Coronapandemie Warum ein Statistiker für Schulöffnungen plädiert

Millionen Kinder sitzen zu Hause, weil Schulschließungen das Infektionsgeschehen eindämmen sollen. Ein Münchner Forscher sagt dagegen, Präsenzunterricht helfe im Kampf gegen Corona. Wie meint er das?
Ein Interview von Silke Fokken
Schülerinnen und Schüler in Bayern

Schülerinnen und Schüler in Bayern

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Sven Hoppe/ DPA

Sie ist wohl eine der umstrittensten Maßnahmen in der Coronapandemie: die Schulschließung. Während die eine Seite vor allem vor den »Kollateralschäden« für Kinder und Jugendliche warnt, beharrt die Gegenseite auf der Notwendigkeit des Shutdowns. Schulschließungen könnten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, das Infektionsgeschehen einzudämmen, argumentiert diese Seite, weil damit Klassenräume und Pausenhöfe als mögliche Ansteckungsherde wegfielen.

Es gibt mehrere Studien zu Schulschließungen, die nahelegen, dass sie tatsächlich helfen, Infektionszahlen zu reduzieren. Die Aussagekraft der Studien ist allerdings oft begrenzt, weil in der Regel verschiedene Anti-Corona-Maßnahmen zusammenwirken und nicht immer klar ist, welche Mechanismen tatsächlich greifen.

So kam ein Forscherteam aus Wien im vergangenen Sommer zu dem Schluss, Schulschließungen seien »äußerst wirksam«. Es könne sich dabei allerdings auch um andere Effekte handeln als Ansteckungen in Schulen selbst, berichteten die Wissenschaftler im SPIEGEL. Positiv habe sich möglicherweise auch ausgewirkt, dass wegen des Homeschoolings mehr Eltern zu Hause waren und weniger Gelegenheit hatten, sich unterwegs oder bei der Arbeit anzustecken.

Aufsehen erregt aktuell eine Untersuchung von Göran Kauermann, Statistikprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, dessen Ergebnisse in eine andere Richtung weisen. Die Studie legt bei der Bekämpfung der Pandemie positive Effekte von Schulöffnungen nahe – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

SPIEGEL: Herr Kauermann, was war der Anlass für die Studie in diesem Frühjahr?

Göran Kauermann: Wir haben nach den Osterferien in Bayern festgestellt, dass Bedingungen für ein natürliches Experiment vorliegen. Die Kinder waren zwei Wochen nicht in der Schule. In rund einem Viertel der Landkreise sind sie im Wechselmodell zurückgekehrt, in rund drei Vierteln der Landkreise galt aufgrund der lokal sehr hohen Fallzahlen mit Ausnahme der Abschlussklassen Distanzunterricht. Damit hatten wir automatisch mehrere »Kontrollgruppen«.

SPIEGEL: Was wollten Sie herausfinden?

Kauermann: Wir haben untersucht, wie sich die Infektionszahlen entwickeln. Dabei haben wir festgestellt, dass in den Kreisen mit den geöffneten Schulen deutlich mehr Coronainfektionen bei Kindern und Jugendlichen festgestellt wurden als in der Zeit der Osterferien. Bei den 5- bis 11-Jährigen war die Zahl der Infektionen im Mittel viermal so hoch, bei den 12- bis 20-Jährigen zweimal so hoch. Im Vergleich zu den Landkreisen mit geschlossenen Schulen waren die Inzidenzen ebenfalls etwas höher.

ZUR PERSON
Foto: Marcel Zehetner

Göran Kauermann ist Professor am Institut für Mathematik, Informatik und Statistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München

SPIEGEL: Wenn die Schulen offen sind, werden also mehr Coronafälle unter Kindern und Jugendlichen festgestellt. Da liegt die Vermutung nahe, Schülerinnen und Schüler würden sich vermehrt im Klassenraum anstecken.

Kauermann: Nein, denn die Schüler können sich bei unserem Datenabgleich aufgrund der Inkubationszeit nicht in der Schule infiziert haben, sondern müssen sich während der Ferien, irgendwo im privaten Bereich, angesteckt haben. Das ist der erste wichtige Punkt der Untersuchung. Der zweite wichtige Punkt ist: Mit den Schulöffnungen wurden die Schüler in Bayern erstmals umfangreich getestet. So konnten vergleichsweise viele Infizierte entdeckt und »rausgefiltert« werden.

SPIEGEL: Vereinfacht gesagt, heißt das: Schülerinnen und Schüler stecken sich in der Schule nicht zwingend öfter an als zu Hause, aber eine Corona-Infektion wird mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit festgestellt.

Kauermann: Genau, das ist für mich das zentrale Ergebnis unserer Untersuchungen. Die Selbsttests an den Schulen können die Dunkelziffer bei den Kindern und Jugendlichen, die infiziert sind, aber keine Covid-19-Symptome haben und deshalb trotzdem in die Schule kommen, erheblich reduzieren. Wir finden mehr Fälle.

SPIEGEL: Weil mehr getestet wird. Das ist eigentlich nicht überraschend, oder?

Kauermann: Nein, aber wir konnten diesen Zusammenhang erstmals quantifizieren. Ich selbst war überrascht, dass er so bedeutsam ist.

SPIEGEL: Die Selbsttests sind an Bayerns Schulen zweimal wöchentlich verpflichtend, gelten aber nicht als hundertprozentig sicher. Wie tragfähig sind Ihre Ergebnisse?

Kauermann: Wer in der Schule ein positives Testergebnis hat, macht noch mal einen sehr zuverlässigen PCR-Test. Wir haben nur die Ergebnisse der PCR-Tests betrachtet.

»Das Entscheidende ist, dass die Schulöffnungen mit verpflichtenden und mehrmaligen Tests einhergehen.«

SPIEGEL: Einige Medien haben aus Ihrer Studie weitreichende Schlussfolgerungen gezogen. Eine Schlagzeile lautete: »Warum der Lockdown falsch für unsere Kinder ist. Offene Schulen sind besser als geschlossene«. Stimmt das?

Kauermann: Zum Teil. Die Studie legt nicht nahe, dass nun alle Bundesländer sofort ihre Schulen für alle Schüler öffnen und auf Maskenpflicht, Mindestabstand und sonstige Hygienekonzepte verzichten. Natürlich können sich Kinder in der Schule anstecken wie überall sonst auch, die Schulen sind aber, so wie es schon oft gesagt wurde, nicht die Treiber der Pandemie.

SPIEGEL: Aber die Infektionszahlen sind doch gerade unter Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen, was Wissenschaftler auch darauf zurückführen, dass sie sich eher mit der britischen Mutante infizieren. Werden Schulen da nicht zu Infektionsherden?

Kauermann: Aus statistischer Sicht gibt es keine Hinweise darauf, dass Kinder und Jugendliche sich vorrangig in den Schulen anstecken und Präsenzunterricht das Pandemiegeschehen maßgeblich beschleunigt. Wir haben in den vergangenen Monaten etliche Daten ausgewertet. Dabei konnten wir nicht feststellen, dass es in größerem Maße Corona-Ausbrüche an Schulen mit vielen Infizierten gegeben hätte. Andere Studien, auch international kommen zu demselben Schluss. Außerdem sind die Zahlen der vergangenen Wochen nur schwer mit denen etwa aus dem vergangenen Jahr zu vergleichen.

SPIEGEL: Warum?

Kauermann: Derzeit stecken sich mehr Jüngere an, aber weniger Ältere, weil die oft schon geimpft sind. Aber gerade wegen der hohen Infektionsraten in den jüngeren Altersgruppen würde ich jedoch empfehlen, die Schulen zu öffnen.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Kauermann: Das Entscheidende ist, dass die Schulöffnungen mit verpflichtenden und mehrmaligen Tests einhergehen. Die Schulen werden sozusagen zum Testzentrum. Für eine recht große Bevölkerungsgruppe erfolgt eine umfangreiche Reihentestung. So lassen sich viele symptomlose Infizierte finden, die in Quarantäne gehen, statt andere anzustecken. Ist ein Kind positiv getestet, machen in der Regel weitere Familienmitglieder einen Test. So findet man immer mehr Fälle, und das dürfte das Infektionsgeschehen insgesamt eindämmen.

SPIEGEL: Nach dieser Logik müssten die Infektionszahlen bei geöffneten Schulen und regelmäßigen Tests mittelfristig sinken. Geben Ihre Daten das her?

Kauermann: Durch die bundesweite »Notbremse« sind die Rahmenbedingungen inzwischen wieder geändert. Insofern ist es schwierig, dies aktuell aus den Daten zu sehen.

SPIEGEL: Kann es sein, dass Sie Vater sind und Ihre Kinder gern wieder in der Schule sehen würden?

Kauermann: Ich habe tatsächlich zwei Söhne, aber die sind 14 und 16 Jahre alt und kommen im Distanzunterricht im Grunde ganz gut klar. Viele andere Kinder sind sicher schlechter gestellt und leiden unter den Schulschließungen. Aber dazu kann ich als Statistiker nichts sagen.

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