Ab 15. Juni In NRW dürfen alle Kinder wieder in die Grundschulen

Von einem "Signal", dass alles wieder normal wird, spricht Nordrhein-Westfalens Kultusministerin - und will alle Grundschüler noch vor den Sommerferien täglich in den Unterricht schicken. Lehrerverbände sind "fassungslos".
Schnell zurück: Grundschüler sollen in NRW bis zu den Ferien noch zwei Wochen täglich Unterricht haben (Symbolbild)

Schnell zurück: Grundschüler sollen in NRW bis zu den Ferien noch zwei Wochen täglich Unterricht haben (Symbolbild)

Foto: Frank Molter/ picture alliance/dpa

In Nordrhein-Westfalen drückt Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) kurz vor den Sommerferien aufs Tempo bei den Schulöffnungen. Ab dem 15. Juni sollen alle rund 600.000 Kinder im Grundschulalter wieder täglich zur Schule gehen, wie Gebauer am Freitag mitteilte.  Damit haben die Kinder noch an zehn Tagen Unterricht vor Ort. Denn am 29. Juni beginnen in ihrem Bundesland bereits die Ferien.

Es ist eine politische Kehrtwende, die Gebauer vollzieht. Denn bisher gilt: Seit dem 11. Mai haben alle Grundschüler in NRW wieder Unterricht vor Ort, allerdings in einem "rollierenden Schichtsystem". An jedem Werktag soll ein Jahrgang in die Schulen kommen, und so sollte es laut einer ursprünglichen Ansage des Ministeriums eigentlich auch bis zu den Sommerferien bleiben.

Nun teilte Gebauer mit, die Entwicklung des Infektionsgeschehens ermögliche den Weg zu einem verantwortungsvollen Regelbetrieb an den Grundschulen. Es könne im normalen Klassenverband unterrichtet werden. Sie wolle damit "ein Signal setzen, dass Schule nach dem Ende der Ferien so normal wie möglich wieder stattfinden soll."

Gebauer folgt damit einigen Kultusminister-Kollegen aus anderen Ländern, die vergangene Woche teils deutliche Lockerungen für den Schulbetrieb verkündet und große Hoffnung auf Normalität im neuen Schuljahr geweckt hatten - allerdings stets mit der Einschränkung, die weitere Entwicklung hänge vom Infektionsgeschehen ab. Kritiker sind skeptisch, dass nach den Ferien tatsächlich überall ein regulärer Betrieb möglich sein wird.

"Lehrkräfte verzweifeln an ihrer Dienstherrin"

Umso empörter zeigten sich auch Lehrerverbände nach Gebauers Mitteilung vom Freitag, nicht zuletzt über die Art der Kommunikation. "Nach den Medienberichten folgte soeben eine entsprechende Schulmail", kritisierte der Landesverband Bildung und Erziehung (VBE) . "Mal wieder erfahren Schulen erneut zuerst aus der Presse und nicht vom Ministerium selbst, wie es weitergehen soll."

"Wir sind fassungslos über den Umgang mit den Schulen in Nordrhein-Westfalen", teilte Stefan Behlau, Landesvorsitzender des VBE mit. "Die Schulleitungen und Lehrkräfte verzweifeln an ihrer Dienstherrin und dem Ministerium." Mal wieder werde die Praxis ignoriert. Der Verband habe in allen Gesprächen deutlich gemacht, dass viele aktive und engagierte Lehrkräfte und Schulleitungen auf Anweisung des Ministeriums mit hohem Zeitaufwand ihre Pläne bis zu den Sommerferien erstellt haben.

Dies sei passiert, um allen Kindern und Eltern während der Corona-Pandemie eine verlässliche Planung zu geben, und zwar mit genauen Angaben zum Präsenz- und Fernunterricht, zur Notbetreuung und zum offenen Ganztag. "Der immense Aufwand, für wenige Tage die hart erarbeiteten Pläne erneut umzuschmeißen und sich neu zu organisieren, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen", kritisiert Behlau.

Die ganze Kraft der Schulen müsse nun darauf verwendet werden, das neue Schuljahr gut zu planen. Eine kurzfristige Umplanung würde zum jetzigen Zeitpunkt jedoch durch die entstehende Unruhe und Unsicherheit notwendige und bereits abgesprochene Planungsprozesse in den Schulen für das kommende Schuljahr gefährden.

Es ist nicht das erste Mal, dass Gebauer mit einer kurzfristigen Entscheidung Kritik auslöst. Zunächst hatte sie etwa angekündigt, ältere oder vorerkrankte Lehrer nicht zum Präsenzunterricht zu verpflichten. Dann ruderte sie wieder zurück. Die Lehrkräfte sollen nun möglichst doch im Klassenzimmer arbeiten.

Abstandsregel gilt an Grundschulen nicht mehr

Mit der aktuellen Ankündigung zu den Schulöffnungen kippt die Ministerin auch die Abstandsregeln an Nordrhein-Westfalens Grundschulen. Stattdessen soll das Prinzip der festen Gruppen gelten. So soll das Infektionsrisiko minimiert und im Falle eines Falles die Ansteckungskette zurückverfolgt werden können.

Sachsen hatte als erstes Bundesland auf dieses Modell gesetzt und die Grundschulen trotz Pandemie wieder für alle Kinder geöffnet. Der Ansatz polarisiert. Während sich einige Lehrkräfte, Eltern sowie Schülerinnen und Schülern über eine zumindest teilweise "Rückkehr zur Normalität" freuen, stößt das Vorgehen bei anderen auf massive Kritik - und Sorge vor einer möglichen Ansteckung.

Eine Durchmischung der Gruppen lasse sich kaum verhindern, so die Befürchtung. Die Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen hatte schon vor einigen Tagen gewarnt, eine Abschaffung der Abstandsregel sei "riskant für die Schüler und deren Familien sowie für die Lehrkräfte". Die Folgen würden aber erst in einigen Wochen sichtbar. Auch die Schulleitervereinigung des Landes hält das Vorgehen der Ministerin für "höchst fragwürdig".

Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann kritisiert, "bei allem Verständnis für die Sorgen und Nöte der Eltern, halte ich es für ein Spiel mit dem Feuer, wenn immer mehr Länder komplette Schulöffnungen, wie jetzt auch in Nordrhein-Westfalen, unter Aufgabe von Abstandsregeln verfügen". Zwar sei das Abstandhalten ein hoher logistischer Aufwand, doch laut aktuellen Erkenntnissen noch immer eine tragende Säule der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus.

Sachsen-Anhalt hatte vergangene Woche angekündigt, dass spätestens ab 15. Juni alle Kinder der Primarstufe wieder täglich im Klassenzimmer unterrichtet werden sollten. Abstandsregeln würden gelockert. Genau dagegen will nun eine Grundschullehrerin des Landes laut einem Bericht von "news4teachers"  mit Verweis auf den Gesundheitsschutz klagen. Eine Entscheidung wird in den kommenden Tagen erwartet.

fok
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