Verlängertes Distanzlernen »Alles ein großes Chaos«

Server brechen zusammen, Unterricht fällt aus, die Abschlussprüfungen nahen: Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerschaft, spricht im Interview über frustrierte Abiturienten und Forderungen an die Politik.
Schülerin lernt zu Hause (Archivbild)

Schülerin lernt zu Hause (Archivbild)

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

SPIEGEL: Herr Schramm, was halten Sie vom Distanzunterricht?

Dario Schramm: Ich weigere mich, das als Unterricht zu bezeichnen. Da werden doch eigentlich nur Materialien herausgegeben. Oft ist Distanzunterricht schon technisch unmöglich, Lernplattformen brechen immer wieder zusammen, weil zu viele Schülerinnen und Schüler gleichzeitig damit arbeiten wollen. Mir schreiben Schüler, die morgens um 6 Uhr aufstehen, weil sie hoffen, auf den Server zugreifen zu können. Selbst um diese Uhrzeit funktioniert das nicht immer. Ich bekomme dann Screenshots mit dem Satz: »Hier ist leider etwas schiefgelaufen.«

SPIEGEL: Warum gibt es solche Probleme immer noch?

Schramm: Wir sind Weltmeister darin, Probleme zu erkennen, aber ganz schlecht darin, sie zu lösen. Ob es Cloud-Systeme sind oder die Art und Weise, wie man lüftet. All das war abzusehen. Aber es wurde sich nicht darum gekümmert. Und jetzt spüren wir die Konsequenzen.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Ministerien nicht so weit vorausgedacht haben?

Schramm: Den Kultusministerinnen und -ministern fehlt der Mut. Sie denken nur an die nächste Woche, nicht aber an den nächsten Monat.

SPIEGEL: Wie groß ist denn der Frust unter den Schülerinnen?

Schramm: Der Frust ist riesig. Seit Beginn der Pandemie bekommen wir täglich Nachrichten von frustrierten Schülern. Eine Abiturientin etwa hatte große Angst, sich während der Prüfungen anzustecken und ihre herzkranke Mutter zu infizieren. Sie hat ihr Abi geschafft, aber für sie war es ein riesiger Kraftakt. Nach den Sommerferien merkten viele Schüler, dass kaum Vorbereitungen für die zweite Welle getroffen worden sind. Es gab keine klaren Konzepte und das zieht sich bis jetzt durch.

SPIEGEL: Wie können Sie sich das erklären?

Schramm: Der Föderalismus wird oft als Erklärung hergenommen. Aber selbst wir in der Bundesschülerkonferenz finden Lösungen für Probleme, zu denen es viele Meinungen gibt.

SPIEGEL: Haben Sie da ein Beispiel?

Schramm: Wir haben gemeinsame Forderungen gestellt, wie sich der Unterrichtsausfall ausgleichen lässt. Natürlich gab es Vertreter einiger Länder, die gesagt haben, das birgt die Gefahr, dass die Schüler etwas geschenkt bekommen. Aber am Ende waren sich alle einig: Wir brauchen den Ausgleich.

SPIEGEL: Und wie soll der aussehen?

Schramm: Das können wir so per se gar nicht sagen. Es muss individuell geschaut werden, wo Nachteile entstanden sind. Da muss entweder Lehrstoff gekürzt oder Noten müssen angepasst werden. Ich glaube, wir werden dieses Jahr nicht den perfekten fairen Abschluss gewährleisten können, weil die Differenzen zu groß sind. Es hängt viel davon ab, wie sich jemand auf die Prüfungen vorbereiten kann, aus welchem Elternhaus er kommt. Das kann man nicht alles ausgleichen. Es geht jetzt darum, diese Schere so klein wie möglich zu halten.

»Das ist fatal!«

SPIEGEL: Wie sind Abschlussprüfungen in diesem Jahr überhaupt denkbar – bei dem ganzen Unterrichtsausfall?

Schramm: Die Ministerien müssen die Schulen unbedingt in diese Entscheidung miteinbeziehen. Es muss individuell ausgelotet werden, wo es Probleme gab und wie man den Schulen mehr Spielraum bei den Prüfungen geben kann. Am Ende sind sie es ja, die am besten einschätzen können, welcher Lehrstoff geschafft wurde und welcher eben nicht.

SPIEGEL: Nun wird der Shutdown verlängert und damit auch der Distanzunterricht. Wie effektiv kann der sein?

Schramm: Das ist fatal! Die Schülerinnen und Schüler sind ja komplett zu Hause. Alles hängt davon ab, wie gut jemand dort ausgestattet ist. Derjenige, der sein eigenes Zimmer, seinen eigenen Computer und schnelles Internet hat, so wie ich, hat es zwar auch nicht leicht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau im Vergleich zu demjenigen, der sich ein Zimmer teilen muss, kein Internet und keinen eigenen Laptop hat. Es gibt Schüler, die sind technisch gar nicht in der Lage dazu, auf Server zuzugreifen.

SPIEGEL: Es gibt Stimmen, die fordern, das Schuljahr auf eineinhalb Jahre zu verlängern. Wie sinnvoll ist das?

Schramm: Das halte ich für nicht zielführend. Das Virus wird doch auch noch im Sommer allgegenwärtig sein. Wenn wir die Prüfungen verschieben, verschieben wir das Problem. Es ist auch aus organisatorischen Gründen nicht nachvollziehbar: Die Schüler aus den Grundschulen rücken ja nach. Da gibt es auch durch den Lehrermangel schlichtweg überhaupt keine Kapazitäten, diese Schüler weiter zu unterrichten.

SPIEGEL: Wie könnte man die Abschlussprüfungen in diesem Jahr noch retten?

Schramm: Wenn wir über die Prüfungen reden, braucht es jetzt klare Ansagen für alle Prüflinge. Sie müssen wissen, wie sie sich auf ihren Abschluss vorbereiten sollen.

SPIEGEL: Eine klare Ansage im Hinblick auf den Lehrstoff oder auf das Distanzlernen?

Schramm: Wenn wir über Distanzlernen reden, brauchen die Schulen auf jeden Fall ein Konzept. Bisher hieß es immer: »Schulen, wir haben einen hohen Inzidenzwert und gehen in das Distanzlernen. Macht mal!« Natürlich haben die Schulen und Regionen eine gewisse Handhabe, aber Bund und Länder müssen ihnen ganz klar einen Leitfaden an die Hand geben. Jetzt ist alles nur ein großes Chaos.

»Ich möchte meinen Lehrern ungern den schwarzen Peter zuschieben.«

SPIEGEL: Sollte der Lehrstoff ausgedünnt werden, damit den Schülerinnen und Schülern ermöglicht wird, ihren Abschluss zu schaffen?

Schramm: Anders ist es nicht realisierbar.

SPIEGEL: Machen Sie dieses Jahr Abitur?

Schramm: Ja, ich habe den vollen Jackpot. Ich schreibe Ende März und Anfang April Sozialwissenschaften und Englisch, Bio und Deutsch. Aber mit dem Vorabi geht es schon Anfang März los.

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SPIEGEL: Wie gut fühlen Sie sich vorbereitet?

Schramm: Ich möchte meinen Lehrern ungern den schwarzen Peter zuschieben. An meiner Schule hatte ich den Eindruck, dass jede Lehrkraft ihr Bestes gegeben hat. Aber bei immer weniger Unterricht kann selbst der beste Lehrer keine ordentliche Vorbereitung gewährleisten.

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