Bad Ems hält Grundschulen weiter geschlossen »Das ist, wie bei Nebel mit 150 Sachen über die Autobahn zu rasen«

In Rheinland-Pfalz gibt es seit diesem Montag wieder Präsenzunterricht für Grundschüler – Bad Ems macht dabei aber nicht mit. Hier spricht Bürgermeister Oliver Krügel über die Gründe.
Ein Interview von Armin Himmelrath
Foto: Annette Riedl / dpa

SPIEGEL: Rheinland-Pfalz hat am Montag die Grundschulkinder wieder in den Präsenzunterricht geholt. Sie aber haben entschieden, dass die Grundschulen in Bad Ems geschlossen bleiben. Warum?

Krügel: Das war eine Entscheidung, die ich nach Gesprächen mit vielen Eltern angeregt habe und die dann in Zusammenarbeit zwischen dem Kreisgesundheitsamt und der Schulaufsicht getroffen wurde. Wir haben aktuell eine Inzidenz von über 170 in der Verbandsgemeinde, die Virusmutanten breiten sich immer stärker aus. Als Bürgermeister sehe ich mich in der Verantwortung für die Gesundheit aller Bürger. Hierzu zählen auch die Kinder und das Personal in den Schulen und Kitas. Die Verantwortung nehme ich sehr ernst, und deshalb habe ich diese Anregung gegeben.

Zur Person
Foto: Stadt Bad Ems

Oliver Krügel, Jahrgang 1985, ist CDU-Kommunalpolitiker und seit August 2019 Stadtbürgermeister in Bad Ems.

SPIEGEL: Und jetzt stehen die Eltern bei Ihnen auf der Matte und beschweren sich, weil der Schul-Shutdown noch einmal verlängert wurde?

Krügel: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die ganz, ganz große Mehrheit begrüßt diesen Schritt ausdrücklich.

SPIEGEL: Aber die Stimmen für die Wiederöffnung der Schulen und die dringende Rückkehr zum Präsenzunterricht waren in den vergangenen Wochen doch sehr laut…

Krügel: Ehrlich gesagt halte ich es für ein Märchen, dass die Eltern überwiegend auf schnelle Öffnung drängen. Natürlich gibt es einzelne Familien, die dringend auf die Betreuung ihrer Kinder in Schulen und Kitas angewiesen sind – und für die gab es ja auch überall die Notbetreuung. Das hat in den vergangenen Wochen sehr gut funktioniert, und diese nehmen wir so schnell wie möglich wieder auf. Dass das Land derzeit von einem »Regelbetrieb für den dringenden Bedarf« spricht, halte ich für eine Worthülse. Vom Regelbetrieb sind wir meilenweit entfernt.

SPIEGEL: Aber zeigt nicht die Öffnung vor allem der Grundschulen in zehn Bundesländer an diesem Montag einen ganz anderen Trend?

Krügel: Ich kann das nicht für alle Länder beurteilen, wohl aber für meine Stadt. Und wenn ich dann höre, wie angesichts der wieder steigenden Inzidenzzahl und der Unsicherheiten bei der Virusmutation krampfhaft am Präsenzunterricht festgehalten wird, dann fehlt mir jedes Verständnis. Das ist so, wie bei dichtem Nebel mit 150 Sachen über die Autobahn zu rasen. Und dann noch mal zu beschleunigen, wenn die Sichtweite unter 50 Meter fällt.

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SPIEGEL: Wie geht es jetzt weiter?

Krügel: Die Grundschulen bleiben erst mal bis zum Wochenende zu. Zwei Kitas sind wegen Infektionsgeschehen ebenfalls geschlossen, über die anderen haben wir heute mit dem Landesjugendamt, der Kreisverwaltung und Verbandsgemeinde gesprochen – und entschieden, dass alle Kitas in der Stadt Bad Ems bis einschließlich 5. März geschlossen bleiben. Diese Entscheidung wurde nach eingehender Risikobewertung und unter Berücksichtigung des lokalen Infektionsgeschehens getroffen, um die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen.

SPIEGEL: Aber das heißt doch, dass jetzt viele Kinder auf unbestimmte Zeit weiter zu Hause bleiben müssen – mit all den psychischen Problemen, vor denen Fachleute schon seit Wochen warnen. Und mit dem Risiko, dass noch mehr Kinder den Anschluss verlieren.

Krügel: Die Gefahr sehe ich, und da muss auch immer das Kindeswohl in die Betrachtung einfließen. Aber ein Grundpfeiler des Kindeswohls ist schließlich auch die physische Gesundheit – und wir wissen zu wenig über die Mutationsvariante. Wir müssen eins verstehen: Das Virus interessiert diese ganze Diskussion um verschiedene Formen des Präsenzunterrichts nicht. Wer verstanden hat, wie das Virus funktioniert, der kann guten Gewissens keine einzige Grundschule öffnen und Kitas allenfalls in einem echten Notbetrieb.

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