Corona-Leugner in der Lehrerschaft Wie Schüler alleingelassen werden

Weigern sich Lehrer, Maske zu tragen, sind Schüler oft hilflos. Es mangelt an Unterstützung im Kollegium, die Schulaufsicht weiß oft nicht Bescheid. Manche Schüler wenden sich stattdessen an die Medien – oder sogar an die Polizei.
Streitgegenstand: Mund-Nasen-Schutz im Unterricht (Symbolfoto)

Streitgegenstand: Mund-Nasen-Schutz im Unterricht (Symbolfoto)

Foto: Matthias Balk / dpa

In der großen Pause am Vormittag des 14. Oktober eskalierte die Situation: Ein Schüler der Waldorfschule Markgräflerland im baden-württembergischen Müllheim rief die Polizei, »um Klarheit in diesem Sachverhalt zu schaffen«, so schildert es später die Schülermitverwaltung in einem offenen Brief an die Schulgemeinschaft. Der Sachverhalt demnach: Seit Monaten weigere sich ein kleiner Teil des Lehrerkollegiums, Maske zu tragen – und zwar offenbar nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus Überzeugung, schreibt die Schülermitverwaltung.

Trotz Gesprächen änderte sich demnach nichts, »und so breitete sich ein Gefühl von Missmut in uns aus«. Schließlich habe ein Zwölftklässler angekündigt, die örtlichen Behörden zu verständigen, woraufhin eine der Maske-verweigernden Lehrerinnen ihn »in überheblichem, ironischem Tonfall« aufgefordert habe, das zu tun. Die Polizei kam und informierte wiederum die zuständige Bußgeldbehörde. Der Vorstand der Schule teilte dem SPIEGEL auf Nachfrage mit, das zunächst vorgelegte Eigenattest der Lehrerin habe nicht ausgereicht, »ein ärztliches Attest konnte aber nachgereicht werden und hat den Sachverhalt bestätigt«.

Lehrkräfte mit Häkelmasken

Das Grundproblem blieb aber offenbar. Ein Insider berichtet von Lehrkräften mit Häkelmasken und dass sich etwa ein Viertel des Kollegiums der Maskenpflicht entziehe. Der Schulvorstand erklärt, neun von 72 Kollegen seien wegen eines Attests von der Maskenpflicht befreit, »darunter sind vor allem KollegInnen mit kleinem Pensum und aus der Verwaltung«. Die Atteste lägen vor und seien geprüft worden, »die medizinische Plausibilität zu verifizieren, steht aber außerhalb unserer Kompetenz. Wir gehen davon aus, dass sich approbierte ÄrztInnen Ihrer Verantwortung bewusst sind.« Nähere Angaben zu den Attesten machte die Schule aus Datenschutzgründen nicht.

Bei der staatlichen Schulaufsicht ist der Fall noch nicht bekannt. »Unsere Schulabteilung wird dazu nun eine Stellungnahme der Schulleitung anfordern«, teilte das zuständige Regierungspräsidium Freiburg auf Anfrage mit. Gegebenenfalls werde dann die Rechtmäßigkeit der ärztlichen Atteste überprüft.

Aus dem Attest müsse im Regelfall hervorgehen, auf welcher Grundlage der Arzt zu seiner Einschätzung gelangt sei, schildert die niedersächsische Landesschulbehörde den Ablauf einer solchen Prüfung exemplarisch. Mögliche Beeinträchtigungen durch die Maske und relevante Vorerkrankungen müssten konkret benannt werden.

»Es kommt hin und wieder vor, dass sich Schulleitungen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit von vorgelegten Attesten von uns beraten lassen«, teilte die Behörde weiter mit. Das Thema Maskenverweigerung sei jedoch kein flächendeckendes Problem.

Lauter Einzelfälle

Es gehe, wenn überhaupt, um Einzelfälle, teilten auch die anderen Kultusministerien der Länder auf Anfrage mit. Aus Baden-Württemberg hieß es, an Waldorfschulen seien ihnen »jüngst wenige Fälle bekannt geworden«, die zurzeit von den zuständigen Dienstaufsichtsbehörden überprüft würden. Und auch an staatlichen Schulen »gibt es einzelne Fälle unter den Lehrkräften«. 

Auch wenn sich die Vorwürfe in Müllheim vorerst nicht abschließend klären lassen, zeigen der Ruf nach der Polizei und der offene Brief: Schülerinnen und Schüler sind weitgehend auf sich allein gestellt, wenn sie sich für die Maskenpflicht und damit für ihr Recht auf Bildung einsetzen.

So schreibt die Schülermitverwaltung, »natürlich wendeten wir uns auch an andere Lehrer in der Hoffnung, das Thema würde in der Lehrerkonferenz zur Sprache kommen, sodass man zu einer Lösung hätte finden können. Es änderte sich jedoch nichts am Verhalten besagter Lehrkräfte«.

Schüler unter Druck gesetzt

Der Schüler wiederum, der die Polizei gerufen habe, sei aus dem Unterricht zitiert und vom Geschäftsführer und zwei Mitgliedern aus dem Verwaltungsrat unter Druck gesetzt worden. Ihm sei wegen »Verrat und Vertrauensbruch« mit dem Schulausschluss gedroht worden, heißt es in dem offenen Brief. 

Der Druck kam damit von Personen, die in Teilen auch für die Aufklärung der Vorwürfe zuständig sind. Denn bei nicht staatlichen Schulen liegt die Schulaufsicht in der Regel beim Träger, das ist bei den Waldorfschulen meist ein Verein mit Mitgliedern aus der Eltern- und Lehrerschaft, die sich in unterschiedlichen Gremien wie Verwaltungsrat, Vorstand oder Schulforum selbst verwalten.

Der Vorstand teilte dem SPIEGEL mit, die Schule »besitzt wie alle anderen Schulen ein umfassendes Hygienekonzept«, die Lehrkräfte, die von der Maskenpflicht befreit seien, »unterrichten mit Abstand in gesonderten Räumen und sind an ihre sogenannten Kohorten gebunden«. Im offenen Brief der Schülermitverwaltung stellt sich das anders dar. Die Schüler fordern diese Lehrkräfte auf, »den vom Gesetz vorgegebenen Mindestabstand einzuhalten oder Homeschooling zu betreiben«.

Erst wenn sich Konflikte vor Ort nicht klären ließen, werde die nächste Ebene eingeschaltet, erklärt der Sprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS), Henning Kullak-Ublick. Also zunächst die jeweilige Landesarbeitsgemeinschaft und dann der BdFWS, bei dem es auch eine Beschwerdestelle gebe. Ihm sei der Müllheimer Fall bisher nicht bekannt gewesen.

Die staatliche Fachaufsicht wiederum kann sich nur einschalten, wenn sie von den Problemen erfährt, was hier bisher ebenfalls nicht gegeben war. Das kann an staatlichen Schulen genauso zum Problem werden, wie ein Fall aus Berlin zeigt.

Hilferuf an die Medien

Mitte November wurde durch einen Bericht des RBB bekannt , dass ein Berufsschullehrer Schülern im Unterricht gesagt haben soll, dass sie ihre Masken nicht tragen müssten. Auf seinem YouTube-Kanal sprach der Mann demnach von einer »Zensur der Meinungsfreiheit« und bezeichnete Masken als »modernes Hakenkreuz«.

»Wir dulden nicht, dass Hygienemaßnahmen an Schulen unterlaufen werden«, erklärte ein Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung daraufhin. Zu Personalangelegenheiten könne sich die Behörde grundsätzlich nicht äußern. Wenn die Senatsverwaltung aber von »problematischen Fällen Kenntnis erlangt, lässt sie das dienstrechtlich prüfen«.

Bis das Problem bei der Behörde ankam, dauerte es allerdings. Der RBB berichtete , dass der Lehrer seine Schülerinnen und Schüler bereits seit dem ersten Shutdown im Frühjahr indoktriniere. Doch Beschwerden der Schüler, auch bei anderen Lehrern, blieben demnach lange folgenlos. Erst im August soll der Schulleiter die Vorwürfe dem Bericht zufolge an die Schulaufsicht weitergegeben haben. Es soll Gespräche gegeben haben, doch der Lehrer unterrichtete weiter. Schließlich drohten die Schüler mit Streik und suchten über den RBB die Öffentlichkeit. Ein langjähriger Kollege räumte laut dem Sender ein, sie hätten die Schüler in gewisser Weise »in die Notsituation gebracht, dass sie sich sozusagen nach außen wenden mussten, um Gehör zu finden«.

»Gesamtgesellschaftlich aufgeladene Stimmung«

Wie groß das Problem an Schulen also tatsächlich ist, lässt sich schwer einschätzen, wenn Verstöße gegen die Corona-Schutzverordnung die Kulturministerien erst später oder gar nicht erreichen.  

Kullak-Ublick vom Bund der Freien Waldorfschulen sagt, es gebe an vielen Waldorfschulen Konflikte wegen der Maskenpflicht. »Die gesamtgesellschaftlich aufgeladene Stimmung in der Coronakrise macht auch vor den Toren der Waldorfschulen nicht halt.« Der Verein bezieht auf seiner Website deutlich Stellung gegen Corona-Leugner und Verschwörungsideologien  und stellt klar, dass auch Schulen in freier Trägerschaft »dem Gesundheitsschutz dienenden Maßnahmen Folge zu leisten« hätten. »Ich musste in einigen Fällen, auch auf Wunsch der Schule, scharf intervenieren und werde das auch weiter tun«, sagt Kullak-Ublick.

Allerdings sei es berechtigt, Maßnahmen wie etwa den Einsatz von Masken in den Grundschulklassen auf ihren Sinn abzuklopfen und  wissenschaftliche Belege zu fordern, so Kullak-Ublick. Bei Waldorfschulen komme als zusätzliches Konfliktpotenzial bei den Einschränkungen hinzu, dass der Freiheitsbegriff in der Pädagogik so zentral sei.

»Erziehung zur Freiheit – Gesicht zeigen«: Maskengegner an der Waldorfschule in Müllheim instrumentalisieren den pädagogischen Leitgedanken

»Erziehung zur Freiheit – Gesicht zeigen«: Maskengegner an der Waldorfschule in Müllheim instrumentalisieren den pädagogischen Leitgedanken

Foto: Aus einem Gruppenchat

»Erziehung zur Freiheit«

In Müllheim zeigte sich das vor dem Schulgebäude, nur einen Tag nachdem der Schüler die Polizei gerufen hatte. Maskengegner schrieben mit Kreide »Erziehung zur Freiheit – Gesicht zeigen« auf den Boden. Das dokumentieren Bilder aus einem Gruppenchat. Kullak-Ublick sagt, hier werde das Freiheitsideal instrumentalisiert. Am 9. November hing an der Schule ein Schild mit der Forderung »Maskenfrei« im Baum.

Doch mit Blick auf die Pädagogik ist auch der umgekehrte Schluss denkbar, wie eine diplomatisch formulierte Mail eines Elternpaares zeigt, die dem SPIEGEL ebenfalls vorliegt. Darin loben die Eltern den Mut der Schüler, mutmaßliche Maskenverweigerung nicht einfach hinzunehmen. »Vielleicht gebührt ja auch der Waldorfschule ein Teil des Lobes: dafür, die Schüler zu dieser Zivilcourage mit erzogen zu haben«, heißt es da.

Und weiter: »Sie als Verwaltungsrat, aber auch die Lehrerschaft, sind hoffentlich stolz darauf, dass eine Klasse sich so für das Gemeinwohl engagiert. Und sich nicht dem Druck der Administration beugt.« Daraus sollten sich keine Nachteile für die Schüler ergeben, so die ausdrückliche Forderung. Vom Verwaltungsrat und der Lehrerschaft verlangten sie, eine Vorbildfunktion für die Schüler und eine starke Unterstützung der gesellschaftlichen Anstrengungen im Kampf gegen Corona zu übernehmen.

Mit Material von AFP
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