Corona-Eltern "Wir wollen nicht einfach nur 300 Euro Schweigegeld"

Die Länder versprechen bald wieder reguläre Kinderbetreuung, aber eine Elterninitiative warnt: Viele Kitas scheitern schlicht an den Vorgaben. Die Initiative #elterninderkrise fordert tragfähige Lösungen - dauerhaft.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Kitakinder beim Händewaschen: "Es geht nicht nur um die Kinder, es geht eben auch um die Eltern. Und da geht es um unser Recht, unsere Arbeit ausüben zu können"

Kitakinder beim Händewaschen: "Es geht nicht nur um die Kinder, es geht eben auch um die Eltern. Und da geht es um unser Recht, unsere Arbeit ausüben zu können"

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa
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Leonie Baumeister

Zur Person: Louisa Löwenstein, Jahrgang 1984, ist Unternehmensberaterin, Geschäftsführerin und Mutter von zwei Kita-Kindern. Gemeinsam mit fünf Mitstreiterinnen hat sie im April die Initiative #elterninderkrise  gegründet. Sie wollen auf die Vernachlässigung von Eltern und Kindern in der Coronakrise aufmerksam machen und ihre Anliegen in die Politik tragen.

SPIEGEL: Man kann jetzt vielerorts wieder ins Fitnessstudio, Restaurant oder sogar ins Kino gehen - nur bei der Kinderbetreuung sieht es schlecht aus.

Löwenstein: Es ist ein Skandal. Egal wie die Regelungen in den jeweiligen Bundesländern sind - die Umsetzung in der Realität findet nicht so statt, wie die Verantwortlichen behaupten. Die Vorgaben werden aus den Ministerien von oben nach unten durchgereicht und in den Medien als nächste Öffnungsstufe gefeiert, aber die Träger vor Ort sind oft gar nicht in der Lage, diese umzusetzen. Etwa weil den Kitas das Personal oder das Geld für die Schutzmaßnahmen fehlt.

SPIEGEL: Dagegen protestieren Sie jetzt mit einem offenen Brief . Was fordern Sie?

Löwenstein: Ich spreche nicht für mich, sondern für die Initiative #elterninderkrise, in der sich rund 14.000 Mitglieder auf Facebook austauschen. Wir wollen, dass die Anliegen von Eltern und Kindern da behandelt werden, wo sie hingehören: Im Wirtschaftsministerium und Gesundheitsministerium, beim Minister für Finanzen und im Bundeskanzleramt - und nicht weiter nur ins Familienministerium abgeschoben werden. Wenn Millionen Eltern bedroht sind, ihren Job oder ihr Unternehmen zu verlieren, weil sie sich um die Kinderbetreuung kümmern, dann ist das ein Fall für den Wirtschafts- und Finanzminister. Wir fordern einen gemeinsamen Gipfel aller zuständigen Politiker und dass schnelle und tragfähige Lösungen gefunden werden.

Das System ist schon seit Jahren auf Kante genäht. Jetzt in der Krise sind die Nähte geplatzt

SPIEGEL: Immerhin wurde die Lohnfortzahlung für Eltern doch noch verlängert…

Löwenstein: Trotzdem ist die Situation katastrophal. Ich bin Unternehmerin und kenne also die unterschiedlichen Unterstützungssysteme. Die Unterschiede sind eklatant. Im Bereich Kurzarbeit, wo besonders auch Männer betroffen sind, wurde der Betrag innerhalb kürzester Zeit unbürokratisch erhöht. Bei der Lohnfortzahlung allerdings, der überwiegend von Frauen in Anspruch genommen wird, wurde noch über die Verlängerung diskutiert, als die Frist schon abgelaufen war. Die Lohnfortzahlung muss der Arbeitgeber vorstrecken, das Kurzarbeitergeld kommt direkt vom Staat. Wenn eine Mutter ihren Job verliert, weil das für den Arbeitgeber alles zu kompliziert ist, steht sie schlecht da, wenn die Kitas wieder öffnen. Dann verliert sie den Kitaplatz nämlich, wenn sie nicht innerhalb von acht Wochen einen neuen Job gefunden hat. Das ist unfassbar.

SPIEGEL: Das Grundproblem ist also gar nicht die fehlende Kinderbetreuung?

Löwenstein: Es geht nicht nur um die Kinder, es geht eben auch um die Eltern. Und da geht es um unser Recht, unsere Arbeit ausüben zu können, um für unsere Familien sorgen zu können. Wir wollen nicht einfach nur 300 Euro Schweigegeld, sondern ernsthafte Hilfe, wieder selbst Geld verdienen zu können.

SPIEGEL: Aber das hängt doch unmittelbar mit dem Schul- und Betreuungsangebot zusammen?

Löwenstein: Ja, und das System ist schon seit Jahren auf Kante genäht. Jetzt in der Krise sind die Nähte geplatzt.

SPIEGEL: Und jetzt?

Löwenstein: Ich möchte, dass die Politiker ehrlich zu uns Eltern sind. Sie sollen das Kind beim Namen nennen und öffentlich eingestehen: Wir haben ein System gebaut, das nicht krisenfest ist. Und jetzt fliegt es uns um die Ohren und ihr, liebe Eltern, seid diejenigen, auf deren Rücken es jetzt ausgetragen wird. Solange diese Einsicht fehlt, steht jede Lösung auf wackeligen Füßen.

SPIEGEL: Kommen Sie mit Ihrer Forderung nicht zu spät? Die Politik kommuniziert doch schon fleißig, dass sie zum Normalbetrieb zurückwill, spätestens nach den Sommerferien. 

Löwenstein: Wenn das im Rahmen des Infektionsschutzes klappt, freuen wir uns sehr. Aber ich sehe kaum eine Kita, in der das unter den aktuellen Maßnahmen realistisch ist. Wir müssen die vergangenen Wochen aufarbeiten und daraus lernen. Ich finde, wir sollten die bisherige Missachtung von Kindern und Eltern und deren Relevanz für Gesellschaft und Wirtschaft, nicht so stehen lassen. Diese wird übrigens auch wieder bei der Lohnfortzahlung für Eltern, die wegen der Kinderbetreuung nicht arbeiten können, sichtbar. Die wird in den Sommerferien nämlich ausgesetzt, was eine absolute Frechheit ist, weil man vorher, um überhaupt die Lohnfortzahlung bekommen zu können, seine angesammelten Überstunden und seinen Resturlaub aufbrauchen musste. Das ist perfide.

SPIEGEL: Warum haben Eltern und Kinder eigentlich keine Lobby?

Löwenstein: Ich frage mich: Warum brauchen wir eine Lobby? Es ist ein erklärtes Ziel von Politik und Gesellschaft, dass in Deutschland mehr Kinder geboren werden - und dass gleichzeitig mehr Frauen in Jobs arbeiten, in denen sie Verantwortung übernehmen und dieses Land mitgestalten. Wenn man auch im Glauben an die vom Staat geförderte Vereinbarkeit von Kindern und Beruf eine Familie gründet, darf einem diese Entscheidung in einer Krise nicht auf die Füße fallen. Es müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Eltern ihrem Job nachgehen können und ihre Kinder in dieser Zeit ordentlich ausgebildet und betreut werden. Aber ganz offensichtlich ist das nicht der Fall.