Coronaschutz an Schulen Die Qual mit der Quarantäne

Hunderttausenden Schülerinnen und Schülern droht in diesem Herbst Quarantäne. Kinder aus armen oder sozial schwachen Familien könnte das besonders hart treffen. Die Regeln sind von Bundesland zu Bundesland verschieden.
Schülerinnen und Schüler in Münster sitzen mit Maske in ihrem Klassenzimmer

Schülerinnen und Schüler in Münster sitzen mit Maske in ihrem Klassenzimmer

Foto: Guido Kirchner / dpa

Ganz am Anfang der Pandemie glaubten manche seiner Schülerinnen und Schüler noch, dass es das Coronavirus nicht gibt. Oder zumindest, dass Sars-CoV-2 sie und ihre Familien nicht ernsthaft bedroht. So berichtet es ein Lehrer, der hier Peter Gruber heißen soll, weil er Nachteile fürchtet, wenn sein richtiger Name veröffentlicht wird.

Peter Gruber also erzählt: dass dann der Vater eines Zehntklässlers an Covid-19 gestorben sei. Und die Schülerinnen und Schüler das Virus plötzlich ernst nahmen. »Die Kinder halten sich inzwischen genau an die Maßnahmen«, sagt er. Einige erzählten ihm, dass sie sich in Klassen mit 30 Schülern nun unwohl fühlten, auch wenn alle Masken trügen und regelmäßig gelüftet werde.

Dort, wo Gruber unterrichtet, an einer weiterführenden Schule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, grassiert die Pandemie derzeit besonders heftig. In der Hansestadt liegt die Inzidenz bei rund 80 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage. In Wilhelmsburg lag der Wert kürzlich über 200, im Nachbarquartier Veddel sogar bei 350. In einer Zeit, in der sich vor allem jüngere Menschen infizieren, ist das keine gute Nachricht für die Schulen in der Gegend.

Die Pandemie der Ungeimpften

In beiden südlich der Elbe gelegenen Stadtteilen leben eher sozial schwächere Menschen. Derzeit zeigt sich erneut, dass das Virus in solchen ärmeren Bezirken härter zuschlägt. Hier leben die Menschen oft auf weniger Raum enger zusammen und können seltener im Homeoffice arbeiten – zumindest sind das die bisherigen Erklärungsversuche.

Nun kommt hinzu: In erster Linie stecken sich ungeimpfte Menschen an. Und die Pandemie der Ungeimpften, von der zuletzt häufig die Rede war, scheint vor allem die sozial Schwachen zu treffen.

Das glaubt auch Gruber, der wie nahezu alle Lehrerinnen und Lehrer in seinem Kollegium längst geimpft ist. In der Schülerschaft sehe es anders aus. Er habe zwar keine Zahlen, sagt Gruber. Aber er ist sich sicher: Im Vergleich mit Jugendlichen aus anderen Stadtteilen seien an seiner Schule auch in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen, für die die Impfkommission Stiko zuletzt eine Empfehlung ausgesprochen hatte, weniger Schüler geimpft.

»Corona hat die Probleme verstärkt, die wir vorher auch schon hatten«

Ähnliches vermutet eine Hamburger Kinderärztin. Eine ihrer Patientinnen aus einem der besser situierten Stadtteile sei schon vor Wochen gefragt worden, ob sie noch Freunde habe, die sich spontan impfen lassen wollten, weil kurzfristig Impfstoff übrig war. Versuche der 17-Jährigen, über ihr Handy jemanden zu finden, seien gescheitert. Alle waren mindestens einmal geimpft, die meisten doppelt.

Dieses Ungleichgewicht dürfte auch Folgen für den Unterricht an Schulen in Brennpunktvierteln haben. Wenn sich in einer Klasse jemand mit Sars-CoV-2 infiziert, dann muss die Person nicht nur in häusliche Isolation, sondern im schlimmsten Fall die ganze Klasse zusätzlich in Quarantäne.

Dass zu Hause gerade schwächere Schülerinnen und Schüler nicht so gut lernen wie in der Schule, weiß Gruber aus seiner Erfahrung in der Pandemie. Auch hier wirkt sich das soziale Gefälle negativ aus: Kinder aus wohlhabenderen Familien verfügen häufiger über technisches Equipment für das digitale Lernen als solche aus ärmeren. »Corona hat die Probleme verstärkt, die wir vorher auch schon hatten«, sagt Gruber. »Die guten Schüler konnten ihre Leistung weiter bringen. Aber die schlechten wurden noch schlechter.« Gleiches gelte im Grunde noch einmal für reiche und arme Schüler.

Wenn die vierte Welle so weiterrollt, könnten in der Spitze bis zu einer Million Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in Quarantäne sein, hatte der Deutsche Lehrerverband kürzlich gewarnt. Doch derzeit ist die Lage bei den Quarantänebestimmungen unübersichtlich.

Wer etwa in Nordrhein-Westfalen zur Schule geht und positiv auf das Coronavirus getestet wird, dessen direkte Sitznachbarn müssen ebenfalls in Quarantäne, dazu Lehrkräfte und weiteres Schulpersonal, wenn sie in engem Kontakt mit dem Betroffenen standen. Falls Schutzmaßnahmen wie Abstandhalten, Maske tragen oder Lüften nicht eingehalten werden konnten, können auch weitere Mitschüler in Quarantäne geschickt werden.

Die Regelung von NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) stößt derzeit auf massive Kritik. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Nordrhein-Westfalen, Ayla Çelik, bezeichnete sie als »realitätsfremd«. Das gehe an der Lebensrealität in Schulen vorbei und berge große Risiken, sagte sie dem SPIEGEL. »Kinder und Jugendliche sitzen nicht den ganzen Tag auf ihrem Sitzplatz, auch Aerosole bleiben nicht dort.« Schülerinnen und Schüler seien agil, kämen aus der Pause, begegneten einander. Die Quarantäne sollte daher für ganze Klassen gelten, Schülerinnen und Schüler können sich aber für den Präsenzunterricht schnell per PCR-Test freitesten.

Schutzmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft

Heike Riedmann von der »Initiative Familie« hält den Kurs von Bildungsministerin Gebauer dagegen für richtig. Die Hürden für die Anordnung einer Quarantäne müssten besonders hoch sein. Kinder sollten so viel Präsenzunterricht wie möglich erhalten; bei ihnen seien schwere Krankheitsverläufe eher selten, die Kollateralschäden aber immens, wenn man sie wieder vom Unterricht ausschließe. »Quarantäne ist Freiheitsentzug und bedeutet besonders für Familien in beengten Verhältnissen enorm viel Stress.« Die »Initiative Familie« hat aus diesem Grund auch eine Petition gestartet, darin heißt es: »Eine Quarantäne ist die größte Belastung, die Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zugemutet wird.«

Riedmann findet, die Schutzmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler seien noch nicht ausgeschöpft. Man müsse zwar infizierte Kinder und Jugendliche in Quarantäne schicken, aber nicht deren Kontaktpersonen. Diese könnte man engmaschig testen, anstatt sie gleich vom Präsenzunterricht auszuschließen. Zudem sollten infizierte Kinder und Jugendliche nur so lange isoliert werden, wie sie ansteckend seien.

Von Schule zu Schule verschieden

Welche Schülerinnen und Schüler in Quarantäne geschickt werden müssen, wenn eine Klassenkameradin oder ein Klassenkamerad positiv getestet wird, ist nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern manchmal auch von Schule zu Schule verschieden. Wer nach Hause geschickt wird, entscheidet in den meisten Fällen das Gesundheitsamt. Die Mitarbeitenden beziehen in ihre Entscheidung mit ein, welche Umstände an der Schule vorherrschen, wie beispielsweise welche Schutzmaßnahmen umgesetzt wurden und wie viele Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte bereits geimpft oder genesen sind.

Das Gesundheitsministerium des Saarlands schreibt dazu: »Es ist immer eine Einzelfallentscheidung, ob nur direkte Kontaktpersonen oder die gesamte Schulklasse als enge Kontaktpersonen eingestuft werden müssen.« Das Ministerium geht allerdings davon aus, dass es wieder häufiger vorkommen wird, alle Klassenmitglieder als enge Kontaktpersonen einzustufen und in diesem Fall in Quarantäne zu schicken.

Aus Niedersachsen heißt es: »Es kann sich ergeben, dass keine Mitschülerinnen und Mitschüler oder nur die Mitschülerinnen und Mitschüler im Nahfeld zur Indexperson oder die gesamte Klasse als enge Kontaktpersonen klassifiziert werden.« Bei den Virusvarianten Beta oder Gamma werde eine Quarantäne allerdings empfohlen.

Die ganze Klasse in Quarantäne? »Das wäre übervorsichtig«

In Bremen wird eine sogenannte Real-Kohorte an den betreffenden Tagen ermittelt. Laut Robert Koch-Institut sind dies Personen, die länger als zehn Minuten engen Kontakt zur infizierten Person hatten, mit der Person keinen Abstand von eineinhalb Metern gehalten haben oder sich gleichzeitig im selben Raum mit wahrscheinlich hoher Konzentration infektiöser Aerosole aufgehalten haben. Für diese Gruppe ordnet die Schulleitung Distanzunterricht an. Vollständige Geimpfte werden nicht als enge Kontakte eingestuft und müssen nicht in Quarantäne.

In Thüringen will man ein einheitliches Vorgehen für das Bundesland abstimmen. Und auch in Baden-Württemberg werden zurzeit Regelungen zu den Quarantänebestimmungen ausgearbeitet.

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Vorausgesetzt, die Hygienemaßnahmen in den Klassen werden eingehalten, hält der Aerosolforscher Alfred Wiedensohler vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung es für ausreichend, wenn im Fall von Infektionen in einer Klasse nur die Sitznachbarn in Quarantäne gehen. »Wenn man eine FFP2-Maske trägt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass man sich bei einem Infizierten ansteckt«, sagt Wiedensohler. Die ganze Klasse in Quarantäne zu schicken, wenn regelmäßig gelüftet und der Abstand eingehalten worden sei? »Das wäre übervorsichtig«, sagt er. Allerdings betont der Wissenschaftler, dass nur eine FFP2-Maske zuverlässig schütze. Bei den medizinischen Masken würden die ansteckenden Partikel nicht gefiltert.

Der Hamburger Lehrer Peter Gruber hofft nun, dass sich an seiner Schule möglichst wenige Menschen infizieren. Alle 20 Minuten reiße er das Fenster auf und achte darauf, dass alle Schülerinnen und Schüler Masken tragen und sich zweimal pro Woche testen. Zudem könne er sich eine Schutzwand aus Plexiglas auf seinen Lehrertisch stellen.

Doch ob das ausreicht, um im Präsenzunterricht durch diesen Herbst zu kommen, ist fraglich und hängt wohl auch davon ab, ob sich seine Schülerinnen und Schüler impfen lassen wollen. Wie viele Kinder in Hamburg in welchen Stadtteilen geimpft sind, ist nicht bekannt. Zwar führen die einzelnen Schulen Listen, teilt die Schulbehörde auf Anfrage des SPIEGEL mit, zentral erfasst würden die Zahlen aber nicht.

Dabei wäre es gerade wichtig zu erkennen, wo möglicherweise mehr Bedarf besteht und man sich gezielt um höhere Impfquoten bemühen könnte. Immerhin sollen bald alle die Möglichkeit zur Impfung bekommen: Hamburg will demnächst den rund 100.000 Schülerinnen und Schülern an Stadtteilschulen und Gymnasium eine Impfung anbieten, wenn sie mindestens zwölf Jahre alt sind.

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