»Nicht die Akademisierung ist das Problem« Immer mehr Abiturienten machen eine Ausbildung

Droht Deutschland eine Überakademisierung? Eine aktuelle Studie zeigt, dass Politik und Wirtschaft bei ihren Warnungen zum Fachkräftemangel nicht Abiturienten in den Blick nehmen müssten – sondern eine ganz andere Gruppe.
Ausbildung zum Dachdecker: Rund die Hälfte der Abiturienten entscheidet sich für eine Ausbildung (Symbolbild)

Ausbildung zum Dachdecker: Rund die Hälfte der Abiturienten entscheidet sich für eine Ausbildung (Symbolbild)

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Michael Reichel / picture alliance / dpa

Der Vorwurf aus Politik und Wirtschaft geht ungefähr so: Während Deutschland dringend mehr Dachdecker und Lokführerinnen bräuchte, gehen zu viele junge Menschen lieber an die Uni, um BWL oder Germanistik zu studieren. Die Union warnt regelmäßig vor einer »Überakademisierung«, spricht vom »Akademisierungswahn«. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer forderte im vergangenen Jahr gar eine »Bildungswende«, weil sich immer weniger Menschen für eine Ausbildung begeistern ließen.

Dieses Narrativ ist weitverbreitet, weist aber in die falsche Richtung. Das legt eine Studie nahe, die an diesem Dienstag vorgestellt wird.

Demnach entscheidet sich eine wachsende Zahl an Abiturientinnen und Abiturienten für eine Berufsausbildung. In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil derjenigen, die mit Abitur eine duale oder schulische Ausbildung beginnen, von 35 Prozent im Jahr 2011 auf 47,4 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. Das ist das Ergebnis des »Ausbildungsmonitors«, den das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt hat.

»Von einer mangelnden Attraktivität der Berufsausbildung für Abiturientinnen und Abiturienten kann keine Rede sein«, teilt Dieter Dohmen, FiBS-Direktor und Autor der Studie, mit, »und auch nicht davon, dass sich Abiturientinnen und Abiturienten zu wenig für berufliche Ausbildungen interessieren würden.« Inzwischen strebe knapp die Hälfte eines Abiturjahrgangs eine berufliche Ausbildung an.

Jugendliche mit geringer Schulbildung haben immer geringere Chancen

Der Ausbildungsmonitor zeigt allerdings auch, dass die Gesamtzahl der Ausbildungsverträge deutlich gesunken ist. Wurden im Jahr 2007, dem letzten Höchststand, noch 844.000 Ausbildungsverhältnisse neu begründet, so waren es den Angaben zufolge im Jahr 2021 nur noch 706.000.

Der Rückgang erklärt sich der Studie zufolge jedoch nicht damit, dass zu viele junge Menschen mit Abitur an Hochschulen streben. Sondern: Trotz Fachkräftemangel und zahlreicher unbesetzter Ausbildungsplätze haben Jugendliche mit einer geringen Schulbildung immer schlechtere Chancen, eine Ausbildungsstelle zu finden. Diese Gruppe gerate »mehr und mehr ins Abseits«, mahnt Clemens Wieland, Bildungsexperte der Bertelsmann Stiftung.

  • Der Studie zufolge ist die Zahl der Hauptschulabsolventinnen und -absolventen insgesamt gesunken, aber auch der Anteil derjenigen, die eine Ausbildung machen. Zwischen 2011 und 2021 habe sich der Anteil der Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, die eine Berufsausbildung beginnen, um ein Fünftel verringert.

  • Bei Schulabgängerinnen und -abgängern mit mittlerem Schulabschluss sind die Übergangsquoten in die Berufsausbildung in den vergangenen 15 Jahren bei etwa 80 Prozent relativ stabil geblieben.

  • Die niedrigsten Übergangsquoten hatten Jugendliche ohne Schulabschluss. Zuletzt, im Jahr 2021, konnte nicht mal ein Drittel von ihnen einen Ausbildungsplatz ergattern.

Dazu kommt, dass immer weniger Jugendliche in sogenannten Übergangsmaßnahmen aufgefangen werden, um sich weiterzuqualifizieren, einen höheren Schulabschluss anzustreben oder auf eine Ausbildung vorzubereiten. Im Jahr 2005 starteten noch 417.000 Menschen in so eine Maßnahme. 2021 waren es nur 225.000, ein Tiefststand.

»Viel zu viele Jugendliche gehen auf dem Ausbildungsmarkt leer aus oder fallen ganz aus dem System.«

Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)

Auf den ersten Blick könnte dies ein Hinweis auf eine positive Entwicklung sein. Schließlich hängen weniger junge Menschen, darunter viele Jugendliche mit Hauptschulabschluss, in Programmen fest, die viele als Warteschleife empfinden, bevor sie beruflich durchstarten können. Tatsächlich gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass Jugendliche stattdessen vermehrt direkt eine Stelle auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt finden.

Vielmehr habe sich in den vergangenen Jahren die Zahl der jungen Menschen deutlich erhöht, die sich weder in Ausbildung noch in der Schule oder in Arbeit befinden, heißt es in der Studie. Was sie machen, bleibt unklar. Die englische Abkürzung für diese Gruppe heißt: NEETs (Not in Employment, Education or Training). 2019 wurden in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen 492.000 Personen zu den NEETs gezählt, im vergangenen Jahr waren es 630.000.

»Die Entwicklung ist dramatisch«, sagt Dieter Dohmen. »Viel zu viele Jugendliche gehen auf dem Ausbildungsmarkt leer aus oder fallen ganz aus dem System.« Deutschland müsse die Integrationsfähigkeit des Ausbildungssystems wieder deutlich erhöhen. Der aktuelle Gesetzentwurf zur Ausbildungsgarantie greife hier noch deutlich zu kurz.

Im Jahr 2020 lag die Quote der sogenannten Ungelernten im Alter von 20 bis 35 Jahren laut Berufsbildungsbericht bei 15,5 Prozent und damit bei mehr als 2,3 Millionen jungen Menschen. Bei denjenigen ohne Schulabschluss blieben rund zwei Drittel ohne Ausbildung. Von den jungen Menschen mit Hauptschulabschluss war mehr als ein Drittel ungelernt – und hatte entsprechend schlechte Jobchancen.

Das Fazit der Studie: »Nicht die Akademisierung ist das Problem des Ausbildungssystems, sondern die mangelnde Integration von Jugendlichen mit niedriger Schulbildung.«

IW-Studie: Deutschland droht bei Bildung abgehängt zu werden

Die Studie der Bertelsmann Stiftung erscheint wenige Tage, nachdem das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gewarnt hatte, Deutschland drohe bei der Bildung im europäischen Vergleich zurückzufallen. »Deutschland hat bei der sehr dynamisch verlaufenen Bildungsexpansion in Europa in den letzten Jahren bis zu einem gewissen Grad den Anschluss verloren«, heißt es in einer IW-Analyse.

Besonders kritisch sei dabei im Hinblick auf die sich mit der Digitalisierung verändernden Anforderungen an die Arbeitskräfte, dass der Anteil der Personen ohne berufsqualifizierenden Abschluss in der Tendenz zunehme.

Der Anteil der Niedrigqualifizierten an der Bevölkerung im Alter zwischen 25 bis 34 Jahren lag 2021 nur noch marginal unter dem EU-Schnitt von 14,8 Prozent. Zudem sei der Anteil der Hochqualifizierten in Deutschland mit 35,7 Prozent gegenüber 41,2 Prozent (EU-Schnitt) deutlich niedriger.

Das Institut räumte ein, dass man das Duale System berücksichtigen müsse: »Behält man die besondere Stellung der beruflichen Bildung in Deutschland im Blick und betrachtet alle Personen mit tertiärem oder berufsbildendem sekundärem Abschluss zusammen, lag der Anteil in Deutschland mit 77,0 Prozent allerdings noch weit über dem EU-Schnitt von 73,4 Prozent.« Jedoch signalisierten aktuelle Statistiken, dass Deutschland zurückfallen könnte.

Mit Material von Reuters
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