Bildung in der Coronakrise Lernen fällt flach

Fernsehen statt Vokabeln, Instagram statt Mathe: Eine Studie gibt nun erste Einblicke, wie viel Zeit Schülerinnen und Schüler in der Hochphase der Pandemie ins Lernen investiert haben.
Als die Schulen geschlossen wurden, haben viele Schüler deutlich weniger gelernt als sonst

Als die Schulen geschlossen wurden, haben viele Schüler deutlich weniger gelernt als sonst

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Antti Aimo-Koivisto/ DPA

Im März wurden in Deutschland quasi über Nacht die Schulen für Wochen geschlossen. Lehrer standen plötzlich vor der Frage, wie sie die Schüler unterrichten sollten. Eltern wussten nicht, wie sie ihre Kinder betreuen sollten. Und Schüler wussten nicht, wohin mit sich.

Nun hat das Ifo-Institut eine Studie veröffentlicht, die erste Informationen darüber gibt, wie viel Zeit Schüler ins Lernen investiert haben - und womit sie sich sonst beschäftigten. Die Ergebnisse aus einer Befragung von knapp 1100 Eltern zeigen, wie stark die Schulschließungen sich auf das Lernen der Kinder ausgewirkt haben.

Demnach fand kaum Onlineunterricht statt, Lehrer riefen ihre Schüler nur selten an und sie griffen vor allem auf Arbeitsblätter zurück, um ihnen etwas beizubringen. Doch nicht alle Schüler erhielten eine Rückmeldung zu den eingereichten Aufgaben. Besonders gelitten haben leistungsschwache Schüler.

Hier die Ergebnisse im Einzelnen:

Schüler haben laut der befragten Eltern in der Zeit der Schulschließungen durchschnittlich rund dreieinhalb Stunden mit schulischen Aktivitäten verbracht. Das heißt, sie waren entweder in der Notbetreuung, beschäftigten sich zu Hause mit Aufgabenblättern oder hatten Videounterricht.

Zuvor beschäftigten sich die Schüler der Umfrage zufolge durchschnittlich fast siebeneinhalb Stunden pro Tag mit schulischen Aktivitäten. Knapp sechs Stunden besuchten sie die Schule und eineinhalb Stunden lernten sie.

  • Damit hat sich die Zeit, in der Schüler sich Wissen aneignen, mehr als halbiert.

In der gewonnenen Zeit haben die meisten Schüler der Studie zufolge vor allem ferngesehen, Spiele auf dem Computer oder Handy gespielt oder sich mit sozialen Medien beschäftigt. Pro Tag waren das mehr als fünf Stunden. Vor der Coronakrise verbrachten sie demnach vier Stunden mit Fernsehen, Computer oder Handy. Mädchen haben laut der Studie eine halbe Stunde am Tag mehr gelernt als Jungen.

Die Wissenschaftler haben auch erforscht, inwieweit sich der Lockdown auf Schüler unterschiedlichen Alters auswirkte. Demnach haben sich Grundschüler eine Stunde mehr am Tag kreativ beschäftigt, gelesen oder sich bewegt als Schüler weiterführender Schulen. Zudem haben die Grundschüler rund zwei Stunden weniger am Tag mit Fernsehen, Computer- oder Handyspielen und sozialen Medien verbracht als ältere Schüler.

Die Forscher haben zudem untersucht, inwieweit sich die Schulschließung auf Kinder von Eltern mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen ausgewirkt hat: In der Coronazeit haben Akademikerkinder demnach eine Viertelstunde pro Tag mehr mit Schulaktivitäten verbracht als Kinder von Nichtakademikern.

Große Unterschiede konnten die Forscher zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern ausmachen: Die Schulschließungen haben schwache Schüler besonders hart getroffen. Sie reduzierten ihre schulischen Aktivitäten um mehr als vier Stunden am Tag und beschäftigten sich mehr als sechs Stunden mit dem Fernseher, Computer- und Handyspielen sowie mit sozialen Medien.

Während der Corona-Zeit verbrachten leistungsschwächere Schüler rund eine halbe Stunde weniger mit schulischen Aktivitäten als leistungsstärkere Schüler. Die Coronakrise hat demnach die Bildungsungleichheit weiter verschärft.

Onlineunterricht und Telefonate spielten der Studie zufolge während des Lockdowns eine untergeordnete Rolle:

  • Mehr als die Hälfte der Schüler (57 Prozent) hatte während der Schulschließungen seltener als einmal pro Woche Unterricht im Klassenverband per Videoanruf oder Telefon.

  • 45 Prozent hatten nie gemeinsamen Onlineunterricht.

  • Rund zwei Drittel der Eltern (67 Prozent) gaben an, dass ihr Kind weniger als einmal pro Woche individuellen Kontakt mit einem Lehrer hatte.

  • Bei 45 Prozent der Befragten hatte das Kind nie Einzelgespräche mit einem Lehrer oder einer Lehrerin.

Die Lehrkräfte setzten häufiger Lernvideos und eine Lernsoftware ein. Mehr als die Hälfte aller Eltern (53 Prozent) gab an, dass ihr Kind mehrmals pro Woche bereitgestellte Lernvideos anschauen oder Texte lesen sollte.

ifo-Studie: Bildung in der Coronakrise

Die Studie "Bildung in der Coronakrise: Wie haben die Schulkinder die Zeit der Schulschließungen verbracht, und welche Bildungsmaßnahmen befürworten die Deutschen?" wurde von Wissenschafltern des ifo-Instituts erstellt.

Lehrer griffen demnach vor allem auf ein Hilfsmittel zurück, um ihre Schüler während der Schulschließungen zu unterrichten: Aufgabenblätter. Fast alle Schüler (96 Prozent) erhielten mindestens einmal in der Woche Arbeitsblätter, die sie bearbeiten sollten. Allerdings bekamen 17 Prozent der Schüler, die Aufgaben bearbeitet hatten, nie eine Rückmeldung darauf.

Laut der Studie haben viele Schüler nicht einmal etwas Neues gelernt, als die Schulen geschlossen waren. Nach Angaben der Eltern wurde nur knapp der Hälfte der Schüler (47 Prozent) hauptsächlich neuer Unterrichtsstoff vermittelt. Bei ähnlich vielen Schülern (45 Prozent) ließen die Lehrer Unterrichtsstoff wiederholen.

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Die Forscher befragten aber nicht nur Eltern zum Lernverhalten ihrer Kinder während der Schulschließungen, sondern auch eine Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung. Demnach befürwortet eine große Mehrheit (79 Prozent) verpflichtenden Onlineunterricht, sollten die Schulen erneut geschlossen werden.

Rund 78 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Lehrer ihre Schüler täglich kontaktieren sollten und 83 Prozent finden, Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen sollten intensiv betreut werden. Schüler, deren Familien sich die technische Ausstattung nicht leisten können, sollten etwa Laptops erhalten.

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