Studie an 111 Grundschulen Viertklässler können deutlich schlechter lesen als vor der Coronakrise

Wie groß sind die Lernrückstände durch Homeschooling in Deutschland? Ein Dortmunder Forschungsteam hat die Lesefähigkeiten von Viertklässlern untersucht. Die Ergebnisse schon nach einem Jahr Pandemie sind demnach »alarmierend«.
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Sebastian Gollnow / dpa

Plötzlich stand der Schulranzen über Wochen und Monate in der Ecke. Vor zwei Jahren, am 16. März, wurden Deutschlands Schulen geschlossen, Corona diktierte fortan den Stundenplan. Kinder und Jugendliche mussten sich seitdem an einen regen Wechsel von Distanz-, Wechsel- und Präsenzunterricht anpassen, an einen Alltag im Ausnahmezustand. An mehr als 180 Tagen blieben die Schulen laut einer OECD-Studie ganz oder teilweise zu – das entspricht fast einem ganzen Schuljahr. Wie hat sich all dies auf die Leistungen ausgewirkt?

Lange Zeit stocherte man bei dieser Frage im Nebel. Die Verpflichtung zu bundesweiten Vergleichstests wie VERA hatten die Kultusministerinnen und -minister in der Krise vorläufig ausgesetzt. Einige führten die Tests trotzdem durch, viele andere nicht. Erstmals belegt nun eine Studie des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund, dass die Lerneinbußen zumindest bei Grundschulkindern im Bereich Lesen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit »alarmierend« sind.

Die Gruppe der guten und sehr guten Leserinnen und Leser in den vierten Klassen ist demnach geschrumpft; die Gruppe derjenigen, die Probleme mit dem Lesen und Verstehen von Texten haben, ist hingegen größer geworden – und zwar bereits nach nur einem Jahr Pandemie.

Das Forschungsteam hatte anhand von repräsentativen Daten mit insgesamt über 4000 Kindern an 111 ausgewählten Grundschulen in Deutschland mithilfe der IGLU-Tests (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) untersucht, wie sich die Lesekompetenz von Viertklässlern 2021 im Vergleich zu 2016 unterscheidet. Zum Zeitpunkt der Erhebung hatten die Kinder rund ein Jahr Coronakrise hinter sich. In diesen Zeitraum fiel der größte Teil der Schulschließungen.

»Drückt man es in Lernjahren aus, fehlt den Kindern im Durchschnitt etwa ein halbes Lernjahr«, sagt Forscher Ulrich Ludewig. Bestimmte Trends, etwa dass Mädchen im Schnitt besser lesen als Jungen, blieben demnach zwar bestehen, aber letztlich betreffen die Lerneinbußen Grundschulkinder quer durch alle Gruppen und alle sozialen Milieus. »Da Lesen eine zentrale Kompetenz darstellt, hat dieses Ergebnis auch Auswirkungen auf alle anderen Schulfächer«, betont Studienleiterin Nele McElvany.

Die Ergebnisse im Detail:

  • Mädchen zeigen zwar im Mittel weiterhin bessere Leistungen beim Lesen als Jungen, das Leseniveau ist aber bei beiden Geschlechtern gesunken.

  • Kinder aus Familien mit mehr als hundert Büchern zu Hause – daraus wird oft eine höhere Bildungsaffinität abgeleitet – können im Schnitt besser lesen als Kinder aus Familien mit weniger Büchern. Aber die mittlere Lesekompetenz beider Gruppen ist in ähnlichem Maße geringer als im Jahr 2016.

  • Kinder mit schlechten häuslichen Rahmenbedingungen zum Lernen – kein eigener Schreibtisch und kein Internetzugang – haben höhere Lerneinbußen als Kinder mit guten Rahmenbedingungen.

  • Die Lesekompetenz von Grundschulkindern nichtdeutscher Herkunft hat im Mittel tendenziell stärker unter der Pandemie gelitten als die von Kindern deutscher Herkunft.

  • Der Unterschied in der Lesekompetenz von Kindern mit ausländischen Wurzeln und denjenigen, die in Deutschland geboren sind, ist größer geworden. Das Forschungsteam gibt ihn mit rund anderthalb Lernjahren an.

Die aktuelle Schülergeneration in Deutschland zeige generell eine wesentlich geringere Lesekompetenz als noch vor fünf Jahren, schreiben die Forschenden in ihrer Studie. »Das ist alarmierend.« Um diese Lücke wieder zu schließen, komme es nun auf umfassende und wirksame Unterstützungs- und Förderangebote an. »Die hier untersuchten Kinder besuchen aktuell die fünfte Klassenstufe – neben den Grundschulen müssen für die Leseförderung also auch die weiterführenden Schulen systematisch mitgedacht werden«, betont McElvany.

Der Bund hatte im vergangenen Jahr ein Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche über zwei Milliarden Euro gestartet, um pandemiebedingte Lernrückstände zu kompensieren. Eine Milliarde davon soll vorrangig in Nachhilfe- und Förderstunden an Schulen fließen, um etwaige Lernlücken in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zu schließen. Einige Länder haben zusätzlich in entsprechende Förderung investiert. Lehrerverbände betrachten die Effekte bisher allerdings skeptisch.

Zwar sei eine pauschale Einschätzung wegen unterschiedlicher Maßnahmen in den Bundesländern schwierig, sagte die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern, zu Beginn des Jahres. »Mehrheitlich melden die GEW-Landesverbände jedoch zurück, dass die Maßnahmen offenbar nicht so fruchten wie geplant.« Finnern kritisierte, dass viele Angebote nicht die Kinder erreichten, die am meisten Unterstützung bräuchten, sondern diejenigen, »deren Eltern sich darum kümmern (können)«.

Besser in Englisch dank YouTube?

Wie groß die Lernrückstände sind, haben bisher nur wenige Bundesländer systematisch erfasst, wie eine SPIEGEL-Umfrage bei den Bildungsministerien zeigt.

In Hamburg wurden im Rahmen der üblichen Lernstandsuntersuchungen »Kermit 3« mehr als 85 Prozent der Kinder in den dritten Klassen nach den Sommerferien in landesweiten Tests geprüft. In Deutsch und Mathematik ist demnach der Anteil der Kinder, die größere Schwierigkeiten haben mitzuhalten, deutlich gestiegen, und zwar in sozial benachteiligten Milieus stärker als in anderen.

Einzig bei der Rechtschreibung schnitten Drittklässler des Schuljahres 2021/22 besser ab als frühere Jahrgänge. Das Team erklärt dies mit Effekten der Hamburger »Rechtschreiboffensive«. Kinder müssen demnach unter anderem einen Basiswortschatz mit 785 »Modellwörtern« üben.

In Baden-Württemberg nahmen zu Beginn des Schuljahres alle Viert- und Achtklässler an Vergleichsarbeiten, den sogenannten VERA-Tests, in Deutsch, Mathematik und einer Fremdsprache teil. Auch Fünftklässler wurden geprüft. Den Ergebnissen zufolge müssten nun insbesondere die Schülerinnen und Schülern gefördert werden, denen das Lernen auch unabhängig von Corona schwerfalle, so die Behörde.

Schleswig-Holstein ließ VERA-Tests in den Klassen 3, 6 und 8 durchführen sowie freiwillig standardisierte Onlinetests mit den Klassen 3 bis 10. »Die Lernrückstände sind bei Weitem nicht so groß, wie man hätte annehmen können«, heißt es. Tendenziell fielen Lücken bei Grundschülern stärker aus. Fortschritte seien bei Gymnasiasten in Englisch zu verzeichnen, »möglicherweise auch, weil sich viele in ihrer Freizeit zunehmend auf digitalen, auch englischsprachigen Kanälen bewegen, etwa YouTube oder Podcasts«.

Mecklenburg-Vorpommern befragte die Lehrkräfte. An fast Dreiviertel der Schulen stellte die Mehrheit fest, »dass die Lücke zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern durch die coronabedingten Einschränkungen größer geworden ist«. Die Ausgangslage werde dennoch überwiegend als »zufriedenstellende Grundlage für die Weiterarbeit im aktuellen Schuljahr bewertet«. Zwölf Prozent der Lehrkräfte sehen dies jedoch kritisch. Sie sind weniger optimistisch.

Der Bildungsforscher Kai Maaz warnte im SPIEGEL-Interview  bereits, kleinere Studien deuteten darauf hin, dass Kompetenzschwächen im Lesen und in Mathematik im Zuge der Pandemie noch größer geworden seien, als sie ohnehin schon waren. »Es ist ein großer Fehler«, so Maaz, »dass wir diese Besonderheit der Situation nicht als solche wahrnehmen und versuchen, daran weiterzuarbeiten.«