Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft Furcht, Frust, Forschen

Ein altes Erklärvideo des Bundesforschungsministeriums zur Befristungspraxis in der Wissenschaft erzürnt junge Akademikerinnen und Akademiker. Das Ministerium reagiert – und erntet erneut Kritik.
Eigentlich ein Freudentag, oft aber auch der Start in eine höchst unsichere Wissenschaftskarriere: Der Tag der Promotion (Archivbild)

Eigentlich ein Freudentag, oft aber auch der Start in eine höchst unsichere Wissenschaftskarriere: Der Tag der Promotion (Archivbild)

Foto: DPA

Das Video ist zwar schon drei Jahre alt, aber Andreas Mangold kann sich immer noch darüber aufregen. Im Stil eines Kinderfilms erklärt der Zeichentrickfilm, warum es gut ist, wenn junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nur befristete Verträge erhalten: Sie »verstopfen« dann nicht die Unis für die Karrieren anderer, heißt es in dem Film, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2018 ins Netz gestellt hatte.

Verstopfen? Wie die Befristungspraxis des Wissenschaftssystems die Promotion und den Start ins Forscherleben zum Hürdenlauf machen kann, weiß Andreas Mangold ziemlich gut. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in diesem Text lesen: Schließlich kritisiert der Doktorand ein System, in dem er trotz aller Widrigkeiten gerne beruflich Fuß fassen möchte. Der 32-Jährige ist theoretischer Mathematiker an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenburg. »2015 bekam ich eine Promotionsstelle, das war für mich ein Traum«, erzählt er. Die Arbeitszeit war mit 50 Prozent veranschlagt.

Normalerweise liefen solche Arbeitsverträge fünf Jahre lang, erzählt Mangold. In seinem Fall waren es aber nur drei, weil das der Zeit entsprach, die Mangolds damaliger Chef noch bis zur Pensionierung hatte. »Da war von Anfang an diese Unsicherheit: Vielleicht werde ich danach verlängert, vielleicht auch nicht«, sagt der Forscher. Bei ihm habe das dazu geführt, dass er in der Anfangsphase wahnsinnig viel Tempo gemacht »und viel zu ergebnisorientiert und fachlich nicht tief genug« gearbeitet habe.

Zwischendurch zur Arbeitsagentur

Die Folge: Schwierigkeiten, Blockaden, inhaltlicher Neustart. Tatsächlich erhielt der Mathematiker nach drei Jahren eine Vertragsverlängerung um zwei Jahre, »aber das war zeitlich so knapp, dass ich mich zwischendurch schon bei der Arbeitsagentur gemeldet hatte«.

Nach etwas mehr als fünf Jahren dann, im März 2021, lief auch dieser Vertrag aus. Mangold war zu diesem Zeitpunkt fast fertig mit seiner Doktorarbeit, »ein paar Monate Zeit brauchte ich noch«. Schon seit September 2020 hatte er sich, das nahende Vertragsende vor Augen, immer wieder auf verschiedene Stellen beworben – und das kostete ihn Zeit, die er wiederum bei seiner Promotion abknapsen musste.

Eine weitere Vertragsverlängerung gab es nicht, Andreas Mangold kämpfte sich durch den Antrag bei der Arbeitsagentur, bekam im April für einen Monat staatliche Unterstützung – bevor es dann »mit Hängen und Würgen« doch noch für einen weiteren Vertrag reichte. Laufzeit diesmal: eineinhalb Jahre – eine volle Stelle in einem ganz anderen Projekt. »Meine Promotion muss ich deshalb jetzt in meiner Freizeit fertig machen.« Durch die einmonatige Unterbrechung ging auch noch sein Resturlaubsanspruch aus dem vergangenen Jahr verloren.

»Befristungen sind notwendig«

Vielleicht könnte Mangold sich trösten: mit dem Wissen, dass er mit seiner Arbeit »einen unschätzbaren Beitrag für unsere Gesellschaft« leistet, wie es Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im BMBF, am vergangenen Donnerstag in einer Videoreaktion auf die anhaltende Kritik sagte. Unter dem Hashtag #IchBinHanna hatten zahlreiche Nachwuchsforschende für bessere Arbeitsbedingungen plädiert. Er wolle ihnen versichern, »dass wir als Bundesregierung Ihre Sorgen ernst nehmen«, sagte Lukas in die Kamera.

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»Befristungen in der Qualifikationsphase sind notwendig«, sagte der Staatssekretär: »Denn ohne die Sonderbefristungsregeln in der Wissenschaft würden die Möglichkeiten für eine wissenschaftliche Qualifizierung gerade für junge Forschende massiv eingeschränkt.« Das sei im Übrigen »die einhellige Meinung der großen Wissenschaftsorganisationen«. Eine Twitter-Userin reagierte mit einem Vergleich: Bei den Arbeitsbedingungen nur auf die Wissenschaftsorganisationen zu hören, sei so, »als ob man beim Arbeitnehmerschutz nur auf die Arbeitgeberverbände hört«.

»Das ganze System vermittelt permanente Unsicherheit.«

Andreas Mangold, Doktorand

Staatssekretär Lukas appellierte außerdem an die Hochschulen: Die seien verantwortlich dafür, wie weit von den Befristungsregeln Gebrauch gemacht werde. Und auch für die frustrierten Nachwuchsforscherinnen und -forscher hatte er einen Rat: »Ich ermutige Sie, sich einzubringen und mit Ihrer Hochschule, mit Ihrer Forschungseinrichtung zu besprechen, wie bei Ihnen vor Ort die Bedingungen für die Wissenschaft und die Beschäftigten besser ausgestaltet werden können.«

Das klinge schon sehr nach einem Wegschieben von Verantwortung, sagt Andreas Mangold. »Das ganze System vermittelt permanente Unsicherheit«, sagt er mit hörbarem Frust. Offene Stellen für Mathematiker wie ihn würden oft nur ganz kurzfristig ausgeschrieben, während das Ende des jeweiligen Arbeitsvertrags immer schon lange im Voraus feststehe. Die Folge: »Man ist ständig auf der Suche nach neuen Projekten, neuen Fördergeldern, neuen Stellen.«

Seriös und langfristig planen lasse sich in so einem Umfeld so gut wie nichts, schon gar nicht die Gründung einer Familie. Dass seine Frau sich deshalb letztendlich gegen eine Promotion entschieden habe, obwohl sie entsprechende Angebote hatte, findet Andreas Mangold daher »verständlich – und gleichzeitig eine ganz schön harte Entscheidung«.

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