Schulbesuch eines Bundeswehr-Jugendoffiziers Der Krieg im Klassenzimmer

Jugendoffiziere der Bundeswehr könnten über den Ukrainekrieg aufklären, hat die Bildungsministerin angeregt. Wir haben einen Hauptmann begleitet: in eine zwölfte Klasse mit recht gelassenen Schülerinnen und Schülern.
Jugendoffizier Max Eigen spricht mit Schülerinnen und Schülern des Lise-Meitner-Gymnasiums in Hamburg

Jugendoffizier Max Eigen spricht mit Schülerinnen und Schülern des Lise-Meitner-Gymnasiums in Hamburg

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Swantje Unterberg / DER SPIEGEL

Der Mann in Uniform beginnt seinen Besuch mit einer Frage: »Ist es okay, wenn ich euch duze?« Verhaltenes Nicken im Klassenzimmer. »Ja? Dann gilt das natürlich auch andersrum: Ich bin Max.«

Max Eigen ist 34 Jahre alt und seit knapp anderthalb Jahrzehnten bei der Bundeswehr. Seine Schulterklappen weisen ihn als Hauptmann aus. Als Jugendoffizier ist er ausgebildet, über Sicherheitspolitik zu referieren. Heute spricht er mit Zwölftklässlern des Lise-Meitner-Gymnasiums in Hamburg. »Die Bundeswehr im Rahmen kollektiver Sicherheit. Impulsvortrag« steht auf der Präsentation, die hinter ihm auf dem Whiteboard im Klassenzimmer flimmert.

Sein Besuch war schon geplant, bevor Russland die Ukraine angriff – und die Bundesbildungsministerin sich für den Einsatz von Jugendoffizieren im Unterricht aussprach, um über den Krieg aufzuklären. Anfang März sagte Bettina Stark-Watzinger (FDP) der »Bild«-Zeitung, »als sicherheitspolitische Experten« seien Jugendoffiziere der Bundeswehr »eine Bereicherung für den Unterricht, besonders jetzt«. Der Vorstoß stieß nicht nur auf Begeisterung; schon seit Langem gibt es Debatten darum, was die Bundeswehr an Schulen machen sollte und was nicht.

Eigen sollte ursprünglich über seinen Auslandseinsatz in Mali berichten. »Dann ist uns die Ukraine auf die Füße gefallen«, sagt Lehrer Jan Albroscheit, der im Fach Politik/ Wirtschaft/Gesellschaft mit seiner Abschlussklasse gerade das Thema Internationale Konflikte behandelt. Also planten sie um: Statt der EU-Mission in der Sahel-Region soll es nun um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gehen.

»Wenn sich keiner meldet, haben wir keine Daseinsberechtigung.«

Jugendoffizier Max Eigen

Doch erst mal geht es um Max. Er will sich nahbar machen, erzählt von der »Wiege seiner Heimat«, seiner jungen Familie und seiner Leidenschaft fürs Reisen, entschuldigt sein leicht erhöhtes Sprechtempo – und legt dann los: »Welche Aufgaben hat die Bundeswehr?« Und schießt gleich hinterher: »Wenn sich keiner meldet, haben wir keine Daseinsberechtigung.«

Vier, fünf Schülerinnen und Schüler machen kontinuierlich mit. Und Max Eigen stellt im Pingpong mit den Schülern dar, welche Rolle die Uno, Nato und EU für das »System kollektiver Sicherheit« spielen. Schnell kommt dabei die Ukraine ins Spiel, als es um das Gewaltverbot der Uno-Charta geht – und der »responsibility to protect«, also der Möglichkeit, etwa bei schweren Menschenrechtsverletzungen doch militärisch zu intervenieren.

Jugendoffizier Max Eigen auf dem Schulhof des Lise-Meitner-Gymnasiums

Jugendoffizier Max Eigen auf dem Schulhof des Lise-Meitner-Gymnasiums

Foto: Swantje Unterberg / DER SPIEGEL

Putin habe seinen Einmarsch damit gerechtfertigt, einen Genozid in den Separatistengebieten verhindern zu müssen und die Ukraine zu »entnazifizieren«, damit habe er die »responsibility to protect« missbraucht, stellt Eigen zusammen mit den Schülerinnen und Schülern heraus.

Nachdem die Aufgaben der Institutionen durchdekliniert sind, sind die Zwölftklässler mit ihren Fragen dran. Sie wollen wissen: Wie steht Max zu der Forderung der Ukraine, den Luftraum zu sperren? Wie stark ist die Nato im Vergleich zu Russland? Waren die bisherigen Maßnahmen des Westens sinnvoll? Wie lange kann die Ukraine durchhalten? Und wie geht der Konflikt wohl aus?

»Ich habe zurzeit oft das Gefühl hilfloser Wut«

Jugendoffizier Max Eigen

Hauptmann Eigen ordnet ein, wägt ab, erläutert. Nur auf die letzte Frage antwortet er: »Das kann ich nicht sagen.«

Dann spricht er von sich: »Ich habe zurzeit oft das Gefühl hilfloser Wut.« Es sei aus ethisch-moralischer Sicht »absolut fragwürdig«, in dem Konflikt nicht zu intervenieren. Doch alles andere würde eben einem Kriegseintritt der Nato gleichkommen und die Situation völlig eskalieren lassen. »Dann hätten wir den dritten Weltkrieg.«

Die Schülerinnen und Schüler bleiben die ganze Stunde über recht gelassen. Niemand hakt nach, ob die Nato nicht doch noch intervenieren könnte. Und niemand fragt Max, ob er Angst habe, dann in den Krieg ziehen zu müssen.

Engagierte Schülerinnen und Schüler der Politikprofilklasse

Engagierte Schülerinnen und Schüler der Politikprofilklasse

Foto: Swantje Unterberg / DER SPIEGEL

Nur einmal spielen Gefühle eine Rolle: als die Schülerinnen und Schüler mit ihren Fragen schon weitergezogen sind zur Laufbahn von Max Eigen. Sie hätte Angst, zur Bundeswehr zu gehen, sagt die 18-jährige Frieda. Was denn Max' Motivation gewesen sei? Eigen berichtet, dass ihn die schnelle Möglichkeit, in Führungspositionen zu kommen, gereizt habe. Und dass er sein BWL-Studium so finanziert bekommen habe und der Gesellschaft etwas zurückgeben wolle.

Er sei bei der Logistik gewesen, »der DHL der Bundeswehr«, da stehe man nicht an vorderster Front. Allerdings habe er unterschreiben müssen, auch in Auslandseinsätze geschickt zu werden. Bis Russland die Ukraine angegriffen habe, habe er sich in Europa aber keine Sorgen um Sicherheit machen müssen, sagt Eigen.

Die Teenager wirken nicht besonders besorgt, der Krieg kommt kaum ins Klassenzimmer. Erst auf Nachfrage sagt Joscha: »Angst gibt es schon.« Zweimal hätten sie den Krieg schon im Unterricht thematisiert, sagt der 18-Jährige, und es sei beruhigend, dass die Nato eine Eskalation vermeide. Eine Ausweitung des Krieges halte er für unwahrscheinlich.