Schule im Corona-Modus Kultusminister setzen weiterhin auf Alleingänge der Länder

Die Kultusminister bleiben ihrer Linie treu: Einig sind sie nur darin, dass die Schulen regional auf die Coronakrise reagieren sollen. Baden-Württemberg kündigt eine Maskenpflicht im Unterricht an.
Schülerinnen im Unterricht in Mainz (Archivbild)

Schülerinnen im Unterricht in Mainz (Archivbild)

Foto: Andreas Arnold / DPA

Am Donnerstag hatten sich die Mitglieder der Kultusministerkonferenz (KMK) noch gegenseitig auf die Schultern geklopft: Über einen "historischen Tag" jubelten parteiübergreifend unter anderem KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) und Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Grund für das Selbstlob: die Verabredung zu einer engeren Zusammenarbeit von der Grundschule bis zum Abitur - wobei noch längst nicht geklärt ist, ob die Pläne tatsächlich zu mehr Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern führen.

Doch die große Einigkeit der Ministerinnen und Minister hielt nur ein paar Stunden. Am Freitag, als es in der KMK um den weiteren Umgang mit der Coronakrise ging, zogen sich die Verantwortlichen wieder auf die schon bekannten, eher vagen Gemeinsamkeiten zurück. Das Recht auf Bildung habe "absolute Priorität", sagte etwa Stefanie Hubig nach der Sitzung. Und: "Lüften bleibt das A und O."

Hygienemaßnahmen, Abstandsgebote - alles das bleibe bestehen, müsse aber letztlich regional entschieden werden. Im Übrigen sei man sich einig, dass eine Verlängerung der Weihnachtsferien nicht angestrebt werde - und dass es Ende kommender Woche ein neues virtuelles KMK-Treffen geben solle.

Keine halbe Stunde zuvor hatte Susanne Eisenmann deutlich gemacht, wie wenig die in der KMK beschworene Gemeinsamkeit im Tagesgeschäft zählt. Sie kündigte an, dass Baden-Württemberg ab kommender Woche die Maskenpflicht auf den Unterricht ausweiten werde - ähnlich wie das in Bayern und ab Montag auch in Schleswig-Holstein gilt. "Die Erweiterung der Maskenpflicht ab Klasse 5 auf den Unterricht gilt ab einer landesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von über 35", teilte eine Sprecherin des Kultusministeriums mit. "Wir werden heute die Schulen darüber informieren, dass dies dann ab kommenden Montag zu beachten ist." Kurz darauf zog auch Hamburg nach: Oberstufen- und Berufsschülerinnen und -schüler müssen ab Montag ebenfalls im Unterricht Mund-Nasen-Schutz tragen, auch das Lüften alle 20 Minuten wird Pflicht, teilte der Senat am Freitag mit.

"Pseudodiskussionen"

Eine vergleichbare Verschärfung der Regeln fordert auch der nordrhein-westfälische Lehrerverband. "Es gibt ein probates Mittel, um einen verlässlichen Schulunterricht in den kommenden sechs Monaten anzubieten: die Maske", sagte Verbandspräsident Andreas Bartsch der "Rheinischen Post". Bartsch plädierte zugleich dafür, derzeitige "Pseudodiskussionen" über die Aufrechterhaltung des Unterrichts während der zweiten Corona-Welle zu beenden.

"Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste die Wärmflasche fordert", kritisierte Bartsch mit Blick auf die Debatten über Corona-Vorkehrungen an den Schulen im bevorstehenden Winter. "Tipps, dass sich die Schüler mit Pullover, Schal und Decke bei geöffneten Fenstern in den Unterricht setzen, gab es ja schon." So hatte unter anderem die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, mit der Aussage provoziert, dass im Unterricht dauerhaft Winterkleidung getragen werden müsse.

Doch diese Provokation verpuffte - oder wurde nicht erkannt: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erklärte am Donnerstag in einem WDR-Interview ohne erkennbare Ironie: "Wenn wir mithilfe einer zusätzlichen Jacke, vielleicht noch einem zusätzlichen Schal für den Unterricht durch die Pandemie und durch den Winter kommen, wäre das schon recht gut."

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Die Opposition im Düsseldorfer Landtag nahm die Vorlage dankbar auf. "Was macht Yvonne Gebauer eigentlich beruflich?", ätzte der Grünen-Landesvorsitzende Felix Banaszak.

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Und die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion, Sarah Philipp, mutmaßte, als Nächstes werde Gebauer wohl "warme Milch mit Honig" empfehlen, um den Unterricht durchzustehen.

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Bei den Kultusministerinnen und -ministern, das machte Stefanie Hubig nach der KMK-Sitzung deutlich, ist die Sicht auf die aktuelle Situation allerdings eine andere. Schulen seien nicht der Treiber der Pandemie, "die Infektionen werden oftmals in die Schulen hineingetragen", sagt die KMK-Präsidentin.

Welche Rolle spielen Schulen?

Doch genau über diesen Punkt gibt es unter Fachleuten durchaus unterschiedliche Ansichten. So hatte das Robert Koch-Institut (RKI) in einem Strategiepapier am Dienstag erklärt , "dass Bildungseinrichtungen einer der Orte sind, die eine Rolle im Infektionsgeschehen haben" - auch wenn es dazu bisher teils unterschiedliche Erkenntnisse gebe.

Laut einer am Freitag veröffentlichten Datenabfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND)  bei den Kultusministerien konnten bis zum Start der Herbstferien durchschnittlich 98 Prozent aller Schülerinnen und Schüler am Präsenzunterricht teilnehmen. "Wir haben die Beobachtung gemacht, dass es kein verstärktes oder im Vergleich zur übrigen Gesellschaft erhöhtes Infektionsgeschehen an Schulen oder Kitas gibt", sagte die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) dem RND.

Dem gegenüber steht ein Lagebericht des Gesundheitsamts NRW zur letzten Septemberwoche. Demnach ließen sich zuletzt zwar viele Fälle nicht mehr zurückverfolgen, bei neun Prozent endete die Infektionskette aber in einer Schule, bei zwei Prozent in einer Kita. Den größten Teil machten mit 35 Prozent wiederum Rückverfolgungen in private Haushalte aus.

Aus einer gerade veröffentlichten Untersuchung des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA)  zum Infektionsgeschehen nach den Sommerferien wiederum geht hervor, dass die Zahl der Infektionen in der Altersgruppe der schulpflichtigen Kinder und ihrer Eltern nach dem Schulbeginn zurückging. Wegen des zeitversetzten Ferienendes in den Bundesländern habe sich der Effekt gut beobachten lassen, so das Forscherteam.

Allerdings ließe sich die Lage nach den Sommerferien nicht als uneingeschränktes Plädoyer für geöffnete Schulen verallgemeinern, sagen die Forscher. Sie raten dazu, sorgfältig abzuwägen, statt Schulen reflexartig zu schließen.

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Elternschaft gespalten

Ganz ähnlich stellt auch das RKI in seinem Strategiepapier klar: Auch wenn die Rolle der Schulen im Infektionsgeschehen noch nicht aufgeklärt sei, sei es wichtig, die Schulen weiter offen zu halten - im Sinne der Entwicklung und Bildung der Kinder und Jugendlichen und der Betreuungssituation für die Eltern.

In der Elternschaft ist der Umgang mit der Pandemie aber ebenso heterogen wie die Einschätzung zur Rolle der Schulen. Während der Bundeselternrat fordert, an den Schulen zu kleineren Lerngruppen zurückzukehren und einen Teil der Schülerinnen und Schüler aus der Distanz zu unterrichten, widerspricht die Interessenvereinigung "Familien in der Krise" vehement. Bevor die Aufrechterhaltung von Bildung und Betreuung infrage gestellt werde, müssten andere Bereiche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, wenn nötig, stark eingeschränkt werden.

mit Material von dpa
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