Präsenzunterricht in Corona-Zeiten Die Schulen öffnen wieder – manche nur für einen Tag

In zehn Bundesländern sind Schülerinnen und Schüler in den Präsenzunterricht zurückgekehrt. Vielerorts kam es zu Streit zwischen Direktoren und Ministern. Einige Gemeinden gehen jetzt ihren eigenen Weg.
Tische auf Abstand, möglichst kein Herumlaufen in der Klasse: Viele Schulen setzen beim Präsenzunterricht auf verkleinerte Lerngruppen

Tische auf Abstand, möglichst kein Herumlaufen in der Klasse: Viele Schulen setzen beim Präsenzunterricht auf verkleinerte Lerngruppen

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Ist die Rückkehr in den Präsenzunterricht vertretbar? Zehn Bundesländer haben am Montag zumindest Teile ihrer Schülerinnen und Schüler in den Unterricht zurückgeholt – zumeist die Kinder im Grundschulalter und die Angehörigen der Abschlussklassen. Zuvor hatten bereits Sachsen und Niedersachsen erste Konzepte zur Öffnung umgesetzt.

Doch was die einen als Schritt zurück in die Schulnormalität beschwören, wird von den anderen angesichts erneut steigender Inzidenzzahlen scharf kritisiert. Keine Frage: Die Nervosität ist bei allen Beteiligten hoch, mitunter liegen die Nerven blank.

Das zeigte sich am Wochenende beispielsweise in Flensburg. Dort hatte Fabian Halbe, Leiter der Fridtjof-Nansen-Schule, auf der Schulhomepage einen Brief an die Eltern veröffentlicht. In dem Schreiben kritisierte er auch deutlich die Öffnungspolitik der Landesregierung in Kiel: »Wir halten die Entscheidung des Ministeriums, den Präsenzunterricht ungeachtet der Infektionslage in Flensburg aufrechtzuerhalten, für falsch.« In den sozialen Medien erhielt Halbe dafür viel Unterstützung.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Vertreter des Bildungsministeriums allerdings waren nicht besonders angetan. Der Schulleiter habe »eine Erlasslage beschrieben, die unzutreffend war«, teilte David Ermes, Sprecher des Ministeriums, dem SPIEGEL auf Anfrage mit. Möglicherweise sei der Schulleiter »nicht auf dem neuesten Stand« gewesen. Daraufhin habe sich die Schulaufsicht eingeschaltet und »ihm seine Möglichkeiten erläutert, den Schulbetrieb zu organisieren«. Mittlerweile ist auf der Homepage der Schule eine abgewandelte »Klarstellung«  zu finden.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nervosität auch in Sachsen: Dort hatten Kritiker dem Kultusministerium vorgeworfen, Social-Media-Nutzer zu blocken, die die sächsische Schulpolitik angegriffen und vor allem gegen den Öffnungskurs an den Grundschulen angeschrieben hatten.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Das Ministerium verwahrt sich vehement gegen diese Darstellung. »Wir blocken selbstverständlich nicht einfach Kritiker weg«, teilte Sprecherin Susanne Meerheim dem SPIEGEL mit. In den digitalen Netzwerken des Ministeriums werde viel diskutiert: »Wir haben aber klar und transparent in unserer Netiquette zum Ausdruck gebracht, dass ein Mindestmaß an respektvoller Diskussionskultur einzuhalten ist.«

Die Diskussionskultur sei mittlerweile eher zu einer Unkultur verkommen und habe »zwischenzeitlich ein nicht mehr tolerierbares Ausmaß angenommen«. Deshalb sei klar: »Wer gegen die eigentlich selbstverständlichen Grundregeln der Diskussion verstößt, kann blockiert werden. Im Übrigen haben wir auch eine Fürsorgepflicht für die (seelische) Gesundheit unserer Mitarbeiter.«

DER SPIEGEL

»Kollateralschäden«

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder erklärte unterdessen die Rückkehr der Grundschulkinder in den Wechselunterricht – trotz der unklaren Infektionslage durch die mutierten Coronaviren – für den richtigen Weg. »Nein, es ist kein Fehler«, sagte der CSU-Chef am Montag vor einer Sitzung des Parteivorstands in München. Die Schüler bräuchten eine Perspektive: »Wir erleben ja die Kollateralschäden bei Schülern.« In den kommenden zehn Tagen werde sich zeigen, wie sich die Öffnungen auf die Ausbreitung des Virus auswirkten.

Unterstützt wurde er von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. »Es ist gut, dass viele Schulen in Deutschland jetzt schrittweise wieder mit dem Präsenzunterricht beginnen«, sagte die CDU-Politikerin der Nachrichtenagentur dpa. Präsenzunterricht sei durch nichts zu ersetzen.

Skeptischer äußerte sich Regierungssprecher Steffen Seibert: »Es ist ganz wichtig, dass man sich dann auch ganz genau anschaut, ob und wenn in welchem Umfang das wiederum Veränderungen im Infektionsgeschehen bringt.« Kanzlerin Merkel hatte sich für eine spätere Rückkehr der Kinder in die Einrichtungen ausgesprochen, vereinbart worden war dafür ursprünglich der 1. März.

»Keine einzige Grundschule öffnen«

Auch einzelne Kommunen sehen die Pläne aus den Bildungsministerien mit großer Sorge. So hat sich der Bürgermeister von Bad Ems entschieden, angesichts der lokalen Infektionszahlen die Grundschulen und die Kitas am Ort geschlossen zu halten – trotz anderslautender Landesregelungen in Rheinland-Pfalz. »Das Virus interessiert diese ganze Diskussion um verschiedene Formen des Präsenzunterrichts nicht«, sagte Bürgermeister Oliver Krügel im SPIEGEL-Interview, »wer verstanden hat, wie das Virus funktioniert, der kann guten Gewissens keine einzige Grundschule öffnen und Kitas allenfalls in einem echten Notbetrieb.«

Unterdessen laufen in Berlin die Gespräche darüber, ob Lehrkräfte und Kita-Personal früher als bisher geplant geimpft werden sollen. Baden-Württemberg hat das unabhängig von den Beratungen der Gesundheitsminister bereits angekündigt, auch Schleswig-Holstein drängt auf eine bevorzugte Impfung von Beschäftigten an Schulen und Kitas. »Wenn eine Gesellschaft sagt, Bildung hat absolute Priorität, dann müssen wir auch die Lehrkräfte und übrigens auch alle anderen an Schule beschäftigten Sozialarbeiter, Erzieher und auch die Kita-Kräfte« priorisiert impfen, sagte Bildungsministerin Karin Prien im Deutschlandfunk.

Am Montag zeigte sich schnell, wie wenig Planungssicherheit es im Hinblick auf Schulen und Kitas derzeit gibt: Nach nur einem Tag erfuhren etwa die meisten Schülerinnen und Schüler in Nürnberg, dass sie ab Dienstag wieder von zu Hause aus lernen müssen – die Corona-Zahlen sind zu hoch.

mit Material von dpa