Chancengleichheit "Wenn ganze Kollegien resigniert haben, läuft nichts mehr"

Während einige Eltern ihre Kinder bestens im Homeschooling betreuen, fehlen anderen die Möglichkeiten dazu. Das verstärkt Chancenungerechtigkeit. Was Schulen da tun können, erklärt Bildungsforscher Stephan Huber.
Interview von Silke Fokken
Schulalltag vor Corona: "Wie weit die Leistungsschere am Ende aufgeht, liegt auch ganz stark an den Schulen"

Schulalltag vor Corona: "Wie weit die Leistungsschere am Ende aufgeht, liegt auch ganz stark an den Schulen"

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Holger Hollemann/ DPA

SPIEGEL: Die Coronakrise verstärke die Chancenungerechtigkeit, weil Kinder in ihren Familien sehr unterschiedlich gefördert werden, heißt es derzeit oft. Ist das der einzige Grund?

Stephan Huber: Es ist richtig, dass der Bildungserfolg generell stark vom Elternhaus abhängt, in diesen Zeiten gilt das umso mehr. Schüler lernen gerade unterschiedlich viel. Wir gehen von einem Schereneffekt aus. Aber wie weit die Schere am Ende aufgeht, liegt nicht nur daran, wie gut die Eltern sich ums Homeschooling kümmern, sondern hängt auch stark von den Schulen ab. Sie können kompensatorisch wirken. Einige sind da derzeit mehr gefordert als andere.

SPIEGEL: Inwiefern?

Huber: Wenn ich in einer Klasse nur einen Schüler habe, dem ich hinterhertelefonieren muss, ist das natürlich einfacher, als wenn ich das bei 20 Schülern tun muss. Aber selbst solche Herausforderungen meistern einige Schulen sehr gut. Die entwickeln Kurierdienste, bringen Schülern Aufgaben nach Hause, halten persönlich Kontakt. Andere haben nicht solche Lösungen.

Zur Person
Foto: PH Zug/ IBB

Stephan Huber leitet das Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie im Kanton Zug in der Schweiz. In der Coronakrise hat er 7100 Lehrkräfte, Eltern und Schüler zu ihren Erfahrungen befragt und für ein "Schul-Barometer" ausgewertet.

SPIEGEL: Wie kommt das?

Huber: Meine These ist: Ein starker Faktor ist das Kollegium. Wenn es hier schon vor der Pandemie eine gute Zusammenarbeit gab, wenn Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und andere sich auch jetzt eng abstimmen, können sie ihre Schüler auch beim Unterricht zu Hause recht gut betreuen. Viel besser jedenfalls, als wenn der eine Kollege so vorgeht und der andere so.

Es geht um gemeinsame Vereinbarungen im Kollegium, im Mindest- und Regelstandards, es muss einen gewissen Teamspirit und, ganz wichtig, außerdem eine starke soziale Komponente in der schulischen Arbeit geben. Dann ist in der Krise weniger Krise, und der Schereneffekt zwischen den Kindern zeigt sich weniger.

SPIEGEL: Das ist erst mal nur eine These. Was spricht dafür?

Huber: Ich habe vor einigen Jahren mehrere britische Schulen in schwachen sozialen Milieus im Rahmen einer OECD-Studie wissenschaftlich begleitet. Alle Schulen hatten zwei Dinge gemeinsam: Die Schüler hatten in landesweiten Leistungstests sehr gut abgeschnitten. Und die Schulen boten den Kindern eine soziale Gemeinschaft, im Sinne von 'Ich weiß, wer du bist, ich interessiere mich für dich als Mensch'. Diese Schulen hatten alle ein Modell, bei dem sich ein bis zwei Lehrer besonders um eine Kleingruppe gekümmert haben, unabhängig vom Klassenverbund.

Homeschooling: Zwei Extremgruppen

Wie klappt das Homeschooling in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Das wollten Bildungsforscher Stephan Huber und sein Team von 7100 Lehrkräften, Schülern und Eltern wissen. Das Ergebnis: Das Lernen zuhause läuft über alle drei Länder hinweg äußerst verschieden ab. Die Forscher machten zwei "Extremgruppen" aus.

31 Prozent der Schüler gaben an, sie würden 25 Stunden und mehr pro Woche für die Schule lernen. Nennen wir sie die "Aktiven". 18 Prozent der Schüler zeigen sich stärker passiv, sie geben an, sie säßen pro Woche weniger als neun Stunden an Aufgaben. Zwischen diesen beiden Extremgruppen stellte Huber auch sonst einige Unterschiede fest. Die "Aktiven" stimmen deutlich öfter den Aussagen zu:

· "Ich lerne jetzt mehr als sonst im Unterricht"

· "Ich lerne über Telefon oder Skype mit meinen Freunden"

· "Mir fällt es leicht, morgens früh aufzustehen"

· "Meine Eltern gehen gut mit der Situation um"

· "Ich habe genug Möglichkeiten am Computer/Laptop/Notebook zu arbeiten"

· "Die Bearbeitung der Aufgaben wird durch die Lehrkräfte kontrolliert".

Schüler, die der Aussage "Ich habe gerade das Gefühl, dass Ferien sind." zustimmen, gehören fünf Mal wahrscheinlicher zu den "Passiven". Das Feriengefühl korreliert auch stark damit, wie häufig Schüler vor dem Bildschirm hängen. Wer 25 Stunden und mehr pro Woche mit Zocken verbringt und/oder vor dem Fernseher sitzt, hat mit einer drei bis vier Mal größeren Wahrscheinlichkeit den Eindruck: 'Ich habe Corona-Ferien'.

SPIEGEL: Wie sieht dieses Modell konkret aus?

Huber: Noch bevor der Unterricht losgeht, trifft sich der Lehrer mit der Kleingruppe. Die kommen gemeinsam an, tauschen sich kurz aus, wie es so läuft. So entsteht eine Beziehung. Dieser Ansatz wird mit einer guten Ganztagsbetreuung kombiniert, inklusive Sport, Kultur, Theater. All das hat streng genommen nichts mit Unterricht zu tun, fördert aber kognitive Fähigkeiten und die Freude am Lernen. Im Fachjargon sprechen wir bei so einer Schule von einem "Edukatop", einem "Bildungslebensraum".

SPIEGEL: Und damit lassen sich schlechtere, häusliche Bedingungen kompensieren?

Huber: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Ich erlebe das auch an Schulen in Deutschland, die viele Kinder mit einem schwachen sozioökonomischen Hintergrund haben. Da leisten einige Kollegien sehr gute Arbeit, und dort gelingt vielen Schülern ein Bildungsaufstieg. Problematisch ist es, wenn ganze Kollegien resigniert haben. Dann wird es besonders schwierig.

SPIEGEL: Woran zeigt sich das?

Huber: Wir begleiten im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungsprojekten in mehreren Bundesländern sogenannte Brennpunktschulen. In der ersten Woche der Interviewstudie vor ein paar Jahren hörten wir einen Satz sehr häufig: 'Gebt uns andere Schüler, dann können wir wieder gut unterrichten.'

Diese Lehrerinnen und Lehrer haben sich über die Schulträger wegen der stinkenden Toiletten geärgert, über die Schulaufsicht aufgrund der schlechten Personalausstattung, über die Eltern, weil sie nicht zum Elternabend kommen - und eben über die Kinder, die ein schwieriges Verhalten und schwache Leistungen zeigen.

SPIEGEL: Da scheint es wenige Perspektiven zu geben.

Huber: Wenn sich so eine Haltung mal in einem Kollegium verfestigt hat, entsteht ein Teufelskreis. Zwischen Schülern und Lehrkräften wird die Distanz immer größer, die Stimmung an der Schule immer schlechter, und damit geht es auch mit der Motivation und Leistung aller bergab.

SPIEGEL: Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Huber: Man braucht zum Beispiel Hilfe von der Schulaufsicht und dem Schulträger, um schnelle, positive Entwicklungen umzusetzen, die signalisieren: Wir kümmern uns. Wenn wirklich die uralten, stinkenden Toiletten endlich saniert werden, gibt es ein gutes Signal. Zudem benötigen so stark belastete Schulen mehr Unterstützung und Ressourcen, auch personelle.

SPIEGEL: Auf neue Toiletten warten viele Schulen in Deutschland aber schon lange.

Huber: In der Tat. Wenn es um absurde Begebenheiten zum Thema Sanierungsstau an Schulen geht, könnte ich Ihnen eine Stunde lang Anekdoten erzählen. Da war zum Beispiel diese Schule, die neue Computer bekommen hat, aber keinen Internetanschluss. Zwei Jahre später wurden die PCs wieder abgeholt, eine Woche darauf kam der Internetanschluss.

SPIEGEL: Kein Wunder, dass mancher Frust schiebt.

Huber: Deshalb muss sich hier dringend etwas ändern. Einige Schulen brauchen mehr Ressourcen. Die personelle Ausstattung an Brennpunktschulen ist oft zu niedrig. Und wenn dann noch der Krankheitsstand hoch ist, ist das eine enorme Belastung, und trotz intensiver Vertretungen fällt dann auch Unterricht aus. Viele stoßen an Belastungsgrenzen. Deshalb schlage ich ein Frühwarnsystem vor, wenn bestimmte, belastende Indikatoren zusammenkommen. Dort muss dann schnell geholfen werden.

SPIEGEL: So ein System gibt es noch nicht. Wie lässt sich kurzfristig helfen?

Huber: Mit guten Schulaufsichten und Schulleitungen. Die sind natürlich keine Supermänner oder -frauen, die es allein schaffen, das funktioniert nicht. Aber gemeinsam und miteinander abgestimmt kann es gelingen. Schulleitungen müssen ein gutes, pädagogisches Gespür haben, Netzwerker sein, demokratische Strukturen etablieren, Kooperation fördern, kurzum: Die Leute mitziehen. Unterstützt von Schulträger und Kommune sowie Bildungs- und Sozialpolitik lässt sich auch in Schulen in besonders herausfordernden Lagen die Qualität verbessern.