Kultusminister unter Druck Vier Gründe, warum die Schulen nicht einfach wieder öffnen können

Wann soll es weitergehen mit dem Unterricht? Die zuständigen Ministerinnen und Minister ringen um Antworten - und stehen dabei unter erheblichem Druck. Was jetzt entscheidend ist.
Eine Analyse von Armin Himmelrath
Wegen Corona geschlossene Schule in Übach-Palenberg (Nordrhein-Westfalen): Zwei Quadratmeter pro Schüler reichen nicht mehr

Wegen Corona geschlossene Schule in Übach-Palenberg (Nordrhein-Westfalen): Zwei Quadratmeter pro Schüler reichen nicht mehr

Foto: Jonas Güttler/ dpa

Nach Ostern treffen sich Angela Merkel und die Ministerpräsidenten, um zu beraten, wie es weitergeht mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Und spätestens am Tag danach müssen auch die Schulministerinnen und -minister erklären, ob ab dem 20. April wieder Unterricht stattfindet – und wie die ausstehenden Prüfungen, unter anderem fürs Abitur und für den mittleren Schulabschluss, organisiert werden.

Um sich abzustimmen, haben die Kultusminister nach SPIEGEL-Informationen für diesen Donnerstag eine weitere Telefonkonferenz verabredet. Sie wollen unbedingt vermeiden, als zerstrittener Haufen dazustehen – wie zuletzt beim Streit um den möglichen Ausfall der Abschlussprüfungen oder zuvor beim Gezerre um die flächendeckenden Schulschließungen.

Vier Aspekte muss die Kultusministerkonferenz (KMK) bei ihren Beratungen berücksichtigen:

  • die Vorgaben der Gesundheitsexperten,

  • die Größe der Klassenzimmer,

  • die Zahl der Lehrkräfte,

  • die nutzbaren Transportkapazitäten.

"Gesundheit an erster Stelle"

Am Votum von Virologen und Pandemie-Experten werden die Kultusminister kaum vorbeikommen. Schließlich hatten sie immer wieder betont, dass es für die Schüler und ihre Eltern zwar Planungssicherheit geben solle, aber "gleichzeitig steht ihre Gesundheit für uns an erster Stelle". So versprach es etwa KMK-Präsidentin Stefanie Hubig, Kultusministerin in Rheinland-Pfalz.

Und die Gesundheitsfachleute sehen den Schulbetrieb durchaus als potenziellen Gefahrenherd. Einen fundierten Rat könne er zur Schulöffnung derzeit nicht geben, sagt Mediziner Hendrik Streeck, Direktor des Bonner Instituts für Virologie: "Wir wissen, dass die allermeisten Kinder gut mit einer Infektion umgehen können", so Streeck, der auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet berät, "es gibt aber noch keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie oft Kinder ihre Eltern oder Großeltern unbemerkt anstecken. Wenn wir die Schulen zu früh wieder öffnen, schaffen wir womöglich einen Multiplikator für das Virus, der dann wieder gefährlich sein kann." Ein internationales Forscherteam argumentiert in einer aktuellen Studie allerdings, dass Schulschließungen die Ausbreitung des Virus kaum beeinflussen würden, da die Infektionsrate bei Kindern sehr niedrig sei.

Zwei Meter Abstand

Faktor Nummer zwei: die Schulgebäude. Wer Schüler konsequent mit zwei Metern Sicherheitsabstand voneinander in einem Klassenzimmer unterbringen will, kommt – je nach Größe der Klassenräume – auf rund zehn Jugendliche pro Raum. Das entspricht etwa einem Drittel der normalen Kapazität, zeigen Erfahrungen an hessischen Schulen, wo bereits Klausuren fürs Abitur unter diesen Bedingungen geschrieben wurden.

Beim Neustart der Schulen müssten die vom Robert Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen unbedingt eingehalten werden, sagt Cornelia Schwartz, Landesvorsitzende des Philologenverbands Rheinland-Pfalz: "Schulen sind sonst der ideale Ort zur flächendeckenden Verbreitung von Viren." Die normalen Vorgaben für Raumgrößen jedenfalls entsprechen überhaupt nicht den Anforderungen für den Ansteckungsschutz: So schreibt etwa die bayerische Schulbauverordnung eine Grundfläche von zwei Quadratmetern pro Schüler vor, dazu sechs Kubikmeter Luftraum.

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Drohender Personalnotstand

Berücksichtigen müssen die Minister auch, dass längst nicht alle Lehrerinnen und Lehrer einfach so in den Unterricht geschickt werden können wie vor der Pandemie. Nach vorsichtigen Schätzungen gehört mindestens ein Fünftel der Lehrkräfte zur Risikogruppe, weil die Personen zu alt und/oder von Vorerkrankungen betroffen sind.

Hinzu kommen möglicherweise steigende Krankheitsmeldungen und Quarantänefälle beim Rest der Pädagogen, sodass die Minister hier mit deutlich geringeren Betreuungskapazitäten kalkulieren müssen. Welche Auswirkungen das haben kann, hatte sich Ende März im hessischen Neu-Anspach gezeigt: Nachdem eine Abiturientin Corona-Symptome gezeigt hatte, mussten sechs ihrer Mitschüler in Quarantäne – und dazu auch vier Lehrer, die die Prüfungsgruppe nacheinander beaufsichtigt hatten.

Der Weg zur Schule

Und noch ein weiterer, zunächst vielleicht abseitig erscheinender Faktor ist bei den Überlegungen wichtig: die Schülerbeförderung. Besonders in ländlichen Regionen spielen Schulbusse dabei die entscheidende Rolle. Denn in ihnen wird im Normalbetrieb der Mindestabstand von zwei Metern so gut wie nie eingehalten – für die Corona-gerechte Beförderung könnten deshalb statt 60 wohl nur noch 15 oder 20 Schüler pro Bus mitfahren.

Die Buskapazitäten um das Drei- oder sogar Vierfache zu erhöhen, dürfte allerdings kaum möglich sein: Dafür gibt es weder genug Fahrer noch ausreichend Fahrzeuge, von den zusätzlichen Kosten ganz abgesehen.

Allenfalls Unterricht in Schichten

Aus diesen Überlegungen heraus wird schnell deutlich: Eine komplette Öffnung der Schulen ab dem 20. April ist so gut wie unmöglich, wenn man die bisherigen Standards der Prävention beibehalten will. Denkbar wäre demnach allenfalls eine Art Schichtunterricht, bei dem immer nur ein Teil der Schülerinnen und Schüler in die Schulen kommt – oder die schrittweise Öffnung der Klassenzimmer zunächst nur für einzelne Gruppen.

Aber auch darüber, wer zuerst wieder unterrichtet werden sollte, gibt es ganz unterschiedliche Ansichten: die Älteren, die vor einer Abschlussprüfung stehen, wie es Sabine Mistler vom Philologenverband NRW fordert? Oder eher die Jüngeren, weil die mehr Hilfe und Unterstützung durch die Lehrkräfte brauchen, wie es die nordrhein-westfälische Landeselternschaft vorschlägt?

Klar ist: Auf eine Rückkehr zur Normalität sollten die Schulen und die Minister in diesem Schuljahr nicht mehr setzen. Schon jetzt ist der Zeitplan eng, und jeder Schließungstag mehr stellt auch bisherige Festlegungen wieder infrage.

Kehrtwende in Sachen Abiturprüfungen

So hatte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien Ende März noch heftigen Gegenwind erfahren, als sie vorschlug, die Abschlussprüfungen für Abitur und mittleren Schulabschluss ausfallen zu lassen und stattdessen die vorher erbrachten Leistungen als Notengrundlage zu nehmen.

Unter dem Druck der anderen Länder stimmte auch Schleswig-Holstein einer KMK-Erklärung zu, in der es am 25. März noch reichlich optimistisch hieß: "Die Prüfungen, insbesondere die schriftlichen Abiturprüfungen, finden zum geplanten beziehungsweise zu einem Nachholtermin bis Ende des Schuljahres statt, soweit dies aus Infektionsschutzgründen zulässig ist."

Mittlerweile haben jedoch auch andere Minister verstanden, unter welchem Zeitdruck sie stehen – und plötzlich ist Priens Vorschlag doch wieder diskussionswürdig: "Sollte ein Schulstart nach den Osterferien nicht möglich sein, müssen wir neu nachdenken", deutete etwa NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer im Interview mit dem "Kölner Stadtanzeiger" eine Kehrtwende an.

Betroffene Schüler fordern unterdessen Klarheit für ihre Planungen. "Erst wurden die Abiturprüfungen verschoben, dann hieß es, dass sie ausfallen sollen und nun sollen sie doch stattfinden", heißt es in einem offenen Brief von Abiturienten dreier Gymnasien im schleswig-holsteinischen Wedel. Bei den Bildungsministern herrsche ein ständiges Hin und Her: "Diese Unsicherheit wirkt sich negativ auf unsere Psyche, Leistungsfähigkeit und Konzentration aus."

Nathalie Menzel gehört zu den Initiatorinnen des offenen Briefs. Das Festhalten an den Abschlussprüfungen sei unter den aktuellen Umständen "eine Zumutung, infektiös, körperlich sowie psychisch", sagt sie. Hochgradig irritierend sei dabei das Verhalten der Schulminister: "Sie entscheiden per Telefonkonferenz, dass wir Abiturientinnen und Abiturienten uns in einen Raum setzen für fünf Stunden mit anderen zusammen und unsere Prüfungen absolvieren sollen."

Klingt so, als gebe es für die Minister viel zu besprechen an diesem Donnerstag.

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