Unterricht in der Coronakrise Wie viel bringt das Lüften im Klassenzimmer?

Reicht Stoßlüften in Klassen, um das Ansteckungsrisiko deutlich zu verringern? Ja, sagen die Kultusminister. Doch die Kritik an ihrem Konzept reißt nicht ab.
Fenster auf zum Stoßlüften: Grundschule in Stuttgart

Fenster auf zum Stoßlüften: Grundschule in Stuttgart

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Mit einer ungewöhnlichen Wortmeldung trat die Kultusministerkonferenz (KMK) am Dienstag an die Öffentlichkeit: Per "Klarstellung" verwies KMK-Sprecher Torsten Heil auf die Ergebnisse eines Fachgesprächs zur Lüftung von Klassenzimmern, das die Ministerinnen und Minister Ende September geführt hatten. Das Lüften der Klassen sei "ein unverzichtbarer Bestandteil" der Hygienemaßnahmen zur Corona-Prävention.

Heil reagierte damit auf einen Artikel des Bildungsportals "News4Teachers", der dem Lüftungskonzept der KMK zuvor weitgehende Unwirksamkeit vorgeworfen  hatte. Die Pläne der Schulministerinnen und -minister zur Lüftung der Klassenräume seien "billig, leicht umsetzbar und mangelhaft", heißt es in dem Text.

Das Konzept der KMK  sei letztlich nur ein leeres Versprechen und überspiele die Tatsache, dass es den Ministerien im Wesentlichen darum gehe, "den Schulunterricht ohne zusätzliche Schutzvorkehrungen durchzuführen - und lediglich durch das regelmäßige freie Lüften über geöffnete Fenster für eine Reduzierung der möglichen Virenlast im Raum zu sorgen."

Überschätztes Konzept?

Die harsche Kritik wird von einer Ende September veröffentlichten Studie  untermauert. Sie stammt von Forschern am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr in München. Die hatten ein Test-Klassenzimmer nachgebaut und darin gemessen, wie sich unterschiedliche Schutzkonzepte - unter anderem regelmäßiges Lüften, das Tragen von Masken, Trennwände, Raumluftreiniger und verschiedene Kombinationen daraus - auf die Luftqualität auswirken.

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Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Laut KMK sollen Klassenzimmer spätestens alle 45 Minuten für mehrere Minuten quer- oder stoßbelüftet werden, wenn möglich auch öfter. Das sei "sehr kostengünstig und einfach umsetzbar", schreiben die Münchner Forscher. Es sei deshalb nicht verwunderlich, "dass dieses Konzept häufig sehr positiv dargestellt wird".

  • Allerdings stellen die Strömungswissenschaftler fest: Die Möglichkeiten, dass die Virenlast in einem Klassenzimmer durch regelmäßiges Öffnen der Fenster reduziert werden könne, werde "überschätzt". Das Lüften biete "keinerlei Schutz vor einer direkten Infektion". Und sie werfen der Politik indirekt Verantwortungslosigkeit vor: "Infektionen werden bei diesem Konzept billigend in Kauf genommen."

  • Die Forscher empfehlen stattdessen die Installation transparenter Schutzwände in den Klassenzimmern. Sie böten "den bestmöglichen Schutz zwischen benachbarten Personen im Klassenzimmer". Auch störten solche Plexiglaswände "die Arbeitsweise der Schülerinnen und Schüler nicht, die Mimik ist sichtbar und der Raum ist vollständig einsehbar".

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Im Endergebnis empfehlen die Wissenschaftler für einen "weitgehend normalen Unterrichtsbetrieb" eine Kombination aus durchsichtigen Schutzwänden und aus Geräten zur Reinigung der Raumluft. Sie erwähnen allerdings auch, dass die Studie durch einen Hersteller solcher Geräte "finanziell unterstützt" wurde, auch ein Raumluftreiniger wurde demnach zur Verfügung gestellt. Das habe aber "keinerlei Auswirkung auf die dargestellten Ergebnisse", betonen die Autoren der Untersuchung.

Mehr zu den unterschiedlichen Standpunkten in Bezug auf das Lüften in den Schulen lesen Sie hier .

Auf diese Rahmenbedingungen der Münchner Studie geht KMK-Sprecher Torsten Heil in seiner "Klarstellung" nicht ein. Stattdessen betont er, dass die regelmäßig geöffneten Fenster nur einer von mehreren Bausteinen des gesamten Hygienekonzepts seien - und beruft sich auf die von den Kultusministern konsultierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: "Eine möglichst hohe Frischluftzufuhr ist eine der wirksamsten Methoden, potenziell virushaltige Aerosole aus Innenräumen zu entfernen."

Die Fachleute hätten der KMK allerdings auch die Grenzen des Lüftens beschrieben: Eine Kipplüftung sei ungeeignet, ebenso "eine Lüftung nur über die Türen, da so nicht ausreichend Frischluft zugeführt werden kann". Und: Dauerhafter Durchzug sollte vermieden werden. Darüber hinaus könne in Klassenzimmern, die nicht ausreichend über die Fenster belüftet werden können, "der Einsatz mobiler Geräte flankierend und in Einzelfällen sinnvoll sein".

Die Kultusministerkonferenz erarbeitet derzeit gemeinsam mit dem Bundesumweltamt eine Broschüre zum richtigen Lüften, die in den kommenden Tagen vorgestellt werden soll.

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