Corona-Impfstoff für Kinder und Jugendliche Hoffnung, Erleichterung – und Skepsis

Jens Spahn stellt für das neue Schuljahr mehr Normalität in Aussicht – weil es für Kinder ab zwölf Jahren bald einen Impfstoff geben soll. Eltern und Lehrkräfte sind erleichtert, fürchten aber neue Probleme.
Impfstoff für Kinder schürt Hoffnung auf mehr Präsenzunterricht (Symbolbild)

Impfstoff für Kinder schürt Hoffnung auf mehr Präsenzunterricht (Symbolbild)

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Uwe Anspach// DPA

Lange waren sie außen vor: Für Kinder und Jugendliche stand bis dato kein Impfstoff gegen eine Covid-19-Erkrankung zur Verfügung. Damit rückte auch jede Hoffnung in die Ferne, an Deutschlands Schulen könne zumindest im neuen Schuljahr wieder ein weitgehend regulärer Unterrichtsalltag möglich sein. Nachdem das Pharmaunternehmen Biontech/Pfizer nun jedoch die Zulassung für einen Impfstoff für Menschen von 12 bis 15 Jahren beantragt hat, scheint vieles anders.

Dies sei »sehr ermutigend«, sagte Gesundheitsminister Jens Spahn. Erfolge die schnelle Zulassung, könnten Schülerinnen und Schüler bereits in den Sommerferien geimpft werden. Dann könne es in Schulen »nach den Sommerferien auch anders, mit mehr Normalität wieder losgehen«.

Eltern, Lehrkräfte und Fachleute schwanken nach den Ankündigungen zwischen Hoffnung, Erleichterung – und Skepsis. Denn die neuen Impfmöglichkeiten werfen auch neue Fragen auf. Einige glauben zudem nicht recht an das Tempo, das Spahn in Aussicht stellt, und andere halten es für falsch.

Wird aus dem Angebot eine Pflicht?

»Die Ankündigung, dass es bald einen Impfstoff für Jüngere geben könnte, lässt viele Mütter und Väter aufatmen, weil sie sich davon mehr Sicherheit, mehr Gesundheitsschutz an den Schulen und damit mehr Präsenzunterricht versprechen«, sagt Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz (LEK) Nordrhein-Westfalen, dem SPIEGEL. »Durch den monatelangen Mix aus Distanz- und Wechselunterricht ist die Not in vielen Familien riesig. Ich höre von Eltern immer wieder: ›Wir können nicht mehr‹. Auch etliche Kinder leiden.«

Allerdings könne ein baldiges Impfangebot für alle Kinder auch zu neuen Kontroversen führen, ähnlich wie beim Testen, fürchtet Staar. In vielen Bundesländern müssen Schülerinnen und Schüler inzwischen Corona-Selbsttests durchführen, wenn sie am Präsenzunterricht teilnehmen wollen. Was, wenn künftig nur geimpfte Schüler im Klassenraum sitzen dürfen?

Viele Eltern würden eine Impfung sehr befürworten, sagt Staar, manche hätten jedoch auch Ängste wegen etwaiger Folgeschäden: »Wie können und sollen Schulen damit dann umgehen? Es darf jedenfalls nicht passieren, dass nicht-geimpfte Kinder von Bildung ausgeschlossen werden.«

Die LEK-Vorsitzende glaubt, dass Impfungen allein perspektivisch ohnehin nicht für den nötigen Coronaschutz sorgen. Niemand solle glauben, dass damit alles wird, wie es mal war, auch die Regierung nicht: »Deshalb wünschen wir uns, dass sie schon jetzt umsteuert und Strukturen schafft, in denen zum Beispiel öfter nur 15 Schüler in einem Klassenraum sitzen und nicht 30. Das wäre auch pädagogisch absolut sinnvoll, nicht zuletzt, um die sozialen Folgen der Schulschließungen aufzufangen.«

»Wir werden darüber debattieren, ob es an den Schulen unterschiedliche Regeln für Geimpfte und für Nicht-Geimpfte geben soll«

Heinz-Peter Meidinger, Lehrerverbandspräsident

»Der Impfstoff für Jüngere ist einerseits eine riesige Errungenschaft, wirft andererseits aber brisante Fragen für das neue Schuljahr auf«, sagt auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, dem SPIEGEL. »Wenn ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist, werden wir vermutlich nicht mehr darüber debattieren, ob Landkreise bei der Inzidenz die 100er- oder 165er-Latte reißen und Schulen geschlossen werden müssen, sondern ob es an den Schulen unterschiedliche Regeln für Geimpfte und für Nicht-Geimpfte geben soll – und wie wir mit dem Restrisiko durch Nicht-Geimpfte umgehen.«

Diese Frage stelle sich der Gesellschaft grundsätzlich, aber »Schule ist keine freiwillige Veranstaltung, sondern Pflicht. Deshalb ist das hier ein besonders schwieriger Punkt.« Meidinger sagt, bisher lägen ihm keine Zahlen zur Corona-Impfbereitschaft unter Lehrkräften vor. Nach seinem subjektiven Eindruck sei sie hoch, allerdings habe die Aufregung um den Impfstoff AstraZeneca vor allem bei den überwiegend weiblichen Grundschullehrkräften große Verunsicherung ausgelöst.

Impftempo bei Kindern: Wie schnell wird das gehen?

Ob es in den Ferien oder sogar vorher schon klappt, allen Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot zu machen? Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist mehr als skeptisch. Bei dem Tempo, das bisher allein für Schutzmaßnahmen an Schulen vorgelegt worden sei, falle es schwer, »sich vorzustellen, dass ab Juni Kinder und Jugendliche in so großem Stil geimpft sein könnten, um noch vor den Sommerferien größtenteils von Fern- und Wechselunterricht wieder auf Präsenzunterricht umzustellen«, sagte Tepe der Funke Mediengruppe.

So hätten bis heute die meisten Lehrkräfte noch keine Corona-Impfung erhalten, selbst jene nicht, die einer Risikogruppe angehörten. In Berlin beispielsweise haben erst ab Montag Lehrerinnen und Lehrer der weiterführenden Schulen die Möglichkeit, Impftermine für sich zu vereinbaren. Es sei der Wunsch, Kindern und Jugendlichen bald ein Impfangebot zu machen, sagte Tepe. In welchem Zeitraum dies jedoch klappe, sei »noch viel Kaffeesatzleserei«.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, wirft in diesem Zuge ein neues Datum ein. Er schätzt die Aussichten einer Corona-Impfung für ältere Kinder ab September durchaus optimistisch ein, für jüngere Kinder könne das aber zu knapp sein, sagte er der »Rheinischen Post«. Studienergebnisse zum Corona-Impfstoff für die jüngeren Kinder werden im September erwartet.

Viele Kinder, Jugendliche und ihre Eltern könnten nicht mehr lange auf mehr Normalität warten – unabhängig vom Impftempo, sagt CDU-Politikerin Bettina Wiesmann, Mitglied der Kinderkommission im Bundestag und Mutter von vier Kindern. Die Politik müsse im Umgang mit Kitas und Schulen umdenken.

Die psychosoziale Entwicklung der Kinder drohe erheblichen Schaden zu nehmen, warnt Wiesmann. Dies lege dringend nahe, Schulen schnellstmöglich wieder zu öffnen und alle nicht-geimpften Schulangehörigen regelmäßig zu testen. Zudem sollten über-16-Jährige ab sofort geimpft werden. Sobald Impfstoffe für Jüngere zur Verfügung stünden, sollten Schülerinnen und Schüler an die Reihe kommen. »Dafür müssen jetzt alle Vorkehrungen getroffen werden. Ich wünsche mir zeitnah eine Ministerpräsidentenkonferenz, die sich vorrangig diesem Thema widmet«, sagt Wiesmann. »Die Zeit drängt.«

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen sprach sich gegen eine solche Priorisierung aus – auch wenn dies zu Zorn und Verzweiflung der Eltern führen werde. »Der Impfstoff für Kinder geht etwa bis September zulasten des Kontingents, das wir haben«, sagte Lauterbach dem SPIEGEL. Es gebe gerade andere Schwerpunkte, um die man sich in der Pandemiebekämpfung zuerst kümmern müsse: »Wir sollten zusätzliche Kontingente in die Brennpunkte schicken.« Dort sollten dann alle Menschen geimpft werden, auch die Kinder.

mit Material von dpa