Corona-Konzept Selbsttests sollen Schulöffnungen in Baden-Württemberg absichern

Lehrerinnen, Erzieher und Kinder in Baden-Württemberg sollen sich selbst auf Corona testen. Das Ziel: die schnelle Öffnung von Schulen und Kitas, ähnlich wie in Österreich. Tübingen plant noch ein eigenes Modell.
Ein Abstrich aus dem vorderen Nasenbereich reicht aus: Der neunjährige Tim beim Corona-Selbsttest (mit seinem Vater, in Wien)

Ein Abstrich aus dem vorderen Nasenbereich reicht aus: Der neunjährige Tim beim Corona-Selbsttest (mit seinem Vater, in Wien)

Foto: Anja Oberkofler / dpa

Wattestäbchen in die Nase, 15 Minuten warten – dann gibt es das Ergebnis: Mit einfach zu handhabenden Schnelltests sollen Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg demnächst ihren Corona-Status überprüfen.

Damit soll Präsenzunterricht sicherer und vor allem schneller wieder möglich werden. Denn der Druck auf die Verantwortlichen ist riesig: Schulschließungen zählen zu den am stärksten umstrittenen Maßnahmen in der Pandemie – insbesondere in Baden-Württemberg, wo im März Landtagswahlen anstehen.

Das neue Selbsttestkonzept kündigte der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha am Mittwoch in Stuttgart an. »Damit können die Betroffenen bei Symptomen eine Selbsttestung zu Hause vornehmen und bleiben bei positivem Testergebnis der jeweiligen Einrichtung fern«, sagte der Grünenpolitiker. Ermöglicht werde der Eigengebrauch von Schnelltests durch eine Anpassung einer Verordnung durch den Bund.

Damit sei die Umsetzung eines umfassenden Testkonzepts für Schulen und Kindertagesstätten möglich. »Nun können wir die geplante Öffnung von Grundschulen und Kindertagesstätten nach den Faschingsferien mit einer erweiterten Teststrategie begleiten«, sagte Lucha. Er wolle das Konzept jetzt mit Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) abstimmen.

Das Nachbarland macht's vor

Vorbild ist Österreich: Nach rund sechswöchigem Shutdown sollen die Regeln im Nachbarland wieder gelockert werden. Dazu gehört, dass Kinder und Jugendliche in Wien und Niederösterreich ab Montag, dem 8. Februar, wieder im Klassenraum sitzen dürfen. In allen anderen Bundesländern startet der Betrieb eine Woche später – verbunden mit einer strikten Vorgabe des Bildungsministeriums.

»Voraussetzung für die Teilnahme am Schulbesuch ist die Teilnahme an den Eintritts-Selbsttests«, schreibt die Behörde auf ihrer Website . Das heißt: Ohne negatives Corona-Testergebnis kommt niemand dauerhaft in den Klassenraum. Wer sich nicht testen lassen will, wird den Angaben zufolge mit Aufgaben versorgt und muss weiter im Distanzunterricht lernen. Den Test müssen sich die Schülerinnen und Schüler jedoch nicht selbst organisieren.

Österreich stellt seit Mitte Januar allen Schulen rund fünf Millionen Antigen-Selbsttests für die rund 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte in der Alpenrepublik zur Verfügung. Jüngere Kinder und Sonderschüler sollen sich unter der Aufsicht ihrer Eltern zu Hause testen, alle anderen in der Schule. Laut Bildungsministerium  sollen die Tests regelmäßig erfolgen, zunächst einmal pro Woche, angestrebt würden zwei Tests pro Woche.

»Kinderleicht wie Nasebohren«?

Die angebotenen Schnelltests haben aus Sicht des Bildungsministeriums  zwei Vorteile. Erstens: Der Tupfer müsse nur in den vorderen Bereich der Nasenhöhle eingeführt werden und erfordere keinen Rachenabstrich – weshalb ihn jeder unkompliziert selbst durchführen könne. Zweitens: Schon nach 15 Minuten werde das Ergebnis sichtbar, ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest.

Wie der Test genau funktioniert, wenn er zu Hause oder auch im Klassenraum durchgeführt wird, zeigt das Ministerium in einem Erklärvideo . Demnach ist die Durchführung »so kinderleicht wie Nasebohren«. Wie auch andere Schnelltests sei dieser Selbsttest »insbesondere dafür geeignet, eine hohe Virenlast nachzuweisen«, teilt das Bildungsministerium mit. »Das bedeutet wiederum, dass Personen, die hoch ansteckend sind, rasch erkennbar sind.«

Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Kinder und Jugendliche mit einer niedrigen Viruslast sind unter Umständen nicht so rasch erkennbar und fallen durchs Raster. Eine hundertprozentige Sicherheit bietet das Verfahren also nicht. Das behauptet auch das Ministerium nicht. Es sei damit jedoch möglich, »die Sicherheit an der Schule nochmals zu erhöhen«.

Zusätzlich setzt Österreich auf weitere Infektionsschutzmaßnahmen an den Schulen. So werden Kinder an einigen Schulformen etwa im Wechselmodell unterrichtet, in Kleingruppen im Schichtsystem.

Deutschland testet auch – vereinzelt

Deutschland hat auf einen flächendeckenden Einsatz von Antigen-Schnelltests an Schulen bisher verzichtet. Einige Bundesländer verfolgen aber Ansätze, die in eine ähnliche Richtung gehen. Sachsen beispielsweise  hatte den Abschlussklassen, die im Januar wieder in den Präsenzunterricht durften, Corona-Schnelltests angeboten. Die allermeisten der getesteten Schülerinnen und Schüler waren demnach nicht mit Corona infiziert, nur 0,2 Prozent erhielten ein positives Ergebnis. Bei den Lehrern lag die Infektionsrate bei 0,4 Prozent.

Allerdings: Der Test erfolgte auf freiwilliger Basis, und so ließ sich nur rund ein Drittel der Schülerinnen und Schüler testen – möglicherweise auch, weil das damit verknüpfte Verfahren umstritten war. Die Tests fanden nur an ausgewählten Schulen statt, wohin die Schüler in Bussen – unter Umständen dicht gedrängt – fahren sollten. Kritiker warnten vor einem erhöhten Infektionsrisiko.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) zeigte sich von der niedrigen Teilnahmequote enttäuscht, will jedoch an den Schnelltests festhalten. Nach den Winterferien in Sachsen, also ab dem 8. Februar, können sich Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen sowie ihre Lehrkräfte erneut testen lassen.

Störfeuer vom grünen Parteifreund

In den vergangenen Monaten hatten immer wieder einzelne Schulen, teils in Eigenregie, auf Corona-Tests gesetzt, um das Ansteckungsrisiko einzudämmen – und Kindern und Jugendlichen gleichzeitig einen möglichst normalen Schulalltag zu ermöglichen. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und die Leitende Notärztin der Stadt, Lisa Federle, kündigten am Mittwoch an, für die Schulen in Tübingen jetzt schnell entsprechende Konzepte umzusetzen – unabhängig von den Plänen des Gesundheitsministers und auch nicht für alle Kinder und Jugendlichen.

»Unser Ziel sind regelmäßige Schnelltests zwei- bis dreimal pro Woche an allen Kitas und den Abschlussklassen aller Schulen in der Stadt«, sagte Palmer. Für den richtigen Umgang mit den neuen Schnelltests sollen die Lehrerinnen und Lehrer geschult werden. Jugendliche und Lehrkräfte, die es sich nicht zutrauen, den Schnelltest in der Schule zu machen, erhalten nach Angaben von Lisa Federle das Angebot, kostenlose Schnelltests beim Arztmobil machen zu lassen. Das Mobil stehe fünfmal die Woche auf dem Tübinger Marktplatz.

Laut Palmer stehen rund 100.000 Euro für das Konzept zur Verfügung. Rund 20.000 Tests seien bestellt worden, die Aktion soll kommende Woche starten, ergänzte Federle. Mit Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sei sie sich einig, dass das Tübinger Konzept landesweit ausgeweitet werden soll – auch auf andere Berufsgruppen wie beispielsweise Polizisten und Verkäufer.

Den Schnelltestplan von Gesundheitsminister Manne Lucha – ein bis zwei Tests pro Woche, nur bei Symptomen – halten Federle und Palmer für nicht ausreichend: »Er lässt die Lücke der symptomfreien Zeit. Wir wollen in Tübingen weiter gehen.«

mit Material von dpa
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