Silke Fokken

Bildung in Deutschland Ungerecht von Anfang an

Silke Fokken
Ein Kommentar von Silke Fokken
Die personelle Ausstattung vieler Kitas ist jetzt schon mies und droht, sich zu verschlechtern. Erzieher und Kinder leiden. Für einige ist die Misere besonders bitter.
Kind in der Kita (Archiv 2018)

Kind in der Kita (Archiv 2018)

Foto:

Andreas Arnold/ DPA

Wenn die Mütter mal ungestört sein wollten, passte Tante Jaspers auf die Nachbarkinder und mich auf, die noch nicht zur Schule gingen. Zweimal pro Woche betreute sie uns vormittags im Gemeindesaal beim Spielkreis. An den übrigen Tagen spielten wir gefühlt weitgehend unbeaufsichtigt rund um die Häuser und auf der Straße. So war das in den 1970er-Jahren in einem niedersächsischen Dorf.

Im Vergleich dazu hat zumindest in Westdeutschland eine regelrechte Kita-Revolution stattgefunden. Für fast jedes Kind zwischen drei und sechs Jahren ist es selbstverständlich, täglich eine Einrichtung zu besuchen. Bei den unter Dreijährigen liegt die Betreuungsquote bundesweit bei 34 Prozent. All dies könnte als gesellschaftlicher Fortschritt gefeiert werden, der seinesgleichen sucht, wenn nicht die damit verknüpften Chancen in Deutschland so elend verspielt würden.

Der massive Ausbau der Kinderbetreuung ermöglicht nicht nur die (doppelte) Erwerbstätigkeit von Müttern und Vätern. Unter Bildungsexperten ist unstrittig, dass der Wert frühkindlicher Bildung in Kitas nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, vor allem für Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien. Sie kann ein zentraler Schlüssel sein, um die in Deutschland seit Jahren beklagte Chancenungerechtigkeit zumindest abzumildern.

Die Pandemie, in der die Kita-Betreuung plötzlich komplett oder teilweise einbrach, habe die gesellschaftliche Bedeutung der öffentlichen Förderung, Erziehung und Bildung »mehr als verdeutlicht«, heißt es in dem aktuellen Bericht »Bildung in Deutschland 2022«. Leider legt die von einer Expertengruppe alle zwei Jahre vorgelegte Bestandsaufnahme auch schonungslos offen, wo es bei der frühkindlichen Bildung hierzulande hakt.

Der Fokus auf Qualität ist beim Kita-Ausbau auf der Strecke geblieben.

Deutschland hat sein Kita-Personal in den vergangenen zehn Jahren zwar deutlich aufgestockt, aber gleichzeitig ist der Bedarf deutlich größer geworden. So ist es insgesamt nicht gelungen, für ausreichend qualifizierte pädagogische Fachkräfte zu sorgen, und das mag auch damit zu tun haben, dass frühkindliche Bildung nach wie vor keinen besonderen Stellenwert genießt; allen Sonntagsreden zum Trotz.

Die Bezahlung von Erzieherinnen ist Lichtjahre von der von Gymnasiallehrern entfernt. Ihnen wird – anders als in manch anderen Ländern – auch kein Studium abverlangt. Kitas fallen in den meisten Bundesländern nicht in die Zuständigkeit des Bildungsressorts.

Allein in den westdeutschen Kitas werden im Jahr 2025 wohl 73.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Die Pandemie habe den Personalnotstand noch verstärkt, »sodass dieser Engpass zu einer Schlüsselfrage der Zukunftsfähigkeit der frühen Bildung wird«, heißt es in dem Bericht. Ausgerechnet die Kinder, die von einem Kita-Besuch besonders profitieren würden, weil sich ihre Eltern aus verschiedensten Gründen mit der Förderung schwertun, besuchen statistisch betrachtet seltener eine Einrichtung als Kinder aus privilegierten Elternhäusern.

Jedes fünfte Kind im Alter von drei bis sechs Jahren spricht zu Hause nicht oder kaum Deutsch. Rund 40 Prozent der unter Sechsjährigen leben in migrantischen Familien. Sie sind überdurchschnittlich oft von »Risikolagen« mit Blick auf Bildung betroffen, etwa weil die Eltern formal gering qualifiziert sind oder in Armut leben.

Sind deutsche Kitas flächendeckend so aufgestellt, dass sie diese Kinder angemessen fördern und auf die Schule vorbereiten können, damit sie nicht schon bei der Einschulung stark hinter Kindern aus privilegierteren Familien her hängen? Gibt es bundesweit geltende Qualitätsstandards?

Leider nein. Der Fokus auf Qualität und das Wohlergehen von Kindern ist beim Kita-Ausbau auf der Strecke geblieben.

In einer Umfrage unter rund 1200 Kita-Beschäftigten des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes fand rund die Hälfte der Befragten, mit dem vorgegebenen Personalschlüssel in ihrer Einrichtung könne den Bedürfnissen der Kinder nicht entsprochen werden. Besonders ernüchternd: In Kitas mit vielen sozial benachteiligten Kindern gaben dies überdurchschnittlich viele Befragte an.

Als der SPIEGEL das Thema aufgriff, kamen innerhalb weniger Stunden Dutzende E-Mails verzweifelter Erzieherinnen und Erzieher an, die unter der Personalknappheit leiden und denen die Kinder leidtun, denen sie kaum gerecht werden könnten. Eine schrieb, sie habe fast zwei Jahre täglich knapp 30 Kitakinder allein betreut, weil die Stelle einer Kollegin nicht neu habe besetzt werden können: »Das hat alles nichts mehr mit Frühforderung zu tun, sondern ist nur noch Verwahrung und Schadensbegrenzung. Man ist froh, wenn man am Ende des Tages alle Kinder wieder heil und gesund den Eltern übergeben kann.«

Die Situation ist niederschmetternd. Die Politik muss sich dies ehrlich eingestehen und sehr viel größere Anstrengungen als bisher unternehmen, um die frühkindliche Bildung grundsätzlich besser aufzustellen. Das Modell »Tante Jaspers« ist jedenfalls keine Option mehr.