Warnung von Bildungsexperten Jedes Jahr weniger Schule kostet sieben Prozent Gehalt

Knapp hundert Forscher und Forscherinnen haben ein Positionspapier zur Bildungspolitik in der Coronakrise unterzeichnet. Von der Regierung fordern sie mehr Tempo bei Schulöffnungen ein.
Derzeit nicht vorgesehen: Schüler dicht nebeneinander im Unterricht

Derzeit nicht vorgesehen: Schüler dicht nebeneinander im Unterricht

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Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

"Schließungen von Schulen und Kitas haben gravierende Folgen", heißt es in einem Positionspapier, das sechs Professorinnen und Professoren um den Münchner Bildungsökonomen Ludger Wößmann veröffentlicht haben. Weitere 92 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und anderen europäischen Ländern unterzeichneten den Appell  unter der Überschrift "Bildung ermöglichen!".

Während zuletzt vor allem die Belastung der Eltern und Schüler die Diskussion dominierte, heben die Forscher die ökonomischen Folgen der Schulschließungen hervor. Schon bei "Unterbrechungen von wenigen Wochen" seien "langfristig negative gesamtwirtschaftliche Effekte zu erwarten". Und: "Es ist zu erwarten, dass der Verlust an bereits erworbenen Kompetenzen umso umfangreicher ausfällt, je länger die Bildungsunterbrechung andauert."

Dieser Kompetenzverlust wirke sich auch aufs künftige Einkommen aus. Und das ausgerechnet für eine Generation, die ohnehin in eine Phase schwächeren Wirtschaftswachstums und höherer Staatsschulden hineinwachsen könnte. Aufgrund bisheriger Forschung rechnen die Autoren vor: Pro verlorenem Schuljahr drohen den künftigen Beschäftigten Gehaltseinbußen von sieben bis zehn Prozent, "und das über das gesamte Berufsleben hinweg".

Seit Mitte März sind Schulen und Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland aufgrund der Coronakrise geschlossen. Inzwischen haben einige Bundesländer Pläne vorgestellt, wie der Schulbetrieb nach und nach wieder aufgenommen werden kann. Doch obwohl erste Schüler bereits wieder ihre Klassenzimmer betreten dürfen, ist eine Rückkehr zur Normalität nicht absehbar.

Die Schulen werden auch Thema der Gespräche der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch sein.

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Zurück zum Lehrplan

Von der Politik fordern die Forscherinnen und Forscher mehr Tempo ein: Es sei ratsam, "Maßnahmen sehr rasch umzusetzen". Es sei notwendig, "frühkindliche und schulische Bildung in Deutschland sofort in angepasstem Format für alle Altersgruppen anzubieten". Die Eltern seien aktuell mit dem "Lernen zu Hause vielfach überfordert", dieses finde "oft parallel zur eigenen beruflichen Tätigkeit und ohne pädagogische Ausbildung" statt.

Auch Schulen und Pädagogen sehen die Wissenschaftler in der Pflicht: "Die Schulpflicht im Sinne einer Auseinandersetzung mit schulischen Inhalten muss auch in der Pandemiezeit nachweisbar eingehalten werden."

Konkret: Die Lehrkräfte sollten den Stoff der Lehrpläne wieder aufnehmen, anstatt nur Inhalte zu wiederholen. Dass sie Aufgaben erledigt hätten, sollten Schüler regelmäßig nachweisen müssen. Unerlässlich dafür: "regelmäßiger persönlicher Kontakt"  zwischen Lehrern und Schülern per Videokonferenz oder Telefon.

Ebenfalls mehr in Kontakt mit Eltern und Kindern sollten Kita-Fachkräfte treten. Ein Vorschlag in dem Positionspapier: "den Eltern Fördermaterial zusenden, beispielsweise in Form von altersgerechten Materialien zum Vorlesen, Malen, Spielen und Bewegen".

Zu den Grundsätzen der Bildungsökonomie zählt, dass Förderung besser wirkt, je früher in der Bildungskarriere sie ansetzt. Doch von diesem Grundsatz ist derzeit nicht viel übrig, im Gegenteil: Die unterzeichnenden Forscher fürchten stattdessen neue Verwerfungen.

Demnach verstärken sich in Zeiten geschlossener Kitas und Schulen die sozialen Unterschiede, weil Kinder aus bildungsfernen Familien häufiger in engen Wohnungen lernen müssen und weniger Unterstützung von ihren Eltern bekommen.

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