Schulwahl in Baden-Württemberg "Wir Eltern wollen unser Recht behalten"

Bisher durften Eltern im Südwesten frei entscheiden, auf welche Schule ihr Kind ab der 5. Klasse geht. Nun steht plötzlich wieder alles zur Diskussion, weil sich sogar Lehrerverbände untereinander streiten.
Wohin nach der Grundschule? Eltern wollen weiter entscheiden

Wohin nach der Grundschule? Eltern wollen weiter entscheiden

Foto: dapd

Wer darf entscheiden, auf welche Schule das Kind nach der Grundschule geht? Die Eltern? Oder die Lehrer? In Baden-Württemberg kocht dieser Streit gerade wieder hoch. Zerstritten sind nicht nur Politiker, Eltern und Lehrer, sondern auch Lehrerverbände untereinander. Das Thema ist nicht nur im "Ländle" ein Dauerpolitikum - mit verhärteten Fronten.

Auslöser war im akutellen Fall ein Vorstoß der Arbeitsgemeinschaft der Realschuldirektoren in Baden-Württemberg. Sie hatten gefordert, Müttern und Vätern das im Jahr 2011 von der rot-grünen Landesregierung zugestandene Wahlrecht wieder zu streichen. Zu viele Eltern nutzten ihr Recht nicht verantwortungsvoll. Etliche Kinder landeten deshalb auf einer Schulform, die nicht der Empfehlung der Grundschullehrer entspreche und würden darunter leiden.

"Die Eltern versuchen es einfach einmal - ohne Rücksicht auf die Kinder", lässt sich der Vorsitzende der AG, Holger Gutwald-Rondot, von "News for teachers" zitieren.  Der Bundesverband der Realschullehrer sprang den Kollegen im "Ländle" prompt zur Seite.

Die bindende Grundschulempfehlung müsse zum Wohle der Kinder nicht nur an Realschulen, sondern an allen Schularten wiedereingeführt werden. Junge Menschen würden in "falsche Bildungsgänge" getrieben, letztlich aufgrund von "ideologischen Gleichheitsfantasien", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung 

Erst hü, dann hott

SPD und Grüne hatten die Verbindlichkeit der Empfehlung aufgehoben, weil sie den Eltern eigenverantwortlich die Entscheidung darüber lassen wollten, welche Schulform ihr Kind nach der 4. Klasse besucht. Das Ziel: Das Bildungssystem sollte sozial gerechter werden, der Schulerfolg weiter vom Elternhaus abgekoppelt werden. Im vergangenen Jahr hatte die nachfolgende Landesregierung von Grünen und CDU die Elternrechte jedoch wieder leicht eingeschränkt: Mütter und Väter müssen bei der Anmeldung für die weiterführenden Schulen die Grundschulempfehlung vorlegen, haben aber immer noch ihr Wahlrecht.

Ziel der Neuregelung sei, einen besseren Übergang für die Schüler und zusätzliche Beratungsmöglichkeiten für die Eltern zu schaffen, teilt das Kultusministerium dem SPIEGEL mit. Denn die Heterogenität habe sich an den Schulen dramatisch verschärft.

Rund zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler wechseln den Angaben zufolge aufs Gymnasium, ohne dass sie über die entsprechende Grundschulempfehlung verfügen. Rund ein Viertel der Schüler, die auf eine Realschule gingen, komme mit einer Empfehlung für die Hauptschule.

 "Die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung in der letzten Legislaturperiode war ein Fehler", sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann. Die Empfehlung sei "eine pädagogische Gesamtwürdigung, die nicht leichtfertig erstellt wird, sondern auf einer intensiven vierjährigen Arbeit der Lehrkräfte mit dem Kind beruht." Das Kultusministerium arbeite derzeit an einem Konzept für mehr Verbindlichkeit.

"Jämmerliche Debatte"

Kritisch sieht das jedoch Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes für Bildung und Erziehung (VBE): "Die Forderung nach einer verbindlichen Grundschulempfehlung basiert auf dem alten absurden Denken, dass Kinder am Ende der Grundschulzeit zielsicher in die drei Kategorien praktisch Begabte (Hauptschüler), theoretisch-praktische Begabte (Realschüler) und theoretisch Begabte (Gymnasiasten) einordbar sind. Ich dachte, dass wir bereits weiter wären", sagt er "News for teachers".

Von einer "jämmerlichen Debatte" spricht der Landeselternbeirat Baden-Württemberg. "Wir Eltern wollen uns unser Wahlrecht nicht wieder wegnehmen lassen, zumal die Begründung unsinnig ist", sagt der Vorsitzende Carsten Rees dem SPIEGEL. Es gebe keine Belege dafür, dass man bei Kindern im Alter von neun oder zehn Jahren sicher vorhersagen könne, auf welcher Schulform sie in den kommenden Jahren über- oder unterfordert oder gerade richtig gefördert werden.

"Aber man will dieses nicht-taugliche Instrument lieber behalten, als den Eltern ihr Wahlrecht zu lassen", empört sich Rees, selbst Vater eines schulpflichtigen Kindes. Er glaubt, Akademiker-Kinder hätten bei einer verbindlichen Grundschulempfehlung durch die Lehrer größere Chancen auf eine Gymnasialempfehlung als andere. "Meine Frau und ich sind beide promoviert, ich glaube kaum, dass ein Lehrer unser Kind auf die Hauptschule geschickt hätte."

"Probleme wären nicht aus der Welt"

Studien belegen, dass Akademiker-Kinder eine höhere Chance haben, aufs Gymnasium zu kommen als andere. Dass mit dem Elternwahlrecht eine größere soziale Gerechtigkeit an den Schulen herrscht, ist wissenschaftlich jedoch nicht belegt.

Fest steht, dass es in Baden-Württemberg eine starke Verschiebung gab: hin zu Realschulen und Gymnasien, weg von den Hauptschulen. "Dabei wirkt sich der Wegfall der verbindlichen Empfehlung aber nur als kleine Delle aus", sagt Rees. Viele Hauptschulen seien nicht genug gefördert worden. "Die hat man regelrecht im Regen stehen gelassen, sodass sie bald als 'Resteschulen' verschrien waren."

Der Lehrerverband VBE bestätigt, von den vormals landesweit über 1200 Haupt- und Werkrealschulen in Baden-Württemberg existierten heute lediglich noch rund 400. "Den Schülern bleibt also gar nichts anderes übrig, als Real- oder Gemeinschaftsschulen zu besuchen", teilt der Verband dem SPIEGEL mit.

Auf die Realschullehrer komme damit nun dauerhaft eine Schülerklientel zu, die bisher an dieser Schulart nicht oder kaum vertreten war. Deshalb bräuchten sie vermehrt Unterstützung. Aber: "Mit einer Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung wären die Probleme nicht aus der Welt."

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