Gefälschtes Prüfsiegel Lehrkräfte in Baden-Württemberg offenbar mit mangelhaften Schutzmasken ausgerüstet

Die baden-württembergische Landesregierung hat an Schulen Millionen Masken verteilt, um Lehrerinnen und Lehrer vor dem Coronavirus zu schützen. Doch an der Qualität der Ware gibt es Zweifel.
Ausgegebene Masken: »Diese Masken sind nicht verkehrsfähig. Sie sollten auf keinen Fall verteilt werden«

Ausgegebene Masken: »Diese Masken sind nicht verkehrsfähig. Sie sollten auf keinen Fall verteilt werden«

Die baden-württembergische Landesregierung hat Masken an Lehrerinnen und Lehrer verteilt, die zum Teil Ramschware sein könnten. Bereits Ende November hatte das Kultusministerium angekündigt, rund 2700 weiterführende und berufliche Schulen mit FFP2-Masken und OP-Masken zu versorgen, damit sich die Lehrkräfte vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen können.  

Vor Weihnachten wurden mehr als acht Millionen Masken aus dem Bestand des Sozialministeriums an die Lehrer verteilt, allerdings äußerten mehrere Schulen schnell Zweifel an der Qualität der Ware.  

Gefälschtes Logo

Ein Sportlehrer einer Schule, die mit Masken beliefert worden war, wendete sich diesbezüglich an den SPIEGEL. Am 11. Dezember habe er 40 Masken erhalten, sagt er. Er habe allerdings nicht wie angekündigt FFP2-Masken bekommen, sondern Masken mit der Schutzklassenbezeichnung KN95. Laut Verpackung wurden sie in China produziert, als Hersteller ist ein Unternehmen namens Ryzur aus Peking verzeichnet. 

Dem Lehrer fiel unter anderem auf, dass auf manchen Verpackungen ein grünes Logo zu sehen ist, auf dem »DEKRA tested« steht. Die Stuttgarter Produktprüfgesellschaft Dekra testet und zertifiziert seit knapp 30 Jahren persönliche Schutzausrüstung. Der SPIEGEL legte der Dekra mehrere Fotos der ausgelieferten Masken vor. Die Prüfgesellschaft teilte daraufhin mit, dass das auf den Verpackungen verwendete Logo nicht existiere und eine Fälschung sei. 

»Diese Masken haben wir garantiert nicht getestet«, sagt Dekra-Geschäftsführer Jörg-Timm Kilisch. »Das ist Schwindel, diese Masken sind nicht verkehrsfähig. Sie sollten auf keinen Fall verteilt werden.«

»Rechtliche Schritte prüfen«

Die Dekra habe zwar im April 2020 insgesamt fünf Maskentypen von Ryzur getestet, sagt Kilisch. Ein Typ sei positiv bewertet worden, vier Typen hätten den Test nicht bestanden und daher ein negatives Ergebnis bekommen. Die Masken, die der Sportlehrer erhielt, wurden laut Verpackung allerdings erst im Juni 2020 produziert, weswegen Kilisch eine Dekra-Testung bei dieser Ware ausschließt. Die Prüfgesellschaft, sagt der Geschäftsführer, wolle nun herausbekommen, wer die Masken importiert habe. Man werde »rechtliche Schritte prüfen«, sagt Kilisch. Die verteilten Masken sollten »so schnell wie möglich zurückgeholt werden«.

Das Sozialministerium in Stuttgart hat die Masken beschafft, das Kultusministerium ist für die Verteilung zuständig. Der SPIEGEL hat beide Ministerien um eine Stellungnahme gebeten. In einer gemeinsamen Antwort weist die Landesregierung den Vorwurf zurück, Masken aus zweifelhafter Quelle und mit fragwürdiger Schutzwirkung ausgegeben zu haben. Die Masken seien im Frühjahr 2020 bezogen worden, teilt ein Sprecher des Sozialministeriums mit. Für die Masken des Typs Ryzur liege ein Dekra-Zertifikat vor, eine technische Nachprüfung von Stichproben habe die in diesen Zertifikaten ausgewiesenen Filtrationswerte bestätigt. 

Im Zusammenhang mit dem mutmaßlich gefälschten Dekra-Logo heißt es: »Dem Sozialministerium ist bislang nicht bekannt, dass bei einer vom Land beschafften Maske ein solcher Aufdruck angebracht ist.« Es müsse sich hierbei »wohl um Masken aus den Bundeslieferungen« handeln, teilt der Sprecher mit und verweist auf das Bundesgesundheitsministerium.  

»Kaputtes Weihnachtsgeschenk«

Doch die Kritik an der Landesregierung wächst. Sie wird inzwischen auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorgebracht. Das geht aus einer E-Mail hervor, die der GEW-Landesverband Baden-Württemberg am 17. Dezember an Schulleiterinnen und Schulleiter verschickte und die dem SPIEGEL vorliegt. Man sei ernüchtert, schreibt die GEW-Vorsitzende Monika Stein, dass das Land KN95-Masken statt FFP2-Masken verteilt habe. Zudem seien die Lehrkräfte verunsichert und fragten sich, ob diese Masken zuverlässig vor einer Ansteckung schützten.  

Gegenüber der GEW habe die Landesregierung versichert, dass die ausgelieferten Masken eine gute Schutzwirkung hätten, heißt es in dem Schreiben. Doch viele Lehrerinnen und Lehrer bleiben offenbar trotzdem skeptisch. Zuletzt hätten sich »mehrere Hundert Schulen« wegen der Masken bei der GEW gemeldet, sagt Geschäftsführer Matthias Schneider dem SPIEGEL. Diese Kritik habe man an das Kultusministerium weitergeleitet.  

Schneider sagt: »Den Lehrkräften wurden sichere Masken versprochen, dann machen sie die Verpackungen auf und finden heraus: Diese Masken taugen nur eingeschränkt, sind vielleicht sogar fehlerhaft. Das ist ein kaputtes Weihnachtsgeschenk. Die Landesregierung macht sich immer für Präsenzunterricht stark. Gleichzeitig haben unsere Lehrkräfte das Gefühl, dass sich ihr Arbeitgeber nicht ausreichend um ihre Sicherheit kümmert. Das passt nicht zusammen.«

Das Kultusministerium bestätigt »einige Rückfragen« vonseiten der Lehrkräfte zu der Maskenlieferung. Auch beim Sozialministerium seien »Einzelanfragen« eingegangen, heißt es von dort. Eine Aufforderung, die verteilten Masken wieder einzusammeln, sei der Landesregierung jedoch »nicht bekannt«.

Eine Rückholaktion ist derzeit offenbar nicht geplant. Bald sollen noch rund 24 Millionen OP-Masken an die Schulen verschickt werden. 

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