Umfrage Abiturienten empfinden Wechselunterricht als sehr belastend

Unklare Konzepte, Lehrkräfte mit schlechter Medienkompetenz, kaum Vertrauen in die Politik: Abiturienten sind nach den bisherigen Pandemie-Erfahrungen desillusioniert. Das zeigte eine aktuelle Studie der Uni Paderborn.
Abiturklausur in Rostock (Archivbild): »Durch den Wechselunterricht ist teilweise viel Zeit verloren gegangen, da oft alles zweimal unterrichtet worden ist«

Abiturklausur in Rostock (Archivbild): »Durch den Wechselunterricht ist teilweise viel Zeit verloren gegangen, da oft alles zweimal unterrichtet worden ist«

Foto: Bernd Wüstneck/ DPA

Schülerinnen und Schüler, die in den vergangenen Wochen ihr Abitur gemacht haben, haben die jüngsten Schuljahre mit den coronabedingten Einschränkungen sehr ambivalent wahrgenommen. Kritisch bewerten sie vor allem fehlende Konzepte für den Unterrichtsalltag und die Qualifikation der Lehrkräfte für den Onlineunterricht.

Das geht aus den Ergebnissen einer bundesweiten Umfrage hervor. Forscher der Universität Paderborn  hatten rund 7500 Schülerinnen und Schüler nach ihren Erlebnissen im Corona-Unterricht gefragt. »Uns ging es dabei vor allem um die psychischen Belastungen, die mit dem Abitur in dieser besonderen Situation einhergingen«, sagt Tim Rogge aus der Paderborner Arbeitsgruppe für allgemeine Didaktik, Schulpädagogik und Medienpädagogik.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Bundesweit gab es große Unterschiede beim Umgang der Schulen mit der Krise. »Während einige Abiturienten berichten, im vergangenen Schuljahr durchgängig in Präsenz unterrichtet worden zu sein, verbrachte die Mehrheit der Befragten Teile des Schuljahres in Distanz- oder Wechselunterricht«, schreiben die Forscher.

  • Die Phasen des Wechselunterrichts waren für die Jugendlichen dabei belastender als Phasen, in denen die ganze Klasse im Distanzunterricht lernte. »Der Distanzunterricht war kein großes Problem«, formulierte es ein Schüler in der Befragung: »Aber durch den Wechselunterricht ist teilweise viel Zeit verloren gegangen, da oft alles zweimal unterrichtet worden ist, nämlich je einmal pro Kurshälfte.«

  • Die Medienkompetenz der Lehrkräfte wird von den Schülerinnen und Schülern ziemlich schlecht bewertet: Nur 15,1 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass die Lehrerinnen und Lehrer »mehrheitlich über ausreichend gute Medienkompetenzen für den Distanzunterricht« verfügen. 28,9 Prozent widersprachen dieser Einschätzung ausdrücklich. Die Forscher entdeckten aber einen interessanten Zusammenhang: »Je höher die Absolventen die Medienkompetenzen ihrer Lehrkräfte einschätzen, umso bessere Abschlussnoten geben sie an«, heißt es in der Studie.

  • 61,2 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten begrüßen außerdem, dass die Abschlussprüfungen trotz Pandemie regulär durchgeführt wurden. 2020 hatte der Wert noch bei 53,4 Prozent gelegen. Den zwischenzeitlich diskutierten Alternativvorschlag, statt der Prüfungen Durchschnittsnoten zu bilden, sieht die Mehrheit dagegen skeptisch. Hintergrund sei »die Sorge, dass ein ›Corona-Abitur‹ ohne Abiturprüfungen im Vergleich zu vorherigen Abiturjahrgängen als minderwertig betrachtet und zum Beispiel bei Bewerbungen benachteiligt sein könnte«, sagt Tim Rogge.

Die Studie

Tim Rogge ist Bildungswissenschaftler, Andreas Seifert Psychologe an der Universität Paderborn. Bereits im Sommer 2020 hatten sie Abiturientinnen und Abiturienten zu ihrem Erleben der Abitur-Prüfungsphase unter Corona-Bedingungen befragt und diese Studie jetzt wiederholt. Kooperationspartner war der App-Anbieter Abihome.

»Bislang liegen Studien zur Perspektive der Schüler in Abschlussjahrgängen nur vereinzelt und mit kleinen Stichprobengrößen vor«, sagt Rogge. Die Untersuchung werde ab August noch einmal um vertiefende Interviews mit Abiturientinnen und Abiturienten erweitert.

Dann sollen auch Themen aufgegriffen werden, die sich als Trends in den Ergebnissen abzeichnen. Dazu gehört, dass Mädchen und Jungen die Belastungen unterschiedlich empfunden haben: So haben Abiturientinnen mit durchschnittlich 3,73 Stunden pro Tag im Distanzunterricht deutlich mehr Zeit fürs Lernen aufgewendet als Abiturienten mit 2,84 Stunden.

Rücktrittsforderungen an Ministerinnen und Minister

Die größte Belastung erlebten dabei Schülerinnen mit Migrationshintergrund und geringem Bildungsgrad der Eltern. »Andererseits berichten Frauen aber bessere Abschlussnoten als ihre männlichen Klassenkameraden, was darauf schließen lässt, dass sich Schülerinnen im Distanzlernen besser motivieren und organisieren konnten als Schüler«, sagt Andreas Seifert aus der Arbeitsgruppe für pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Überrascht waren die Forscher von der deutlichen politischen Bewertung der Schulpolitik in der Pandemie. Auf die Frage nach der Zufriedenheit mit den bildungspolitischen Entscheidungen im jeweiligen Bundesland gaben rund 70 Prozent an, »unzufrieden« oder »eher unzufrieden« zu sein.

Bei den offenen Antworten wurde diese Unzufriedenheit besonders deutlich: »So wird gehäuft der Rücktritt von Schulministern der Länder gefordert und politischen Entscheidungsträgern mit Blick auf versprochene Erleichterungen in den Abiturprüfungen Vertrauensbruch vorgeworfen«, heißt es in der Zusammenfassung der Studie.

him
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