Corona-Wirrwarr in Schulen und Kitas Hamburg sperrt Restbestände fehleranfälliger Schnelltests

Aufregung über falsch positive Coronatests in Hamburger Schulen: Der Hersteller hat zwei Chargen zurückgerufen. Die Stadt prüft juristische Schritte – und warnt Eltern mit Kitakindern.
Foto: Carsten Rehder / picture alliance / dpa

Corona-Schnelltests des Herstellers Genrui führten an Schulen in Hamburg zu großem Unmut: In einzelnen Fällen waren laut Schulsenat 19 von 20 positiven Ergebnissen falsch. Die Überprüfung per PCR-Test ergab, dass gar keine Covid-Infektion vorlag.

Monatelang ließ der Hersteller entsprechende Kritik offenbar an sich abperlen – nun hat er offiziell eingeräumt, dass zumindest ein Teil der Tests fehlerhaft ist. Die Firma Genrui habe zugegeben, dass eine Verschmutzung bei der Herstellung die Ursache für zahllose falsch positive Testergebnisse gewesen sei, teilte der Senat am Dienstag mit.

»Der Händler der Genrui-Schnelltests hat die Stadt darüber informiert, dass der Hersteller einen Produktrückruf von zwei Chargen des ›Genrui SARS-CoV-2 Antigen Test Kit (Colloidal Gold)‹ für den deutschen Markt veröffentlicht hat«, heißt es in dem Schreiben der Stadt . Als Grund nannte der Hersteller demnach gehäufte falsch positive Ergebnisse.

Betroffen sind laut Mitteilung der Stadt zwei Chargen. Eine davon wurde ab Oktober 2021 auch nach Hamburg geliefert. Die Firma Genrui habe angegeben, dass die Verlässlichkeit von Negativ-Resultaten durch den Fehler nicht beeinträchtigt sei. Infektionen seien demnach erkannt worden.

Senat prüft rechtliche Schritte

Schulsenator Ties Rabe (SPD) ließ seiner Empörung angesichts der Art der Kommunikation freien Lauf. »Die fehlerhaften Tests haben Kosten in Millionenhöhe verursacht und zahllose Schulgemeinschaften und Familien mit falschen Coronameldungen in Angst und Schrecken versetzt«, teilt er in einem Schreiben an den SPIEGEL mit.

»Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass der Hersteller nach diesen gewaltigen Problemen jetzt lediglich eine schnodderige E-Mail in alle Welt verschickt, ohne sich um Wiedergutmachung und Schadensersatz zu bemühen.« Der Hamburger Senat prüfe jetzt rechtliche Schritte.

Die Hansestadt hatte rund vier Millionen Schnelltests der fehlerhaften Charge erhalten. Diese seien zum größten Teil schon ausgeliefert oder verwendet worden. Restbestände befinden sich den Angaben zufolge noch auf Lager, diese seien nun gesperrt worden.

Insgesamt hat die Hansestadt fast zwölf Millionen Tests von Genrui beschafft, von denen rund vier Millionen in den Schulen eingesetzt wurden. Der Genrui-Test sei unter anderem vom Paul-Ehrlich-Institut gut bewertet worden, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Schon im Herbst, als die Schnelltests in Hamburg eingesetzt wurden, fiel jedoch auf: Sie meldeten häufig eine Infektion, die sich bei der Überprüfung per PCR-Test nicht bestätigte. Allein an einer einzigen Schule, dem Christianeum im Hamburger Westen, gab es binnen einer Woche um die hundert falsch positive Ergebnisse.

Die falsch positiven Ergebnisse hätten massive Folgen für die betroffenen Schülerinnen und Schüler sowie deren Familien gehabt, so Rabe. Kinder mussten isoliert und von den Familien abgeholt werden, erst nach einem negativen PCR-Test konnten sie zurück in Schule. Angesichts des wochenlangen Ärgers und der vielen Nöte und Probleme in den Familien und Schulgemeinschaften werde man sich, so der Senator, nicht »mit einer lapidaren E-Mail« des Herstellers zufriedengeben.

In Ermangelung alternativer Tests wurden Genrui-Tests laut Angaben des Schulsenats noch mindestens bis 10. Januar an den Schulen verwendet. Mittlerweile würden die schadhaften Tests nicht mehr genutzt, stattdessen kämen seit Wochen überwiegend Tests der Firma Siemens Healthcare zum Einsatz, die deutlich besser funktionierten. Über eine eventuelle zukünftige Nutzung von Genrui-Restbeständen, die nicht zu den fehlerhaften Chargen gehören, wurde laut Schulsenat noch keine Entscheidung getroffen, insbesondere auch, weil natürlich die fehlerhaften Tests zunächst aussortiert werden müssten.

Rabe ist nicht der einzige, der sich ärgert. Auch bei manchen Hamburger Kita-Eltern ist der Unmut groß – weil die fehleranfälligen Tests ihrer Meinung nach viel zu lange, bis weit in den Januar hinein, zumindest vereinzelt noch in Kitas zum Einsatz kamen.

Sozialbehörde nutzte noch Lagerbestände

Die für Kitas zuständige Senatsverwaltung für Soziales erklärte, alle Einrichtungen seien bisher gleichermaßen mit den von der Stadt beschafften Tests beliefert worden. Darunter sei in einer Lieferung Ende Oktober/Anfang November auch das Fabrikat der Firma Genrui gewesen – und zuletzt das Produkt der Firma Siemens, das seit Dezember beschafft werde.

»Es werden Lagerbestände nach und nach genutzt, sodass bei Lieferungen in den vergangenen Monaten zum Teil noch das Genrui- und zum Teil schon das Siemens-Produkt zum Einsatz kam«, teilt die Sozialbehörde mit. Die Genrui-Tests wurden also offenbar weiter in Hamburger Kitas verwendet, obwohl die Verantwortlichen wussten, dass es an den Schulen viele Probleme damit gegeben hatte.

Unklar ist, wie umfangreich sie zum Einsatz kamen und ob die Tests aus der fehlerhaften Charge stammten. »Elbkinder« ist einer der größten Kita-Träger in Hamburg. Die Geschäftsführung teilt mit, die nun zurückgerufenen Tests seien zum großen Teil noch nicht an die Kitas versendet worden. Für den Fall, dass doch einzelne Testkits dieser Charge in den Kitas vorrätig sein sollten, habe man sofort nach Bekanntwerden des Rückrufs die Kitas aufgefordert, nur noch auf die bereits überwiegend verteilten und eingesetzten Siemens-Tests zurückzugreifen.

Und auch die Sozialbehörde reagierte nach dem Rückruf nun unmissverständlich. In einem Rundschreiben forderte sie alle Hamburger Eltern von Kitakindern auf, Tests aus der zurückgerufenen Genrui-Charge nicht mehr zu verwenden. Man könne nicht mit Sicherheit ausschließen, »dass Sie im vergangenen Jahr mit Tests aus der fehlerhaften Charge beliefert wurden. [...] Bitten Sie Ihre Kita um die Aushändigung neuer Tests.«

Andere Länder hatten schon früher Konsequenzen gezogen: In Irland wurden laut der nationalen Regulierungsbehörde HRPA von Verbrauchern schon mehr als 1350 Berichte über falsch positive Genrui-Tests eingereicht. Die HRPA zog daraufhin am 18. Januar zwei Testchargen aus dem Handel zurück – und empfahl, die Genrui-Schnelltests gar nicht mehr anzubieten. Betroffene Verbraucher sollten die Tests zurückgeben, hieß es. Genrui stoppte zeitweise selbst den Verkauf seiner Tests in Irland.

Spaniens Arzneimittelagentur AEMPS hatte den Handel schon am 9. Januar aufgefordert, sämtliche Genrui-Schnelltests aus dem Verkehr zu ziehen und den Verkauf der Produkte zu stoppen: wegen des Verdachts auf zahlreiche falsch positive Ergebnisse. Dazu leitete die AEMPS eine Untersuchung dieser Schnelltests ein.

fok/che