Bildungsforscher zur Coronakrise "Lehrkräfte haben in der Pandemie zu wenig zurückgegeben"

"Es gibt eine Tabuneigung im Bildungsbereich: Man kritisiert die Arbeit von Lehrkräften nicht", sagt Erziehungswissenschaftler Ullrich Bauer. Im Interview erklärt er, was in der Coronakrise schlecht lief - und was in der Sommerpause passieren muss.
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Zur Person
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Ullrich Bauer, Jahrgang 1971, ist Professor für Sozialisationsforschung und Dekan der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Er leitet das Zentrum für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI), ist Bildungsforscher und in der Lehramtsausbildung engagiert.

SPIEGEL: Herr Bauer, seit den Schulschließungen sind 15 Wochen vergangen. Haben die Schulen die Zeit genutzt, um sich auf die Situation einzustellen?

Ullrich Bauer: Nein, überhaupt nicht. Das vorherrschende Gefühl an Schulen ist Verunsicherung. Ich spreche nicht über die Leuchttürme, die es natürlich gibt, aber die Mehrheit der Schulen hat wochenlang abgewartet. Hier wurden grundlegende Fragen wie Datenschutzvorgaben beim Fernunterricht bis heute nicht gelöst; es fehlt weiter an Kommunikationsstrukturen, manchmal sind die Kollegen und Kolleginnen noch nicht einmal untereinander vernetzt. Es gibt Schulen, an denen weniger als fünf Prozent der Lehrkräfte digitale Unterrichtsangebote machen. Wir beobachten mit allergrößter Sorge, dass jetzt die Sommerferien in einigen Bundesländern beginnen - ohne dass es eine Vorbereitung auf unterschiedliche Szenarien im kommenden Schuljahr gibt.

SPIEGEL: Wer hat hier versagt?  

Bauer: Das ganze System der Schulsteuerung, angefangen vom Land über den Bezirk bis runter zum Schulträger. Die Länder haben ihre Aufgabe nicht wahrgenommen, sondern wegen der Unsicherheiten abgewartet - und die Ebenen darunter haben dann auch mit Abwarten reagiert. Wir müssen sehr genau evaluieren, warum hier nicht gehandelt wurde. Die Schulsteuerung läuft allerdings schon seit Jahren nicht gut, und das ist in diesem Fall vielleicht sogar ein Glück. Es gibt Schulen, die beherzt reagiert haben, weil sie es gewohnt sind, dass sie alles selbst angehen müssen. Aber die Schulen, die sich darauf verlassen, dass sie reguliert und gesteuert werden, wurden alleingelassen.

SPIEGEL: Was muss passieren?

Bauer: Jetzt muss sehr viel investiert werden, gerade in der Sommerpause. Wir brauchen kluge Gremien, die miteinander agieren und Konzepte entwickeln. Die Schulen müssen einbezogen werden und es müssen intensive Gespräche geführt werden. Doch nichts davon ist sichtbar, schon die Bereitschaft fehlt. Wir beobachten Schulen, die jetzt fröhlich in die Ferien gehen. Das ist sicherlich das falsche Signal.

SPIEGEL: Fehlt die Bereitschaft bei den Schulleitungen und Lehrkräften oder in der Politik?

Bauer: Definitiv bei beiden Gruppen. Politisch müssten eindeutige Signale gesendet werden. Wenn das nicht kommt, dann kann eine Berufsgruppe, die so stark von Weisungen abhängig ist, natürlich auch nicht agieren. Schulträger, Bezirks- und Landespolitik könnten agieren. Aber die Bereitschaft muss da sein.

SPIEGEL: Inwiefern fehlt die bei den Lehrkräften?

Bauer: Lehrerinnen und Lehrer gehören zu einer der wenigen Berufsgruppen, die weitgehend unbeschadet durch die Pandemie gehen: Sie haben keine Einkommenseinbußen, keine Kurzarbeit - aber viel zu wenig angeboten. Dabei bilden wir seit vielen Jahren dafür aus, individualisierte Unterrichtsangebote zu machen. Lehrkräfte in Deutschland genießen ein großes Privileg, haben in der Pandemie aber viel zu wenig zurückgegeben. Ihre Legitimation leidet darunter.

SPIEGEL: Das klingt nach pauschaler Lehrerschelte.

Bauer: Das wäre natürlich falsch. Wir haben eine ganze Reihe von Lehrkräften, die Vorbilder sind. Aber es gibt eine Tabuneigung im Bildungsbereich: Man kritisiert die Arbeit von Lehrkräften nicht. Hier geht es aber nicht um Schelte, sondern darum, die Lehrkräfte weiter zu professionalisieren. Sonst wird mit den Füßen abgestimmt und dann nimmt die Segregation im Schulsystem weiter zu. Weil die, die es sich leisten können, ihre Kinder auf gut funktionierende oder Privatschulen schicken und die anderen Kinder weiter abrutschen. Dadurch hebeln wir aus, was wir als ein öffentliches Schulsystem bewahren wollen: Gute Angebote, die Chancengerechtigkeit bieten, aber auch flächendeckend gute Qualifizierung. Genau das steht momentan auf dem Spiel.

SPIEGEL: Schon jetzt ist klar: Die Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern, die zu Hause gute Lernbedingungen haben, und anderen, die diese Voraussetzungen nicht haben, werden durch den wochenlangen Lockdown weiter zunehmen.

Bauer: Exakt. Dass auf das Etikett Homeschooling gesetzt wurde, ist eine bildungspolitische Unverschämtheit. Damit wird das vorausgesetzt, was wir seit Jahrzehnten zu verhindern versuchen: Die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus - sie ist das große Manko des deutschen Schulsystems.

SPIEGEL: Hinzu kommt die fehlende Digitalisierung der Schulen, der Digitalpakt wurde verschleppt, und bisher wurde nur ein Bruchteil der Gelder abgerufen. Bringt die Krise an der Stelle einen Schub?

Bauer: Das Problembewusstsein ist zwar extrem gewachsen, aber man ist sich in der hiesigen Öffentlichkeit nicht bewusst, wie weit Deutschland in digitaler Hinsicht zurückhängt. Wir brauchen eine grundlegende strukturelle Veränderung, die Lehrkräfte müssen fortgebildet werden. In manchen Schulen gibt es Spaltungstendenzen, weil Lehrkräfte, die sich intensiv digital engagieren, ausgegrenzt werden. Das ist für die Kollegien brandgefährlich.

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SPIEGEL: Aber die Pandemie beschleunigt den Prozess der Digitalisierung?

Bauer: Ja, aber nicht überall, es gibt eine weitere Polarisierung: Die Schulen, die schon vor der Krise digital aufgestellt waren, haben den Trend genutzt und einen weiteren Schritt nach vorn gemacht. Die Schulen, die noch sehr analog ausgerichtet waren, sind stehen geblieben. Die digitale Kluft auf Schulebene ist noch größer geworden.

SPIEGEL: Wie kann es nach den Sommerferien weitergehen?

Bauer: Generell gilt: Alles, was wir in den Rahmenrichtlinien und Curricula vorsehen, ist momentan außer Kraft gesetzt. Da kann man nicht einfach weiterarbeiten. Wir müssen ein genaues Screening betreiben, wo die Schülerinnen und Schüler stehen und mit individuellen Angeboten reagieren. Dafür brauchen wir wahrscheinlich mehr Personal. Aber der Stoff lässt sich nicht einfach nachholen, wir brauchen einen Schnitt. Die Bedeutung der Inhalte sollte ohnehin nicht überschätzt werden.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Bauer: Die Schule soll Schülerinnen und Schüler für ihre weitere Bildungsbiografie und den Übergang ins Erwerbsleben vorbereiten. Der methodische Modus ist dafür wichtiger als der inhaltliche. In der jetzigen Situation müssen die Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie mit den teils widersprüchlichen Informationen über die Krise umgehen, und wie sie mit sich selbst umgehen können: Wie strukturiere ich mich? Wie schaffe ich es, selbstständig zu lernen? All die Angebote, die in der Schule so selten vorkommen, werden jetzt umso wichtiger.

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