Coronapandemie Inzidenzen bei Jugendlichen steigen auf Höchstwert

Seit Montag gilt die Bundesnotbremse auch für Schulen – was nicht überall begrüßt wird. Doch die aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigen: Die höchsten Inzidenzwerte gibt es bei Schülerinnen und Schülern.
Schülerinnen beim Schnelltest (an einer Berufsschule in München)

Schülerinnen beim Schnelltest (an einer Berufsschule in München)

Foto: Sven Hoppe / dpa

Der Versuch, mithilfe der Bundesnotbremse die Länderregelungen in der Corona-Schulpolitik zu vereinheitlichen, ist gescheitert. Seit Montag gilt, zumindest theoretisch, dass bei einer Sieben-Tage-Inzidenz über 100 Wechselunterricht mit verkleinerten Lerngruppen stattfinden soll, ab einem Wert von 165 Distanzunterricht. Doch etliche Bundesländer weichen davon ab.

So kündigte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien an, bereits ab einer Inzidenz von 50 alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7 in den Wechselunterricht zu schicken. Ab einem Wert von 100 bleibe es »bei der bewährten Regelung«, dass für alle Kinder und Jugendlichen Distanzunterricht stattfinde. Allerdings seien »im Einzelfall nach Abstimmung mit dem örtlichen Gesundheitsamt« Abweichungen möglich.

Auch Bayern setzt auf schärfere Grenzwerte, als sie in der Bundesnotbremse formuliert sind. »Für den Unterrichtsbetrieb ändert sich durch die Neufassung des Infektionsschutzgesetzes durch den Bund vorerst nichts«, heißt es auf der Website des Kultusministeriums . Über einer Sieben-Tage-Inzidenz von 100 gelte in der Regel Distanzunterricht – »mit Ausnahme für die Abschlussklassen, die Jahrgangsstufe 11 an Gymnasien und Fachoberschulen und die Jahrgangsstufe 4 an Grundschulen«.

Infektionsrekorde bei Jugendlichen

Ganz anders dagegen in Sachsen: Hier hatten sich in den vergangenen Tagen etliche Kritiker der neuen Schulregelungen zu Wort gemeldet. Sachsen hatte vor Inkrafttreten der Notbremse die Schulen ohne Rücksicht auf Inzidenzwerte geöffnet. Dass es jetzt verpflichtende Grenzwerte für Wechsel- und Distanzunterricht gebe, sei »enttäuschend«, kritisiert etwa der Sächsische Lehrerverband. Es gebe unter den Lehrkräften breites »Unverständnis darüber, dass die großen Anstrengungen, die wir in Sachsen für die Sicherheit in den Schulen und die Gewährleistung des Präsenzunterrichtes unternommen haben, bei der Gesetzgebung des Bundes keine Beachtung fanden.«

Angesichts der aktuellen Infektionszahlen erstaunt das beharrliche Festklammern am Präsenzunterricht: In der vergangenen Woche lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 15- bis 19-Jährigen in Sachsen bei bundesweit unerreichten 367, wie der MDR berichtet . Innerhalb von knapp sechs Wochen haben sich demnach die Infektionszahlen unter Kindern und Jugendlichen in Sachsen verachtfacht – mit teils dramatischen regionalen Spitzenwerten: Die Inzidenz bei den 15- bis 19-Jährigen im Landkreis Zwickau lag bei 579, in Chemnitz erreichten die 10- bis 14-Jährigen eine Inzidenz von fast 700.

Auch bundesweit verschiebt sich das Infektionsgeschehen immer stärker in die Altersgruppen der Kinder und Jugendlichen in Schulen. Aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts weisen für die vergangene Woche die höchsten Inzidenzwerte aller Altersgruppen bei den Fünf- bis 24-Jährigen aus.

Zwar lässt der Inzidenzwert keinen Rückschluss darauf zu, wo sich jemand angesteckt hat. Doch angesichts dieser bundesweiten Zahlen ist es zumindest erstaunlich, wenn Verantwortliche weiterhin an der pauschalen Aussage festhalten: »Schulen sind keine Corona-Hotspots«. So behauptete es zuletzt etwa die Leiterin des Kölner Amts für Schulentwicklung, Anne Lena Ritter, im Interview mit dem »Kölner Stadtanzeiger« .

Nach den Osterferien steigende Zahlen

Dass es sich bei den hohen Inzidenzzahlen bei Kindern und Jugendlichen nicht um ein kurzfristiges Phänomen handelt, verdeutlicht der Blick auf die Infektionen in den verschiedenen Altersstufen seit Beginn der Pandemie.

Längst warnt auch das Robert Koch-Institut vor zu großem Leichtsinn bei Schulöffnungen. Im RKI-Lagebericht vom Mittwoch heißt es: »Aktuell steigen die Meldeinzidenzen bei Kindern und Jugendlichen in allen Altersgruppen wieder an. Diese ist besonders stark in den Altersgruppen der 6- bis 14-Jährigen ausgeprägt.«

Inwieweit dafür auch die bundesweit verstärkten Tests in Schulen beitragen, wird zwar nicht ausgeführt. Doch die Fachleute vom Robert Koch-Institut verweisen auf einen anderen sichtbaren Effekt – nämlich durch Schulschließungen: »Die Daten zu Ausbrüchen in Kitas und Schulen zeigen seit dem Ende der Osterferien wieder einen ansteigenden Trend.« Bei den Kitas hat die Zahl der Ausbrüche aktuell demnach ungefähr das Niveau vom Herbst 2020 erreicht.

Überlagert wird die Debatte zu den Grenzwerten für Schulschließungen jetzt auch noch von der Diskussion über neue Impfoptionen. Einerseits fordern Gewerkschaften wie die GEW eine schnelle Impfung aller Lehrkräfte – was in einigen Bundesländern umgesetzt, in anderen bisher aber abgelehnt wird. Andererseits sorgt die Ankündigung, dass in einigen Monaten wohl auch Kinder geimpft werden können , für neue Gedankenspiele für noch schnellere Schulöffnungen.

Schülerinnen und Schüler beim Impfen vorzuziehen, sei allerdings nicht praktikabel, sagt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach: Wenn die Jugendlichen schon ab Juni immunisiert würden, dann fehlten die Vakzinen bei anderen Personen. Denn die Zulassung für unter 18-Jährige erhöhe leider nicht die Menge des Impfstoffs, der insgesamt zur Verfügung steht.