US-Bundesstaat Missouri Schulbezirk erlaubt körperliche Züchtigung mit Holzpaddel

2001 schaffte die US-Kleinstadt Cassville die Prügelstrafe in Schulen ab – und hat sie nun wieder eingeführt, angeblich auf Wunsch von Eltern. Kinderschützer reagieren entsetzt.
Holzpaddel, das zur Disziplinierung eingesetzt werden soll (Symbolbild)

Holzpaddel, das zur Disziplinierung eingesetzt werden soll (Symbolbild)

Foto: DANIL NIKONOV / iStockphoto / Getty Images

In Cassville, einem Schulbezirk im Südwesten des US-Bundesstaates Missouri, kommt die Prügelstrafe zurück: Ab dem neuen Schuljahr dürfen Kinder, die im Klassenraum anecken, körperlich gezüchtigt werden – mit einem Holzpaddel auf den Hintern. Voraussetzung ist, dass ihre Eltern vorab grundsätzlich ihr Einverständnis dazu gegeben haben. Betroffen sind bis zu 1900 Schülerinnen und Schüler, die in Cassville zur Schule gehen.

Über die Neuregelung hatten die Behörden offenbar bereits im Juni entschieden, wie die »Washington Post « und andere Medien berichten. In dieser Woche wurden demnach nun Mütter und Väter bei einem Treffen darüber informiert. Sie bekamen Formulare ausgehändigt, um schriftlich zu bekunden, ob die Schule ihr Kind mit körperlicher Gewalt disziplinieren darf.

Die körperliche Züchtigung soll der neuen Richtlinie zufolge darin bestehen, Schülern mit einem Holzpaddel auf das Gesäß zu schlagen, und zwar in Anwesenheit eines Zeugen. Wörtlich heißt es, die Lehrperson solle »angemessene körperliche Gewalt« anwenden, ohne dass es zu Verletzungen oder Schaden komme. Jüngere Kinder sollen ein bis zwei Schläge erhalten, ältere Schüler bis zu drei. Ohrfeigen oder Schläge auf den Kopf seien nicht erlaubt.

Die Person, die das Kind schlägt, in der Regel ein Lehrer oder der Schulleiter, muss einen Bericht an den Superintendenten senden, in dem die Gründe für die Bestrafung erläutert werden, berichtet die »Post«. Der Richtlinie zufolge sei körperliche Züchtigung nur dann eine Option, »wenn alle anderen alternativen Disziplinierungsmittel versagt haben«.

Kinderschützer entsetzt: »Absolut schreckliche Praxis«

Bei Kinderschützern löste die Nachricht von der Rückkehr zur Prügelstrafe in Cassville Entsetzen aus. »Es ist eine absolut schreckliche Praxis«, sagte Richard Wexler, Exekutivdirektor der National Coalition for Child Protection Reform.

»Es besteht keine Notwendigkeit für einen Lehrer oder einen Administrator, ein Kind jemals körperlich zu schlagen oder anzugreifen«, sagte Wexler. Das Schlagen strafe nicht, es traumatisiere. Der Schulbezirk stehe zudem allein mit seiner Maßnahme da, so Wexler.

Die Vereinten Nationen betrachten körperliche Züchtigung als Menschenrechtsverletzung. Die Uno-Kinderrechtskonvention fordert die Länder nachdrücklich auf, diese Praxis zu verbieten.

Die »Washington Post« zitiert die Forscherinnen Elizabeth T. Gershoff und Sarah A. Font, die in einer Studie über die Prügelstrafe von 2016 dies schrieben: »In jedem anderen Zusammenhang würde die Tat eines Erwachsenen, der eine andere Person mit einem Brett schlägt, als Angriff mit einer Waffe angesehen und wäre strafrechtlich relevant.«

Noch im 19. und 20. Jahrhundert war die Prügelstrafe in Schulen eine weit verbreitete, anerkannte Erziehungsmethode. Mit zeitgenössischer Pädagogik ist sie jedoch nicht vereinbar.

1977 hatte der Oberste Gerichtshof der USA entschieden, dass die körperliche Bestrafung in Schulen verfassungsgemäß sei. Die Richter ließen den US-Bundesstaaten die Option, selbst darüber zu entscheiden. Seitdem haben viele Staaten die Praxis verboten. In 19 Staaten, insbesondere im Süden der USA, ist die Prügelstrafe jedoch nach wie vor erlaubt – auch in Missouri.

Zehntausende Schüler werden in den USA geschlagen

Die Neuregelung aus Cassville erregt in den USA zwar breite mediale Aufmerksamkeit, der »Washington Post« zufolge kommen körperliche Züchtigung an Schulen im Land jedoch oft vor. Die Zeitung beruft sich auf Zahlen des Office for Civil Rights des Bildungsministeriums. Nach den jüngsten vorliegenden Daten aus dem 2017/18 wurden demnach landesweit mehr als 69.000 Kinder und Jugendliche geschlagen. Mississippi hatte mit mehr als 20.000 die höchste Rate an Betroffenen, gefolgt von Texas mit fast 14.000 und Alabama mit über 9000. In Missouri erhielten fast 2500 Schülerinnen und Schüler Schläge.

Cassville hatte die Prügelstrafe in Schulen vor mehr als 20 Jahren verboten. Dass sie nun wieder eingeführt wurde, geschah laut Superintendent Merly Johnson letztlich auf Wunsch einiger Eltern. Manche seien seit längerer Zeit frustriert darüber gewesen, dass die Prügelstrafe im Distrikt nicht (mehr) erlaubt sei, berichtet etwa die Zeitung »Springfield News-Leader «. Für die neue Richtlinie hätten sich nun mehrere Mütter und Väter aus der Stadt ausdrücklich bedankt, wird Johnson in der Zeitung zitiert.

Ein Vater lobt, die körperliche Züchtigung gebe der Schule ein weiteres Werkzeug, um ein Kind zu disziplinieren, ohne dass es bei Fehlverhalten suspendiert und nach Hause geschickt werde, wo es nur Videospiele spielen würde. Andere Eltern hingegen zeigen sich schockiert.

fok/Reuters
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