Silke Fokken

Schulschließungen wegen Corona Nicht länger auf Normalität vertrösten!

Silke Fokken
Kommentar von Silke Fokken
Irgendwann wird alles gut und die Kinder können wieder in die Schule gehen – nur jetzt noch nicht. Das darf an diesem Mittwoch nicht (wieder) die Botschaft der Politik sein. Umdenken ist überfällig.
Schülerin im Distanzunterricht (Symbolbild)

Schülerin im Distanzunterricht (Symbolbild)

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Sebastian Gollnow / dpa

Selten haben sich so viele Menschen unfreiwillig mit Mathematik beschäftigt wie in der Corona-Pandemie: beim Homeschooling mit den Kindern, bei der Kalkulation der Toilettenpapiervorräte und bei Auftritten der Kanzlerin, die beschrieb, was mit exponentiellem Wachstum gemeint ist – und damit massive Kontaktbeschränkungen begründete, inklusive wochenlanger Schulschließungen. Es ist noch nicht sicher, ob Merkel und die Ministerpräsidenten an diesem Mittwoch erneut zu dem Ergebnis kommen, Kinder und Jugendliche müssten über den 14. Februar hinaus für unbestimmte Zeit noch länger zu Hause bleiben. Doch fest steht: Es wäre falsch.

Die Politik würde damit die Nöte von Kindern sowie die Bildung, einen entscheidenden Bereich unserer Gesellschaft, ignorieren und einmal mehr beweisen, dass sie Lösungsansätze, die teils längst auf dem Tisch liegen, nicht ernsthaft prüft, sondern in starren Denkmustern verharrt.

Dabei wären neue Ideen, mehr »Beweglichkeit im Denken« – ein Begriff aus der Didaktik der Mathematik – dringend nötig, um Gesundheitsschutz zu gewähren und gleichzeitig die viel zu lange vernachlässigten Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie endlich angemessen und mit bundesweit verlässlichen Regeln zu berücksichtigen.

Bildung neu denken

Schule soll erstens Wissen und Bildung vermitteln, zweitens soziales Lernen, Beziehung und Gemeinschaft fördern und drittens Schülern zu Noten und Abschlüssen verhelfen. Bei Jüngeren kommt Betreuung hinzu. Die Politik klammert sich bisher an Punkt drei und beschult vorrangig Abschlussklassen, um vermeintlich gleichwertige Abschlüsse zu ermöglichen. Aber Abschlüsse lassen sich mit Blick auf die Ausnahmesituation auch anders vergeben. Das würde Freiräume für Bildung und Gemeinschaftsleben schaffen – und zwar für alle Schüler, unabhängig vom Alter.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat lange am Primat des Präsenzunterrichts festgehalten, wohl wissend, dass Distanzunterricht – allem Engagement der Lehrkräfte zum Trotz – nur ein schöneres Wort ist für Hausaufgabenberge, die unter widrigen Bedingungen abgearbeitet und von einigen Kindern etwa mangels elterlicher Hilfe gar nicht bewältigt werden können. Verständlich, aber so schloss die Politik die Schulen Mitte Dezember aus dem vollen Betrieb heraus, unabhängig von lokalen Corona-Zahlen, statt auf Zwischenlösungen zu setzen.

Hotspots in Thüringen dürfen aber nicht dazu führen, dass Kinder in Schleswig-Holstein nicht zur Schule gehen dürfen. Und Unterricht muss nicht zwingend heißen, dass 20 bis 30 Schüler fünf bis acht Stunden pro Tag im Klassenraum sitzen und zehn Fächer beackern. Die KMK will nun durchaus zeitnah Wechselmodelle  umsetzen, aber weiter, ohne konkrete Corona-Zahlen für dieses Szenario festzulegen. Zudem hängt das Modell oft noch an alten Strukturen.

Unterricht neu denken

Aus den Ideen vieler Schulakteure ergeben sich neue Lösungen: zum Beispiel Unterricht mit Gruppen von höchstens zehn Kindern mit ein bis zwei festen Bezugspersonen, im Zweifel Lehramtsstudierenden oder Pädagogen aus Jugendeinrichtungen, die sich in der Schule, privat oder in leer stehenden Restaurants täglich für rund drei Stunden treffen, Mittagessen inklusive. Die eine Gemeinschaft bilden, die dafür sorgen, dass das Lernen sowie der Spaß daran weitergehen, unabhängig vom Elternhaus. Die nicht strikt den Lehrplan abarbeiten, weil dieser entrümpelt oder die Schulzeit im Zweifel etwas verlängert wird. Die per Smartphone oder Laptop miteinander vernetzt und gut erreichbar sind, damit kein Kind wegrutschen kann.

Das wäre selbst dann noch ein tragfähiges Konzept, wenn sich das Hoffen und Warten auf die Rückkehr der Normalität noch länger als bis zu den nächsten Ferien zieht.

Oder die Politik denkt mal ganz anders und räumt den Bedürfnissen von Kindern denselben Stellenwert ein wie jenen von Unternehmen. Politiker betonen inzwischen gern, Schulen seien nach den Fehlern im ersten Shutdown nun als Letzte geschlossen worden und würden als Erste wieder geöffnet. Aber von der stetigen Wiederholung wird dieser Satz nicht wahrer. Wie Kollege Markus Feldenkirchen treffend schrieb, geht die Produktion von Eierlikör und Waffen munter weiter, während die meisten Schulen nur im Notbetrieb laufen. Auch die Regeln zum Homeoffice sind vergleichsweise weich. Klar, dass die Wirtschaft nicht komplett gegen die Wand fahren darf – aber die Bildung auch nicht.

Maßnahmen neu denken

Wenn andere Kontakte strikter runtergefahren würden, könnten Schulen eher wieder öffnen. Wenn Lehrer und Erzieher früher geimpft würden, es für alle kostenlose FFP2-Masken gäbe und Schüler und Lehrkräfte regelmäßig Schnelltests machen könnten, so wie Bundesliga-Fußballer oder Kinder in Österreich, wäre das auch schon was.

In die gesellschaftliche Gesamtrechnung müssen dringend die wirtschaftlichen Folgekosten  der Schulschließungen einfließen, die sich verschärfende Chancenungerechtigkeit, weil bestimmte Kinder abgehängt werden, sowie die sozialen und psychischen Folgen. Mehr als 170 Kinder- und Jugendpsychotherapeuten warnten zuletzt in einem offenen Brief: »Wir beobachten vermehrt Trennungsängste und Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen oder Schlafstörungen, bei Kleinkindern eine Zunahme von Schulängsten durch fehlende Kontinuität.«

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Wie schwer sich die Politik jedoch mit flexiblen Lösungen und Schulöffnungen tut, offenbart sich gerade in Nordrhein-Westfalen. Unabhängig von den Beschlüssen der Bund-Länder-Runde sollen hier mehrere Schulen am 15. Februar geschlossen bleiben, weil das wegen Karneval vor Corona so entschieden wurde und nun nicht geändert werden soll, selbst wenn der Karneval gar nicht stattfindet. Kein Witz!

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