Bertelsmann-Studie Für 2023 fehlen fast 400.000 Kitaplätze

Deutschland hat den Kitaausbau zwar massiv vorangetrieben, trotzdem gibt es noch viel zu wenig Plätze. Neue Berechnungen zeigen, dass der Mangel eine Altersgruppe ganz besonders trifft.
Gummistiefel am Kitazaun: Bundesweit fehlen vor allem für Krippenkinder dringend Plätze

Gummistiefel am Kitazaun: Bundesweit fehlen vor allem für Krippenkinder dringend Plätze

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Julian Stratenschulte / dpa

Schon ab dem 1. Geburtstag steht Kleinkindern in Deutschland ein Kitaplatz zu. So sieht es zumindest ein Gesetz vor, das vor fast zehn Jahren in Kraft getreten ist. Bis heute hat der Staat jedoch nicht die Bedingungen dafür geschaffen, dass dieser Rechtsanspruch flächendeckend eingelöst werden kann. Bundesweit gibt es im kommenden Jahr deutlich weniger Kitaplätze als benötigt werden, nicht nur für die Kleinsten. Insgesamt fehlen 384.000 Plätze, wie eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, die an diesem Donnerstag vorgestellt wird.

Die Nachfrage übersteigt demnach fast überall das Angebot, insbesondere im Westen Deutschlands. Allein hier fehlen voraussichtlich 362.400 Plätze, im Osten sind es 21.200. Das zeigen neue Berechnungen für das »Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme«, das alle zwei Jahre veröffentlicht wird.

Bei den Kindern ab drei Jahren besucht zwar die große Mehrheit (92 Prozent) eine Kita, dennoch fehlen auch in dieser Altersgruppe noch Plätze, um den Bedarf der Eltern zu decken. Fast 96 Prozent der Mütter und Väter geben einen Betreuungswunsch für ihr Kind an.

Bei den Kleinsten ist die Platznot am größten

Von Bundesland zu Bundesland sind die Unterschiede immens. Der größte Mangel besteht im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hier fehlen 101.600 Kitaplätze. In Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hingegen ist der Bedarf weitgehend gedeckt.

Insgesamt ist zudem der Platzmangel bei den unter Dreijährigen deutlich größer als bei den älteren Kitakindern. Im Westen nutzten im vergangenen Jahr fast 31 Prozent der unter Dreijährigen eine Kindertagesbetreuung, aber 44 Prozent der Eltern meldeten einen Betreuungsbedarf an. In Ostdeutschland hingegen besuchten bereits mehr als die Hälfte der unter Dreijährigen eine Kita. Aber auch hier ist der Bedarf der Eltern noch nicht gedeckt: 60 Prozent wünschen sich einen Kitaplatz für ihr Kind.

In Plätze umgerechnet bedeutet dies: Für unter Dreijährige fehlen in Westdeutschland 250.300 Plätze, in Ostdeutschland (inklusive Berlin) sind es rund 20.700.

»Trotz des massiven Kitaausbaus in den vergangenen Jahren finden noch immer zu viele Eltern keinen Platz für ihre Kinder«, kritisiert Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann Stiftung. »Das ist in doppelter Hinsicht untragbar: Die Eltern müssen die Betreuung selbst organisieren, während den Kindern ihr Recht auf professionelle Begleitung in der frühen Bildung vorenthalten wird.«

Kitaausbau würde mehr als vier Milliarden Euro kosten

Um ausreichend Plätze zu schaffen, fehlt es an zweierlei: Geld und Personal. Soll der Betreuungsbedarf der Eltern erfüllt werden, müssten laut Ländermonitor zusätzlich zum vorhandenen Personal 93.700 Fachkräfte im Westen und 4900 im Osten eingestellt werden.

Für diese insgesamt 98.600 Personen würden zusätzliche Personalkosten in Höhe von 4,3 Milliarden Euro pro Jahr entstehen. Mit Geld allein sind die Probleme jedoch nicht gelöst. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es kaum Erzieherinnen und Erzieher. Schon jetzt hätten etliche Einrichtungen Mühe, ihre Stellen zu besetzen, heißt in der Bertelsmann-Studie.

Laut Ländermonitor werden bundesweit mehr als zwei Drittel aller Kitakinder in Gruppen betreut, deren Personalschlüssel nicht wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht. Die Bertelsmann Stiftung rät, dass eine Fachkraft nicht mehr als drei Kinder unter drei Jahren und nicht mehr als sieben Kinder über drei Jahre betreuen sollte. Dies ist bisher in keinem Bundesland gegeben.

Zwar hat sich der Personalschlüssel seit 2017 in fast allen Bundesländern verbessert, allerdings nicht überall gleichermaßen stark. So sind die Unterschiede weiter groß. In Baden-Württemberg werden rund 45 Prozent aller Kitakinder in Gruppen mit nicht kindgerechten Personalschlüsseln betreut. In Mecklenburg-Vorpommern trifft dies auf fast alle Gruppen zu: fast 96 Prozent. Insgesamt gibt es weiter deutliche Ost-West-Unterschiede. Bei den über Dreijährigen liegt der Personalschlüssel in Ostdeutschland bei 1 zu 10,7. Westdeutschland: 1 zu 7,8.

Nötig wären mehr als 300.000 Fachkräfte

Um im kommenden Jahr a) für ausreichend Kitaplätze zu sorgen und b) alle Gruppen mit einem kindgerechten Personalschlüssel auszustatten, müssten laut Ländermonitor 308.800 Fachkräfte zusätzlich beschäftigt werden. Kostenpunkt: rund 13,8 Milliarden Euro jährlich.

Über das neue Kita-Qualitätsgesetz, das die Ampelregierung auf den Weg gebracht hat, will der Bund die Länder in den kommenden zwei Jahren mit vier Milliarden Euro beim Kitaausbau unterstützen. Weil diese Mittel nicht reichen werden, so Stein, sei es unausweichlich, dass der Bund in größerem Umfang in die dauerhafte Finanzierung des Kitasystems einsteige.

fok
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