Coronakrise Mediziner fordern komplette Öffnung von Schulen und Kitas

Keine Einschränkungen mehr, alle Kinder zurück in die Schulen und Kitas: Das fordern vier medizinische Fachgesellschaften. Begründet wird das mit gravierenden sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließungen.
"Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wiedereröffnet werden": Kitakinder in Hamburg (Archivbild)

"Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wiedereröffnet werden": Kitakinder in Hamburg (Archivbild)

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Christian Charisius/ DPA

Die Forderung ist spektakulär - und sie richtet sich gegen die klare Empfehlung von Christian Drosten und anderen Virologen: Vier medizinische Fachgesellschaften haben dazu aufgerufen, Kindergärten und Schulen trotz der Corona-Pandemie umgehend und vollständig zu öffnen.

In einer gemeinsamen Stellungnahme  heißt es: "Insbesondere bei Kindern unter 10 Jahren sprechen die aktuellen Daten sowohl für eine geringere Infektions- als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate." Im Gegensatz dazu seien die sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließung gravierend.

Im ganzen Land waren Schulen und Kitas wegen der Corona-Pandemie wochenlang geschlossen, ehe der Unterricht und die Betreuung unter Beachtung von Hygiene- und Abstandsregeln schrittweise wieder anlief.

Kleine Gruppen? Nicht nötig

In ihrer Stellungnahme schreiben die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland: "Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wiedereröffnet werden", und zwar "uneingeschränkt".

Es müssten keine kleinen Gruppen gebildet werden. Auch müssten die Kinder weder Abstand wahren noch Masken tragen. "Entscheidender als die individuelle Gruppengröße ist die Frage der nachhaltigen Konstanz der jeweiligen Gruppe und Vermeidung von Durchmischungen", heißt es in dem Papier. Demnach könnte also durchaus eine komplette Klasse gemeinsam unterrichtet werden, solange sich die Schülerinnen und Schüler etwa in den Pausen nicht mit Kindern aus anderen Klassen träfen.

Zu der umstrittenen Frage, wie ansteckend Kinder seien, schreiben die Autoren: "Zahlreiche Erkenntnisse sprechen gegen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder." Verschiedene Untersuchungen und Auswertungen "ergeben ein zunehmend schlüssiges Bild, dass Kinder in der aktuellen Covid-19-Pandemie im Gegensatz zur Rolle bei der Influenza-Übertragung keine herausragende Rolle in der Ausbreitungsdynamik spielen."

Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, "dass die Zunahme an Erkenntnissen in den kommenden Wochen und Monaten zu einer Neubewertung der Situation führen kann, was dann eine entsprechende Nachjustierung dieser Empfehlung nach sich ziehen wird".

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht den Vorschlag der Fachverbände allerdings kritisch. Die Kinderärzte meinten es sehr gut, schrieb Lauterbach am Dienstag bei Twitter. Leider sei es aber falsch, dass Kinder eine geringe Bedeutung für die Pandemie hätten. Sie steckten sich und andere pro Kontakt weniger oft an. Da sie aber so viele Kontakte hätten, sei der Gesamtanteil wahrscheinlich hoch.

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Der stellvertretende Fraktionsvize der FDP im Bundestag, Michael Theurer, entgegnete, Lauterbach müsse erklären, aufgrund welcher gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse er den Kinderärzten widerspreche. "In Studien in den Niederlanden, Frankreich und Norwegen haben Kinder nur eine sehr geringe Rolle bei der Übertragung gespielt. In Schweden, wo Schulen und Kitas durchgehend geöffnet waren, haben diese sich offenbar nicht zu Infektionsherden entwickelt", sagte er.

Unterschiedliche Länderstrategien

Bisher folgen die Bundesländer flächendeckend einer anderen Strategie als die Mediziner vorschlagen: Sie setzen auf kleinere Gruppen und größeren Abstand in Kitas und Schulen. Lediglich Sachsen verfolgt eine Linie, die der Forderung der Fachgesellschaften nahekommt. Allerdings hatte das Verwaltungsgericht Leipzig am Freitag entschieden, dass Eltern wegen des fehlenden Mindestabstands ihre Kinder nicht zur Schule schicken müssen.

Die derzeit geltenden Regelungen der Länder im Einzelnen:

Baden-Württemberg: Mitte Juni sollen alle Schülerinnen und Schüler zumindest zeitweise wieder Präsenzunterricht erhalten. Zudem gilt ein eingeschränkter Regelbetrieb für die Kitas: Maximal 50 Prozent der Kinder sollen zur gleichen Zeit in der Kita sein.

Bayern: Einige Jahrgänge sind bereits wieder an den Schulen, nach den Pfingstferien Mitte Juni sollen alle Schüler zumindest tageweise in die Schule gehen. In den Kitas läuft in der Regel noch Notbetreuung.

Berlin: Bis zum Sommer soll jedes Kitakind wieder ein Betreuungsangebot erhalten. Bis Ende Mai sollen alle Schülerinnen und Schüler mit verringerter Stundenzahl in die Schulen gehen.

Brandenburg: Alle Brandenburger Schulkinder können ab 25. Mai bis zu den Sommerferien wieder in die Schule gehen - zumindest tageweise, Kitakinder ab Ende Mai.

Bremen: An Grundschulen werden alle Klassen schrittweise zurückgeholt. An den weiterführenden Schulen sind einige Klassen bereits zurück, weitere Klassen folgen am 25. Mai. Ab 1. Juni werden alle Vorschulkinder wieder in Kitas kommen.

Hamburg: Ab dem 25. Mai sollen alle Schülerinnen und Schüler wenigstens einmal pro Woche Unterricht in der Schule bekommen. Kitas gehen schrittweise in den Regelbetrieb.

Hessen: Kitas sollen Anfang Juni allmählich in den eingeschränkten Normalbetrieb übergehen. Der Unterricht an den Schulen hat schrittweise wieder begonnen.

Mecklenburg-Vorpommern: Die Schülerinnen und Schüler kehren bereits schrittweise in die Schulen zurück. Am 25. Mai sollen Kitas wieder allen Kindern offenstehen.

Niedersachsen: Die Notbetreuung in den Kitas wird sukzessive ausgeweitet, die Rückkehr zum Regelbetrieb ist für den 1. August geplant. Schülerinnen und Schüler kehren nach und nach zurück, vom 15. Juni an haben alle Jahrgänge wieder Unterricht in den Schulen.

NRW: Kinder und Jugendliche kehren schrittweise in die Bildungseinrichtungen zurück. Ab Ende Mai sollen alle Schülerinnen und Schüler tageweise Präsenzunterricht erhalten, ab September soll es einen "eingeschränkten Regelbetrieb" für alle Kitakinder geben.

Rheinland-Pfalz: Der Unterricht hat stufenweise wieder begonnen, alle Schülerinnen und Schüler sollen bis Mitte Juni wieder zur Schule gehen. Die Kitas werden bis spätestens zu den Sommerferien für alle geöffnet.

Saarland: In Kitas und Schulen soll es spätestens bis zu den Sommerferien "wieder einen möglichst regulären Betrieb geben".

Sachsen: Sachsens Kitas und Grundschulen können im eingeschränkten Regelbetrieb für alle Kinder öffnen, ausdrücklich auch mit den normalen Gruppengrößen. Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen sollen zumindest teilweise wieder an den Schulen unterrichtet werden.

Sachsen-Anhalt: Bislang sollten alle Klassenstufen für mindestens einen Tag zum direkten Austausch mit ihren Lehrerinnen und Lehrern in die Schulen zurückgekehrt sein. Alle Kitakinder sollen ab dem 2. Juni wieder in ihre Kita dürfen.

Schleswig-Holstein: Ab dem 25. Mai soll für weitere Jahrgänge wieder die Schule beginnen. Das gilt für die Klassen 1 bis 3 an den Grundschulen sowie die Jahrgänge 8, 9 und 10 an Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Vom 1. Juni an soll in den Kitas ein eingeschränkter Regelbetrieb gelten.

Thüringen: Die Kommunen konnten selbst entscheiden, ob sie bereits am Montag in den Kindergärten mit einem eingeschränkten Regelbetrieb starten. Bis spätestens 15. Juni soll dieser in allen Kitas starten. In den Schulen sollen spätestens nach Pfingsten wieder alle Schülerinnen und Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen können.

him/fok/dpa
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