Corona-Hilfen für Studierende Wenn ein bisschen nicht reicht

Studierende mussten in der Coronakrise lange auf Unterstützung vom Staat warten. Inzwischen gibt es die zwar. Doch die Hürden sind hoch - und die Hilfen gering.
Die konzentrierte Arbeit in der Bibliothek ist für viele Studierende noch immer nicht möglich (Archivbild)

Die konzentrierte Arbeit in der Bibliothek ist für viele Studierende noch immer nicht möglich (Archivbild)

Foto: Bernd Schoelzchen/ picture-alliance/ dpa

Am 25. Februar stand da zum ersten Mal eine rote Zahl. Ana Ehlers hatte gerade den Semesterbeitrag überwiesen, jetzt war sie im Minus, mit 262,83 Euro. Die ersten Schulden auf einer Liste, die in den folgenden Monaten länger und länger werden sollte.

Ehlers ist 26 Jahre alt, studiert Soziologie an der TU Dresden und heißt eigentlich anders. Dem SPIEGEL ist ihr richtiger Name bekannt, doch sie möchte nicht, dass jeder, der ihn googelt, sofort herausfindet, dass sie im Studium Geldprobleme hatte. Denn die hat sie, schon immer ein bisschen und seit Corona erst recht.

Stellvertretend für viele Studentinnen und Studenten, bei denen das Geld nun knapp ist, hat Ehlers dem SPIEGEL Kontoauszüge, Förderanträge und weitere Unterlagen offengelegt, um die Misere an einem Beispiel nachvollziehbar zu machen.

Im Februar rutschte sie ins Minus

In den ersten Semestern bekam Ehlers Bafög, später ein Stipendium, parallel arbeitete sie als studentische Hilfskraft an der Uni. Ende Dezember lief ihr letzter Vertrag aus, danach wollte sie die Diplomarbeit durchziehen, Abgabe im April, das war der Plan. Doch dann rutschte sie schon im Februar ins Minus, im März endete auch noch ihr Stipendium. Und in diese sowieso schon schwierige Situation platzte die Coronakrise: Die Bibliothek schloss, Ehlers hatte keinen Zugriff mehr auf die Uni-Computer mit der Statistiksoftware. Es habe sich abgezeichnet, dass sich ihre Diplomarbeit verzögern würde, sagt sie. Zugleich habe sie keinen neuen Job gefunden, der ihr ein längeres Studium finanziert hätte.

Um 2000 Euro darf Ehlers ihr Konto überziehen, in den vergangenen Monaten kam sie dieser Grenze mehrmals gefährlich nah. Sie sagt: "Wenn ich nicht schon so weit wäre im Studium, hätte ich überlegt, abzubrechen."

Dass junge Menschen, die wegen der Coronakrise finanzielle Probleme haben, ihr Studium abbrechen, will Bundesbildungsministerin Anja Karliczek unbedingt vermeiden - das zumindest betonte die CDU-Politikerin zuletzt immer wieder. Außer ein paar Anpassungen beim Bafög passierte aber lange nichts. Erst nach wochenlangen Diskussionen brachte Karliczek eine zweiteilige Überbrückungshilfe auf den Weg : Seit dem 8. Mai können sich Studierende bei der staatlichen Förderbank KfW vorübergehend zinsfrei Geld leihen; bis zum 31. März 2021 zahlt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Zinsen für Studienkredite. Seit dem 16. Juni können besonders bedürftige Studierende außerdem einen Zuschuss bei ihrem Studierendenwerk beantragen; 100 Millionen Euro stellt das BMBF dafür zur Verfügung.

Strenge Regeln

Als "einmaliges Unterstützungspaket" bezeichnet Karliczek diese Hilfen. Sie kämen viel zu spät und seien völlig unzureichend, urteilen Studierende, Oppositionspolitiker und Experten. Hinzu kommt: Die Regeln sind so streng, dass viele durchs Raster fallen.

"Den KfW-Kredit hätte ich sofort genommen", sagt Ana Ehlers. "Bei der Antragstellung habe ich dann gemerkt, dass sie mich gar nicht wollen." Denn erstmalig beantragen kann den Kredit nur, wer maximal im zehnten Fachsemester ist. Ehlers ist im elften. Sie studiert in einem der letzten Diplomstudiengänge in Sachsen, dazu hat sie die Regelstudienzeit überschritten.

Doch selbst wenn sie den Kredit bekommen würde: Er würde ihre Probleme lediglich verschieben – und letztendlich vergrößern. Denn sie würde zwar jetzt bis zu 650 Euro im Monat bekommen. Doch nicht nur müsste sie das geliehene Geld irgendwann zurückzahlen, ab April 2021 würden darauf auch Zinsen anfallen. Und laut einer Untersuchung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE)  sind die mit derzeit effektiv 4,36 Prozent höher als bei anderen Studienkrediten.

"Aus der Not heraus"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert die Kreditlösung deshalb scharf. "Es ist eben kein zinsfreier Kredit, obwohl das teilweise suggeriert wurde", sagt Andreas Keller, der im GEW-Vorstand für Hochschule und Forschung zuständig ist. Studierende würden "aus einer Not heraus" in ein Modell getrieben, das für sie nicht attraktiv sei. Das BMBF dagegen betont in einer E-Mail an den SPIEGEL, wer den Kredit "ausschließlich als kurzfristige Überbrückungshilfe" nutze und schon vor dem 31. März 2021 alles zurückzahle, bekomme "ein komplett zinsfreies Darlehen". Zudem zeige die aktuelle Nachfrage, "dass Studierende das Unterstützungsangebot annehmen".

Laut KfW haben seit Mai knapp 20.000 Studierende den Kredit beantragt. Das sind deutlich mehr als im Jahr davor – und doch sehr wenige im Vergleich zur Zahl derer, die wegen der Coronakrise finanzielle Sorgen haben. Mehreren Umfragen zufolge trifft das nämlich auf etwa ein Drittel der Studierenden zu, also knapp eine Million junge Menschen. Einer Befragung des Personaldienstleisters Zenjob zufolge haben etwa 40 Prozent ihren Job verloren, etwa 20 Prozent mussten sich bei Familie oder Freunden Geld borgen.  

Auch Ehlers hat sich inzwischen Geld von Freunden geliehen, auf ihrem Handy führt sie eine detaillierte Liste. Außerdem, so erzählt sie, wohne sie seit Anfang März auf der Couch einer Freundin, um die Miete für ihr WG-Zimmer zu sparen. Was als Übergangslösung gedacht war, wurde durch Corona zum Dauerzustand.

Wie hoch müssen die Hürden sein?

Wie viele andere Studierende hoffte Ehlers auf den zweiten Teil der Überbrückungshilfe, die Zuschüsse. Je nach Kontostand können Studierende im Juni, Juli und August zwischen 100 und 500 Euro bekommen, jeweils auf separaten Antrag. Allein für Juni und Juli sind bislang mehr als 134.000 Anträge bei den Studierendenwerken eingegangen. Anders als beim KfW-Kredit spielt die Semesterzahl hier keine Rolle. Nachweisen müssen die Studierenden im Wesentlichen zwei Dinge: Dass sie am Vortag der Antragstellung weniger als 500 Euro auf dem Konto hatten – und dass sie wegen Corona in diese Notlage gekommen sind.

Bis Juni hatte Ehlers ihr Konto um mehr als 1.500 Euro überzogen. Der zweite Nachweis allerdings stellte sie vor ein Problem. Denn im Antragsformular sind nur drei Varianten vorgesehen, wie Studierende in eine Pandemie-bedingte Notlage gekommen sein können: Entweder, sie haben ihren Nebenjob verloren, verdienen kein Geld mehr über eine selbstständige Tätigkeit, oder bekommen keine Unterstützung mehr von der Familie. Nichts davon trifft so richtig auf Ehlers zu.

Dass es Hürden braucht, zeigen nicht zuletzt Betrugsfälle bei anderen Corona-Hilfsprogrammen. Nur ist die Frage, wie hoch diese Hürden sein müssen. Welche Notlage ist eindeutig auf die Pandemie zurückzuführen? Können drei Fälle erschöpfend definieren, wie jemand in Not gekommen ist? Und ist ein Kontostand von 500 Euro eine angemessene Grenze, wenn Studierende mancherorts allein für die Miete so viel bezahlen müssen?

Viele Studierendenwerke jedenfalls scheinen die Vorgaben strikt einzuhalten. Laut einer Mitteilung des Deutschen Studentenwerks (DSW) vom Freitag  wurden bislang rund 100.000 Anträge bearbeitet. Etwa 40 Prozent davon wurden abgelehnt – gut die Hälfte, weil die finanzielle Notlage nicht durch Jobverlust oder Wegfall der elterlichen Unterstützung infolge der Corona-Pandemie entstanden sei.

"Es sind sehr harte Kriterien, die hier angelegt werden", sagt Andreas Keller vom GEW. Und das ist nur einer seiner Kritikpunkte. Die Zuschüsse seien zu gering, selbst der Höchstbetrag von 500 Euro reiche nicht zum Leben. Außerdem seien 100 Millionen Euro zu wenig, um allen Studierenden in Not zu helfen. Zumal nicht alles Geld bei ihnen landet: Die Studierendenwerke können pro bearbeitetem Antrag 25 Euro einbehalten, und auch das Onlinetool zur Antragstellung wurde aus dem Nothilfe-Topf bezahlt.

Vom BMBF heißt es, man habe sich sowohl bei den Vergabekriterien als auch bei der Höhe der Zuschüsse mit dem Deutschen Studentenwerk abgestimmt. Nach SPIEGEL-Informationen hatte das DSW zuvor gegenüber dem Ministerium dafür geworben, auf das umstrittene Kreditmodell komplett zu verzichten und stattdessen lieber den Nothilfe-Topf aufzustocken – oder aber das eingespielte Bafög-Antragsverfahren zu nutzen, statt ein neues Modell, inklusive neuem Antragsprozess, aufzusetzen.

Ehlers geht verschuldet aus dem Studium, so viel steht fest

Offiziell verweisen alle Beteiligten auf den Überbrückungs-Gedanken: "Es ist eine Hilfe, die in die Lage versetzen soll, kurzfristige Engpässe zu überbrücken, sich aber um weitere Finanzierung zu bemühen", sagt DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte er außerdem, die Fördervoraussetzungen seien dann nicht erfüllt, wenn Studierende ihre Pandemie-bedingte Notlage nicht nachweisen könnten, weil es ihnen schon vorher schlecht ging.

Ehlers ging es schon vor Corona finanziell nicht gut. Doch sie ist sich sicher, dass sie ohne die Pandemie einen neuen Job gefunden hätte, um ihre Probleme aus eigener Kraft zu lösen – und dass sie inzwischen ihre Diplomarbeit abgegeben hätte und in Vollzeit arbeiten könnte. Im Antrag habe sie schließlich angeklickt, dass sie bisher familiär unterstützt wurde, sagt sie. Wählt man diese Variante, kommt man auf ein Freitextfeld – Raum für Ehlers, um ihre eigentliche Situation zu schildern.

Am Ende hatte sie Glück: Am 3. Juli überwies das Studentenwerk Dresden 500 Euro auf ihr Konto. "Ich bin dankbar dafür", sagt sie, "aber es reicht hinten und vorne nicht. Ich bin halt jetzt ein bisschen weniger im Minus." Während sie auf die Bearbeitung ihres Antrags für Juli warte, versuche sie, vom Wohnzimmer ihrer Freundin aus weiter an der Diplomarbeit zu schreiben. Richtig konzentrieren könne sie sich nicht.

Dass Ehlers verschuldet aus dem Studium gehen wird, steht fest. Die Frage ist wann. Und wie hoch ihre Schulden dann sein werden.