierende finanziell ein echtes Problem. Ähnliche Sorgen haben Studierende in Frankfurt oder Bochum, wie etwa die »FR « und die »WAZ « berichten.

Ein Viertel der Prüflinge erscheine unabhängig von Corona nicht zu Prüfungen

Die Uni Augsburg kontert: »In jedem Semester erscheinen im Durchschnitt circa 25 Prozent der Studierenden nicht zu den angemeldeten Prüfungen«, so Wolfgang Schultze, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Der Anteil sei in den vergangenen Corona-Semestern nicht signifikant angestiegen.

Selbstverständlich sei es verboten, trotz Infektion oder Quarantäne teilzunehmen, sagt Manuela Rutsatz, Pressesprecherin der Uni Augsburg. Auch Geimpfte und Genesene verpflichtend zu testen, gehe nicht. In den Prüfungen gelte 3G, so sei nun mal die Rechtslage, sagt Rutsatz. Die Uni empfehle aber allen Studierenden, sich zu testen, gebe dafür kostenlos Schnelltests aus und betreibe ein eigenes Testzentrum. Auch seien die Hygienevorschriften in den Prüfungen sehr hoch.

Die Uni hat für die Klausuren erstmals ein großes Zelt aufgestellt, wie man es sonst vom Oktoberfest kennt. Bis zu 545 Personen könnten hier »mit größtmöglichem« Abstand gleichzeitig geprüft werden. Eine Ölheizung bläst warme Luft in den Raum. »Meine Kommilitonen sagen, mit Jacke könne man dort gut sitzen, ohne dass es kalt werde«, sagt Fachschaftsvertreterin Laura Spickenreuther. Die Uni biete zudem Ohrstöpsel für diejenigen an, die das Geräusch des Gebläses störe.

Prüfungszelt in Augsburg: Platz für 545 Studierende

Prüfungszelt in Augsburg: Platz für 545 Studierende

Foto: Universität Augsburg

Zwei bis drei Prüfungen fänden hier täglich statt, sagt Pressesprecherin Rutsatz. Ihr zufolge werden auch noch zahlreiche andere Räumlichkeiten genutzt. Etwa 20.000 Einzelklausuren würden in jedem Semester geschrieben. »Aufgrund der hohen Anzahl an Studierenden und Klausuren sind Wiederholungsprüfungen im direkten Anschluss an die sechswöchige Prüfungsphase nicht organisierbar«, erklärt Dekan Schultze.

Vorbild Orkan Sabine

Spickenreuther hingegen sagt, die Uni habe schon einmal bewiesen, dass sie auch anders könne. Als im Frühjahr 2020 der Orkan Sabine über Bayern wütete und vielerorts Studierende hinderte, an Klausuren teilzunehmen, habe die Uni kurzfristig einen Ausweichtermin organisiert. »In diesem Fall wurde die Sicherheit und die Gesundheit der Studierenden richtigerweise priorisiert«, heißt es in einem Brief des Studienrats, (StuRa Wiwi), der die Studierenden auf Fakultätsebene vertritt.

Eine Lösung wie bei dem Sturm vor zwei Jahren sei aus organisatorischen Gründen nicht möglich, teilte das Dekanat am Donnerstag mit. Man habe sich mit dem StuRa ausgetauscht und vereinbart, dass es im nächsten Semester zusätzliche Angebote zur Wiederholung von Klausuren geben solle. Zudem beobachte das Dekanat die laufende Prüfungssituation und werde, »sollte es außergewöhnliche hohe Abwesenheiten insbesondere bei den Großprüfungen geben, hierfür Wiederholungsmöglichkeiten noch in diesem Semester schaffen«. StuRa-Vorsitzende Pauline Haber sagte dem SPIEGEL, das sei ein Schritt in die richtige Richtung, für sie sei das Thema damit vorerst erledigt.

Unterstützung aus dem Parlament

Stefan Edenharder, Präsident des studentischen Konvents, dem Parlament der Studierendenschaft in Augsburg, sagte dem SPIEGEL, er habe weiterhin Sorge, dass es in den Wirtschaftswissenschaften einen Fehlanreiz gebe, die Prüfungen trotz Infektion oder Quarantäne zu besuchen. »Ich hoffe, dass noch ein Einlenken kommt, dass zumindest für die größten und wichtigsten Prüfungen Wiederholungen noch in diesem Semester angeboten werden.«

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Der FDP-Abgeordnete Wolfgang Heubisch sprach das Thema am Donnerstagmittag im bayerischen Landtag an: Keine Wiederholungsprüfungen im laufenden Semester anzubieten, »das dürfen wir den jungen Leuten nicht antun«, auch wenn das teuer und schwer zu organisieren sei. Er forderte den bayerischen Wissenschaftsstaatsminister Bernd Sibler auf, einzuschreiten.

Sibler entgegnete, das Schreiben, dass Unis Wiederholungstermine anbieten sollten, sei bereits letzte Woche rausgegangen. Er sei selbst überrascht über die Situation in Augsburg.