Corona-Hotspots Wie geht es weiter an den Schulen?

Die Schulen sollen in der Pandemie geöffnet bleiben, so will es die Politik. Aber in Corona-Hotspots kam es bereits zu einzelnen Schließungen, und die ersten Bundesländer verlängern die Weihnachtsferien.
Unterricht in Zeiten von Corona: eine Schulklasse in Offfenbach

Unterricht in Zeiten von Corona: eine Schulklasse in Offfenbach

Foto: Guido Kirchner / dpa

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Sächsische Eltern sind derzeit nicht zu beneiden. An insgesamt 106 Schulen im ganzen Land waren, Stand Dienstagnachmittag, die Schultüren wegen des dramatischen Infektionsgeschehens geschlossen, der Präsenzunterricht ist dort vorübergehend abgesagt. An weiteren 169 Schulen in Sachsen haben die Behörden eine Teilschließung verfügt  – weitere Bildungseinrichtungen dürften in den kommenden Tagen hinzukommen.

Für Väter und Mütter von Schulkindern heißt das: Es geht wieder los mit dem Spagat zwischen Job und Kinderbetreuung. Und da Sachsen zudem flächendeckend die Schulbesuchspflicht ausgesetzt hat, müssen die Eltern, wieder mal, selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder in die Schulen schicken. Wer zu Hause bleibt, hat allerdings keinen Anspruch auf Betreuung wie im Präsenzunterricht.

Fast schon trotzig verkündet das Kultusministerium in Dresden auf seiner Homepage : »Trotz Einschränkungen im öffentlichen Leben: Schulen und Kitas bleiben geöffnet.« Dazu gibt es ein Zitat von Minister Christian Piwarz (CDU), es soll wohl Mut machen: »Wir nehmen die Lage weiter ernst, aber wir müssen auch wieder ein Stück zurück zur Normalität mit Augenmaß.« Angesichts der fast 300 ganz oder teilweise geschlossenen Schulen klingt das wie ein frommer und ziemlich verzweifelter Wunsch.

Denn tatsächlich sind nicht nur die Schulen in Sachsen von Normalität meilenweit entfernt. Überall, wo derzeit die Inzidenzen rasant steigen, stellt sich früher oder später auch die Frage, ob noch Unterricht im Klassenzimmer stattfinden kann. Jetzt rächt sich das vollmundige Versprechen der diversen Schulministerinnen und -minister, die erneute Schulschließungen kategorisch ausgeschlossen hatten – und die sich in vielen Fällen wohl auch nicht auf eine solche Situation vorbereitet haben.

Kehrtwende mit Signalwirkung

So hatte Britta Ernst, SPD-Bildungsministerin in Brandenburg und derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), immer wieder den Eindruck erweckt, über Schulschließungen in diesem Winter brauche man nicht mehr nachzudenken. »Die Voraussetzungen für den Präsenzunterricht sind gut und gänzlich andere als vor einem Jahr«, sagte Ernst im August. Anfang Oktober klopften sich die Bildungsministerinnen und -minister dann per Beschluss  selbst auf die Schultern: »Die KMK stellt fest, dass es gelungen ist, trotz der Pandemie und der Delta-Variante im Schuljahr 2021/2022 durchweg in allen Ländern vollständigen und kontinuierlichen Präsenzunterricht sicherzustellen.«

Dumm nur, dass sich das Virus nicht an KMK-Beschlüsse hält.

Am Dienstag ruderte Britta Ernst deshalb zurück: Sie verkündete, dass die Anwesenheitspflicht für die Schülerinnen und Schüler in Brandenburg aufgehoben werde. Außerdem soll der Beginn der Weihnachtsferien um ein paar Tage vorgezogen werden, sodass der letzte Schultag des Jahres jetzt am 17. Dezember liegt – fast eine Woche früher als ursprünglich vorgesehen.

Eine Schulschließung durch die Hintertür war das – und eine mit Signalwirkung obendrein. Ein paar Stunden nach der Ankündigung der KMK-Präsidentin für ihr Bundesland zog Sachsen-Anhalt nach: Ab Donnerstag entfällt die Anwesenheitspflicht für Schülerinnen und Schüler – und die Weihnachtsferien werden ebenfalls vorgezogen. »Mit der Aufhebung der Präsenzpflicht und mit der Verlängerung der Weihnachtsferien auf insgesamt drei Wochen wollen wir dazu beitragen, Kontakte zu reduzieren, damit das Infektionsgeschehen bremsen und die sich verschärfende Lage in der vierten Coronawelle entspannen«, sagt Bildungsministerin Eva Feußner (CDU).

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Präsenzunterricht »auch in regionalen Hotspots«

In Bayern, ebenfalls längst zum Hochinzidenzgebiet geworden, gibt es dagegen bisher keine Pläne für ein Vorziehen der Weihnachtsferien. Am Dienstag bekräftigte der Ministerrat des Freistaats noch einmal, dass die Schulen im Land geöffnet bleiben, ausdrücklich »auch in regionalen Hotspots«, wie das bayerische Kultusministerium auf Anfrage des SPIEGEL mitteilte. Ministerpräsident Markus Söder äußerte sich im Landtag etwas vorsichtiger. Man wolle versuchen, Schulschließungen möglichst zu vermeiden, sagte der CSU-Politiker mit Blick auf die kommenden Wochen: »Wir wollen aus anderen Pandemiewellen lernen und nicht wieder bei Kindern und Jugendlichen anfangen.«

Festlegen will sich auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) lieber nicht mehr. Die Schulen sollten »so lange wie möglich« offenbleiben, allerdings sei die Situation so dramatisch, dass man nichts ausschließen könne. Anders als in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sei zunächst auch keine Aussetzung der Präsenzpflicht geplant.

Völlig unbeirrt gab sich am Dienstag Karl-Josef Laumann, CDU-Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen: Die steigenden Coronazahlen hätten keinen Einfluss auf den Präsenzbetrieb der Schulen, besondere Maßnahmen seien nicht notwendig, erklärte er in Düsseldorf. Zwar sei noch unklar, wie sich die Lage bis Weihnachten entwickle, doch NRW sei besser aufgestellt als Brandenburg – wegen niedrigerer Inzidenzzahlen und einer höheren Impfquote. An Rhein und Ruhr sei daher auch keine Maskenpflicht im Unterricht vorgesehen.

Schulen »einer der sichersten Orte in der Pandemie«

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) dagegen rechnet offenkundig mit weiteren massiven Einschränkungen beim regulären Schulbetrieb in den kommenden Wochen. Am Dienstag kündigte er vorsorglich Abstriche bei den Abschlussprüfungen des laufenden Schuljahrs an: So sollen zusätzliche Abschlussklausuren und mündliche Prüfungen beim Hauptschulabschluss entfallen, zum Bestehen reichen dann die normalen Noten in den Fächern. Auch im vergangenen Jahr hatte es bereits diese Erleichterung gegeben.

Beim Mittleren Schulabschluss werde die Zahl der Prüfungen von sechs auf drei halbiert, sagte Rabe. Und Jugendliche, die das Abitur machen, erhalten eingegrenzte Themenbereiche zur Vorbereitung und mehr Zeit für die Bearbeitung ihrer Klausuren. Das seien, sagte Rabe, »moderate Erleichterungen«, mit denen Pandemie-bedingte Lernrückstände ausgeglichen werden sollten. »In der Coronapandemie gibt es wahrscheinlich keine absolut sicheren Orte. Aber wenn ich die vollen Fußballstadien, die gut besuchten Restaurants und Einkaufszentren und die feiernden Kiezbesucher sehe, dann bin ich mir sehr sicher, dass unsere Schulen einer der sichersten Orte in der Pandemie sind.«

Aber taugen Brandenburg und Sachsen-Anhalt mit dem Verzicht auf die Anwesenheitspflicht und den vorgezogenen Ferien als Blaupause auch für Hamburg? »Wenn sich die Inzidenzen weiter so negativ entwickeln, kann zum Beispiel die erneute Aufhebung der Präsenzpflicht sinnvoll sein«, teilt die Schulbehörde auf SPIEGEL-Anfrage mit. Mit anderen Worten: Ausgeschlossen wird nichts mehr.

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