Reaktionen auf Impfgipfel »Enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen«

In Deutschland gibt es bis auf Weiteres nicht genug Impfstoff, um Kinder und Jugendliche in großer Zahl gegen Corona zu immunisieren, auch wenn die Politik den Weg dafür frei macht. Das birgt Gefahren.
Impfung eines 14-Jährigen in Detroit: In Deutschland erst mal nur für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen?

Impfung eines 14-Jährigen in Detroit: In Deutschland erst mal nur für Kinder und Jugendliche mit Vorerkrankungen?

Foto: Ryan Garza / dpa

In Deutschland ist noch kein Impfstoff für Unter-16-Jährige zugelassen, doch in Erwartung darauf haben Bund und Länder auf ihrem Impfgipfel bereits beschlossen, dass sich ab dem 7. Juni auch Kinder ab zwölf Jahren immunisieren lassen können. Damit wecken sie ebenfalls Erwartungen: Die Bundesschülerkonferenz fordert bereits ein Vorgriffsrecht junger Menschen auf den Impfstoff von Biontech/Pfizer. Die nun von den Regierungen geschürten Hoffnungen drohen allerdings kräftig enttäuscht zu werden.

Müller: »Bundesgesundheitsministerium hat zu viel versprochen«

»In den letzten Wochen wurde der Eindruck erweckt, als ob wir mit zusätzlichem Impfstoff eine extra Kampagne für die Kinder und Jugendlichen machen könnten«, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller in der ZDF-Sendung »Maybrit Illner«. Inzwischen sei deutlich, »dass das Bundesgesundheitsministerium da zu viel versprochen hat. Es gibt nicht mehr Impfstoff«, sagte der SPD-Politiker. Es werde immer noch ein Mangel verwaltet und auch wenn die Priorität fällt, seien die Kinder und Jugendlichen, die sich um einen Termin bewerben können, nicht sofort dran mit einer Impfung.

Ab 7. Juni soll bundesweit auch die in vielen Bundesländern noch bestehende Priorisierung für die Impfstoffe fallen – obwohl derzeit noch nicht alle Menschen aus den Risikogruppen ein Impfangebot bekommen haben. Experten und Betroffene befürchten, dass in dem dann drohenden Verteilungskampf chronisch Kranke und Ältere das Nachsehen haben.

Nun sollen auch Schülerinnen und Schüler sich daran beteiligen: Denn anders als von den Ländern erwartet, wird es für sie kein »zusätzliches« Kontingent geben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte damit nach eigenen Worten lediglich eine andere Verteilung gemeint. Der CDU-Politiker will die Impfungen für die 12- bis 18-Jährigen aus den ohnehin knappen Kontingenten der Haus- und Betriebsärzte bestreiten.

Enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen

Auch der Deutsche Städtetag hat angesichts dessen vor enttäuschten Hoffnungen gewarnt. Grundsätzlich sei es eine gute Sache, Schülerinnen und Schülern die Impfung zu ermöglichen, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy den Funke-Zeitungen. »Der Impfstoff ist aber im Moment so knapp, dass er gerade einmal für die Zweitimpfungen reicht.« Man müsse klar und ehrlich sagen, dass es noch Wochen dauere, bis jeder geimpft werden könne, der das wolle. Denn: »Enttäuschte Hoffnungen kosten Vertrauen.«

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder hatten am Donnerstag beschlossen, dass ab dem 7. Juni Kinder ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft werden können, sofern die EU-Arzneimittelbehörde EMA das Präparat für diese Altersgruppe freigibt. Die EMA will darüber an diesem Freitag entscheiden. Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, hatte gegenüber den Funke-Zeitungen seine Forderung nach einem bevorzugten Zugriff auf den Biontech/Pfizer-Impfstoff damit begründet, dass es in absehbarer Zukunft nur einen Impfstoff geben werde, der für sie zugelassen werde.

Stiko könnte Empfehlung nur für vorerkrankte Kinder aussprechen

Allerdings gibt es in Deutschland noch weitere Hürden: Die Ständige Impfkommission (Stiko) in Deutschland will sich auch nach der EMA-Entscheidung für ihre Empfehlung noch Zeit nehmen. Sie hat angedeutet, dass sie womöglich keine Impfempfehlung für alle, sondern nur für vorerkrankte Kinder geben will.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund forderte eine deutliche Beschleunigung der Impfkampagne. »Ziel muss es sein, im Juli 60 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger geimpft zu haben«, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der Düsseldorfer »Rheinischen Post« (Freitag). »Wenn wie geplant am 7. Juni die Priorisierung entfällt und auch die Betriebs- und Privatärzte eingebunden werden, müssen Bund und Länder zusätzliche Impfdosen bereitstellen.«

Sollte die Stiko zunächst nur eine Impfung von Kindern und Jugendlichen mit Vorerkrankungen befürworten, »sollte wenigstens für diese Gruppe entsprechender Impfstoff – analog zu den anderen Priorisierungsgruppen in der Bevölkerung – reserviert werden«, forderte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg. Der »Rheinischen Post« sagte er: »Da in Kanada und in den USA schon seit Wochen Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden, wird sich die Datenlage hoffentlich schnell verbessern, sodass die Ständige Impfkommission für alle Jugendlichen dann eine Empfehlung aussprechen kann.«

Die Coronaimpfungen für Kinder sollen wie für alle anderen Personen freiwillig sein. Sie sind weder für den Schulbesuch noch für Urlaube Voraussetzung. Die Entscheidung über eine Impfung liegt damit bei den Kindern, Eltern und Ärzten.

apr/dpa
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