Schule in der Coronakrise Gerecht war das Abitur noch nie

Das Abitur soll trotz Corona-Pandemie weiterhin stattfinden, hat die Kultusministerkonferenz entschieden. Richtig so? Ein Streitgespräch unter Kollegen.
Das Abitur soll auch 2020 stattfinden - trotz Corona-Pandemie (Symbolbild)

Das Abitur soll auch 2020 stattfinden - trotz Corona-Pandemie (Symbolbild)

Foto: Thomas Warnack/ dpa

Hätten die Kultusminister wegen des Coronavirus die diesjährigen Reifeprüfungen absagen und stattdessen ein sogenanntes Durchschnitts-Abitur nur auf Basis der Vornoten vergeben sollen? Zwei Abiturienten aus Hamburg hatten das in einer Onlinepetition gefordert, innerhalb kurzer Zeit hatten sich mehr als 100.000 Unterstützer gefunden.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) konnte sich zunächst ebenfalls für diese Idee erwärmen und wollte in ihrem Bundesland die abschließenden Prüfungen ausfallen lassen - wurde dann aber von den anderen Kultusministern zurückgepfiffen. Richtig so? Darüber diskutieren Armin Himmelrath und Miriam Olbrisch aus der Bildungsredaktion des SPIEGEL.

Miriam Olbrisch: Ich bin wirklich erleichtert, dass die Abiturprüfungen nun erst einmal wie geplant stattfinden sollen. Ich hätte es falsch gefunden, zu diesem Zeitpunkt schon panisch alles abzusagen, obwohl es gut möglich ist, dass das Abitur in diesem Schuljahr noch stattfinden kann.

Armin Himmelrath: Was heißt denn "wie geplant"? Wie geplant läuft doch schon seit Wochen nichts mehr. Bayern und Baden-Württemberg verschieben die Abiprüfungen, zahlreiche Bundesländer zaudern, Hessen und Rheinland-Pfalz ziehen durch - von Einheitlichkeit kann da überhaupt keine Rede sein. Schade, dass Karin Prien eingeknickt ist. Da wurde eine große Chance vergeben, Schülerinnen und Schüler, die Schulen und die Eltern zu entlasten. Stattdessen wurschteln die Kultusminister weiter rum.

Olbrisch: Einheitlich - und gerecht - war das Abitur doch noch nie. Es fängt schon damit an, dass wir Gymnasiasten und Gesamtschüler haben, G8 und G9. In der Vergangenheit hat es auch immer unterschiedliche Prüfungstermine gegeben: Die G9-Schüler in Rheinland-Pfalz starten im Januar, die letzten Bundesländer prüfen im Mai. So anders wird es jetzt vermutlich gar nicht laufen.

Himmelrath: Ja, das stimmt. Aber gerade deshalb wäre es konsequent gewesen, allen Schülerinnen und Schülern die Noten zu geben, auf denen sie Ende 2019 standen. Es ist ja nicht so, dass der Verzicht auf die letzten Prüfungen zu einem Abitur ohne Gegenleistung geführt hätte: Rund 70 Prozent der notwendigen Leistungen haben die Schüler bereits erbracht. Unfair wird es dadurch, dass manche - wie in Rheinland-Pfalz - ohne Corona-Beeinträchtigungen schreiben konnten, während bei anderen der Unterricht ausfällt und wieder andere noch ein paar Wochen mehr Zeit zur Vorbereitung bekommen.

Olbrisch: Einigen ohne Abschlussprüfungen ein "Durchschnitts-Abitur" zu schenken, während andere ihre Prüfungen schon hinter sich haben - das wäre doch viel ungerechter. Und die Schüler aus Rheinland-Pfalz und Hessen, die ihre Klausuren durchziehen mussten, haben diesen Stress dann umsonst aushalten müssen. Wie frustrierend. 

Himmelrath: Da wird nichts geschenkt, sondern eine Krise pragmatisch gelöst! Und frustrierend ist das doch schon jetzt - für die anderen: Die werden über Wochen hingehalten, wissen nicht, wann sie mit ihren Prüfungen dran sind, können sich manchmal im Stundentakt neue Wasserstandsmeldungen der Kultusminister abholen. Dass wir beim Abitur 2020 noch zu einer Lösung kommen, die für alle zufriedenstellend ist, halte ich für ausgeschlossen.

Olbrisch: Ja, diese Hängepartie ist belastend und nervig. Andererseits: Hätte sich der Jahrgang 2020 sonst nicht immer anhören müssen, nur ein "Abitur light" gemacht zu haben? Das "Durchschnitts-Abitur" hat die Bezeichnung "Abitur" nicht verdient.

Himmelrath: Wir hätten hier die Chance gehabt, auch mal etwas perspektivischer zu diskutieren: Brauchen wir diesen Prüfungsmarathon am Ende der Oberstufe denn wirklich? Setzen wir damit die richtigen Schwerpunkte? Diese Chance ist jetzt erst mal vorbei. Andererseits glaube ich nicht, dass da das letzte Wort schon gesprochen ist: Die Halbwertszeit von KMK-Entscheidungen, in denen vor allem das gemeinsame Vorgehen betont wird, ist ja derzeit eher gering.

Olbrisch: Glaubst du wirklich, es wird noch Abweichler geben, nachdem alle die Einstimmigkeit der Entscheidung gefeiert haben? Das traut sich doch jetzt keiner mehr.

Himmelrath: Da bin ich mir nicht so sicher. Die Situation in Sachen Corona ändert sich täglich, und wer sich intensiver mit Virologen unterhält, kann eigentlich kaum noch daran glauben, dass wir dieses Schuljahr noch regulär zu Ende bringen werden. Das krampfhafte Festhalten an den Abiturprüfungen wirkt da für mich ein bisschen wie das Pfeifen im dunklen Wald.

Olbrisch: Vermutlich wird einiges davon abhängen, wie es aktuell in Hessen läuft. Schüler sollen weit auseinander sitzen, Tische und Toiletten desinfiziert werden. Aber ob das wirklich an allen Schulen so funktioniert, daran habe ich große Zweifel. Wir haben dazu ja auch einige Hinweise erhalten. Sollten Abiturienten sich in der Prüfung mit Corona angesteckt haben, wäre das eine Katastrophe - und dann würden alle mit dem Finger auf die unverantwortlichen Hessen zeigen.

Himmelrath: Ich vermute auch: Die Debatte ist mit dem Beschluss der KMK noch lange nicht erledigt. Und wir berichten - und streiten - natürlich weiter!

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