OECD-Umfrage zu Schulschließungen »Präsenzunterricht in den ersten Schuljahren lässt sich nicht ersetzen«

Deutschlands Schulen kommen nach einer aktuellen OECD-Umfrage einigermaßen gut durch die Pandemie. Nachholbedarf gibt es bei der Digitalisierung – und in der Kommunikation mit den Eltern.
Grundschülerinnen und Grundschüler in Freiburg (Symbolbild)

Grundschülerinnen und Grundschüler in Freiburg (Symbolbild)

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa

Ob und wie lange Schulen schließen, sagt nichts über das tatsächliche Pandemiegeschehen in einem Land aus. Das hat eine Umfrage der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den 37 Mitgliedstaaten ergeben.

»Da gibt es keinerlei Zusammenhang«, sagt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher am Mittwoch bei der Vorstellung der Ergebnisse. Es komme vor allem auf die Qualität des Bildungssystems an.

Schleicher und seine Kollegen verglichen dabei, wie die OECD-Mitgliedsstaaten zuletzt in den Pisa-Tests abschnitten. Länder, die im Pisa-Ranking vorn lagen, seien bisher besser durch die Pandemie gekommen, bilanziert Schleicher.

Deutschland konnte Schulschließungen begrenzen

Im internationalen Vergleich blieben die deutschen Schulen verhältnismäßig lange geöffnet – wobei die OECD-Statistiker punktuelle regionale Schließungen nicht betrachtet haben. Costa Rica liegt mit Abstand am Ende der Rangliste.

Fast alle Länder räumten dabei Grundschulen und Vorschulen Vorrang ein. »Wir haben sehr deutlich gesehen, dass sich Präsenzunterricht in den ersten Schuljahren nicht ersetzen lässt«, sagt OECD-Direktor Andreas Schleicher. Das sei eine der wichtigsten Erkenntnisse nach mehr als einem Jahr mit Corona.

Doch auch hierzulande habe »keine Gruppe so sehr unter den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie gelitten wie die Schülerinnen und Schüler«, sagt Schleicher. Denn entscheidend sei nicht allein die Frage, ob die Schulen geöffnet oder geschlossen seien – sondern welche Lernalternativen es gebe.

Bei Digitalisierung »rund zehn Jahre zu spät dran«

In Sachen Digitalisierung sei Deutschland von der Pandemie kalt erwischt worden. »Da waren wir rund zehn Jahre zu spät dran«, sagt Schleicher. Es sei nicht klug gewesen, sich vor allem auf Onlinelösungen zu verlassen, wenn der Präsenzunterricht nicht stattfinden könne. »Die Herausforderungen an die Technik, aber auch an die Lehrkräfte sind dort sehr groß.«

Spanien etwa habe deutlich kreativere Lösungen gefunden. Die Schülerinnen und Schüler dort lernten nicht nur online, sondern auch mithilfe von Fernsehen und Radio. Einige Länder hätten auch das Handynetz genutzt, um Kinder mit Lernmaterialien zu versorgen. »Da kann Deutschland noch dazulernen.«

Dazu passen auch Zahlen, die das Münchner ifo-Institut kürzlich erhoben hat: Im ersten Shutdown bekamen demnach nur sechs Prozent der Kinder täglich Onlineunterricht. Rund die Hälfte der Kinder hätten diese Möglichkeit seltener als einmal pro Woche erhalten, sagt ifo-Bildungsökonom Ludger Wößmann.

Hybridunterricht besser im täglichen Wechsel

Aus der OECD-Umfrage ließen sich noch weitere Erkenntnisse zum Unterricht unter Pandemiebedingungen ableiten, sagt Bildungsforscher Andreas Schleicher. So hätten Lehrkräfte in zwei Dritteln der Mitgliedstaaten Vorrang bei den Impfungen.

Außerdem habe sich herausgestellt, dass beim Hybridunterricht – wenn Kinder abwechselnd in der Schule und zu Hause lernen – tägliche Wechsel am sinnvollsten seien, statt wochen- oder monatsweise im Heimunterricht verweilen zu müssen.

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Erfreulich sei, dass Lehrkräfte, Eltern und Schülern in der Pandemie in vielen OECD-Ländern näher zusammengerückt seien. »Es findet mehr Austausch statt.« In Deutschland ließ sich das allerdings nicht beobachten. Es müsse hierfür mehr systemische Anreize geben, sagt Schleicher. In Deutschland sei die Elternarbeit jeder Schule selbst überlassen.

Dabei sei es »entscheidend für die Chancengerechtigkeit«, dass alle Kinder »auch bei Schulschließungen immer einen verlässlichen und täglichen Ansprechpartner in der Schule haben und dass es viele und regelmäßige Kommunikationskanäle gibt, mit denen Schulen alle Eltern erreichen. Da hat Deutschland noch einiges zu lernen.«

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