Fachkräftemangel in der Bildung »Der Ganztag soll keine Kinderaufbewahrung sein«

Ab 2026 haben Grundschulkinder einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Laut einer Studie sind dafür rund 100.000 Fachkräfte zusätzlich nötig. Ein Schulleiter berichtet, wie er das Problem angeht und was ihn sorgt.
Kinder in der Schule: Künftig dürfen sie bis zum Nachmittag bleiben

Kinder in der Schule: Künftig dürfen sie bis zum Nachmittag bleiben

Foto:

MICHAEL PROBST/ AP

Noch vier Jahre, dann muss ein großes Versprechen eingelöst werden: Ab dem Schuljahr 2026/27 greift der gesetzliche Ganztagsanspruch für Grundschulkinder. Schulen müssen dann zunächst für Erstklässler eine Ganztagsbetreuung von 40 Stunden pro Woche anbieten, inklusive Unterricht. Sukzessive bekommen auch die übrigen Jahrgänge das Recht, bis nachmittags in der Schule betreut zu werden. 2030 gilt der Rechtsanspruch für alle Grundschulklassen. Hehre Ziele, nur: Wie soll diese Aufgabe personell gestemmt werden?

Nach Prognosen der Bertelsmann Stiftung fehlen für die Ganztagsförderung in den Grundschulen bis zum Jahr 2030 bundesweit mehr als 100.000 Fachkräfte.

Die Situation der Ganztagsförderung sei »aufgrund der lückenhaften und uneinheitlichen, teilweise sogar widersprüchlichen statistischen Informationen, die verfügbar sind, unübersichtlich«, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie »Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule 2022«. Offenkundig gibt es jedoch abhängig von der Region deutliche Unterschiede beim Fachkräftemangel.

Erneut zeigt sich, dass die alten Strukturen im ehemals geteilten Deutschland bis heute fortwirken: Der Osten ist bei der Kinderbetreuung rein quantitativ deutlich besser aufgestellt als der Westen, hinkt allerdings beim Personalschlüssel hinterher.

Große Unterschiede

Für die Mehrheit der Grundschulkinder erfüllen die ostdeutschen Länder bereits den Rechtsanspruch auf eine ganztägige Betreuung. Im Schnitt nutzen der Studie zufolge 83 Prozent ein Ganztagsangebot, 3,5 Prozent ein sogenanntes Übermittagsangebot bis 14.30 Uhr. In den westdeutschen Ländern wird nicht einmal jedes zweite Grundschulkind ganztags betreut, nicht einmal jedes Fünfte besucht ein Übermittagsangebot.

In den ostdeutschen Bundesländern stünde zwar genügend Personal zur Verfügung, damit 2030 jedes Kind einen Platz erhalten kann. Allerdings ist der Personalschlüssel im Schnitt niedriger als im Westen, wie die Bertelsmann Stiftung mitteilt. Im Schnitt betreut demnach eine Fachkraft in Ostdeutschland 14 Kinder. Das sind rein rechnerisch mehr als doppelt so viele wie im Westen. Hier liegt der Personalschlüssel der Stiftung zufolge im Hort im Schnitt bei 1:6.

Würde man die ostdeutschen Schulen und Horte mit so viel Personal ausstatten, dass sie den westlichen Schlüssel erreichten, wären dafür zusätzlich rund 26.000 Fachkräfte erforderlich, heißt es in einer Mitteilung der Bertelsmann Stiftung. Soll im Westen jedes Grundschulkind bis 2030 ein Ganztagsangebot erhalten, müssten über eine Million Plätze zusätzlich geschaffen werden. Dafür seien rund 76.000 mehr Fachkräfte nötig, als aller Voraussicht nach zur Verfügung stünden.

Unklar ist, wie viele Mütter und Väter das Angebot der Ganztagsbetreuung für ihr Kind annehmen werden. Der zusätzliche Fachkräftebedarf fällt in Ost und West niedriger aus, wenn 2030 nicht alle Kinder ein Ganztagsangebot nutzen. Würde die im Osten aktuelle Quote von 86 Prozent erreicht, würden dort laut Bertelsmann Stiftung nur noch 18.000 Fachkräfte fehlen, im Westen 55.000.

»Wir sind fest entschlossen, das Beste aus der Situation zu machen«

Finn Lohmann leitet die Rosenborn Grundschule im niedersächsischen Harsefeld, die gerade den Umbau zur Ganztagsschule bewerkstelligt. Nach den Sommerferien können Kinder von montags bis donnerstags jeweils bis 15.30 Uhr in der Schule bleiben. Rund 180 der insgesamt mehr als 400 Schülerinnen und Schüler sind dafür angemeldet.

SPIEGEL: Herr Lohmann, wie wird der Ganztag an Ihrer Schule aussehen?

Finn Lohmann: Wir haben eine Mensa mit rund 80 Plätzen. Das heißt: Die Kinder bekommen in drei Gruppen nacheinander Mittagessen. Jeweils davor oder danach machen sie in kleineren Gruppen von rund 15 bis 20 Kindern Hausaufgaben. Dabei werden sie betreut. Ab 14 Uhr starten diverse Angebote rund um Sport, Musik, Kunst und sonstige Aktivitäten. Die Kinder können sich aussuchen, welche dieser Kurse sie belegen möchten. Der Ganztag soll keine bloße Kinderaufbewahrung sein, sondern ein Gewinn. Ich möchte, dass die Schülerinnen und Schüler davon profitieren.

SPIEGEL: Wie lösen Sie die Personalfrage?

Lohmann: Für die Kurse habe ich mir Partner aus der Region gesucht, unter anderem einen Fußball- und einen Leichtathletikverein, das Museum Harsefeld und die örtliche Musikschule. Ein FSJler des Vereins wird Fußballkurse bei uns leiten. Mir ist wichtig, dass die Kinder außerschulische Angebote kennenlernen und nutzen und wir gemeinsam über den Tellerrand schauen. Einige Kolleginnen und Kollegen bieten ebenfalls Kurse an. Die Personaldecke ist insgesamt so dünn, dass ich als Schulleiter wohl auch einen Kurs leiten werde, aber selbst damit ist die Personalfrage noch nicht gelöst.

SPIEGEL: Wo hakt es noch?

Lohmann: An unserer Schule herrscht wie an so vielen anderen Lehrermangel. Es war von vorneherein klar, dass wir den Ganztag nicht, wie vom Land Niedersachsen vorgesehen, mehrheitlich mit Lehrkräften abdecken können. Dafür fehlen uns die nötigen Lehrerstunden. Ich habe deshalb vor langer Zeit einen Sonderantrag gestellt, um Gelder für andere Lösungen zu bekommen. Der wurde kürzlich bewilligt.

SPIEGEL: Wie sehen diese anderen Lösungen aus?

Lohmann: An der Schule arbeiten bisher acht pädagogische Mitarbeiter zwischen fünf und 13 Stunden pro Woche. Einige konnten aufstocken. Aber für 25 Stunden pro Woche fehlen mir noch mindestens zwei Fachkräfte, die von Montag bis Donnerstag in der Zeit zwischen zwölf und 16 Uhr arbeiten wollen. Es wird nicht einfach werden, Kandidaten zu finden, noch dazu hier bei uns im ländlichen Raum und zu diesen Bedingungen. Ich hatte eine Bewerberin, die ich sehr gerne eingestellt hätte, aber sie wollte aus verständlichen Gründen mindestens 30 Stunden arbeiten. Das geht leider nicht, weil unser Budget begrenzt ist.

SPIEGEL: Und nun?

Lohmann: Ich hoffe, dass ich zeitnah geeignete Fachkräfte finde. Wenn der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026 greift, ist die große Frage: Wo soll das Personal dafür herkommen? Der Staat muss dringend Unterstützung bieten. Am Ende geht es darum, ob es an Personal und Geld fehlen wird, um den Ganztag so zu gestalten, wie wir das möchten.

SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?

Lohmann: Es wird bei uns beispielsweise über die Kreisjugendmusikschule eine Gruppe mit zehn Kindern geben, die sich mit Singen und Songwriting beschäftigen. Das ist großartig. Von so einem Betreuungsschlüssel würden viele Kinder sehr profitieren, unter anderem solche mit Lernschwierigkeiten. Aber wenn ich lauter Gruppen mit nur zehn Kindern einrichten würde, müsste ich dafür 18 Fachkräfte beschäftigen. Das ist bei der aktuellen Personalsituation leider utopisch.

SPIEGEL: Blicken Sie trotzdem optimistisch ins neue Schuljahr?

Lohmann: Wir haben vor langer Zeit angefangen, den Ganztag zu planen, und ich bin überzeugt davon, dass er für viele Kinder und Eltern eine Verbesserung zum Status quo darstellt. Berufstätige Eltern wissen ihre Kinder gut betreut, und Kinder aus Elternhäusern, in denen vielleicht nicht alles optimal läuft, profitieren von der Förderung. Mein Kollegium, das schon in der Pandemie jede Menge Überstunden geleistet hat, ist sehr engagiert und will alles so gut gestalten, wie es eben geht. Wir sind fest entschlossen, das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn wir uns für die Kinder noch bessere Bedingungen gewünscht hätten.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.