Umfrage in Coronazeiten So erleben Eltern den digitalen Unterricht

Die meisten Lehrkräfte schicken Aufgaben, aber nur wenige geben Feedback. Einige melden sich, andere gar nicht. Wie der Fernunterricht abläuft, unterscheidet sich gewaltig.
Unterricht mit Mama: Feedback von den Lehrkräften bleibt oft aus

Unterricht mit Mama: Feedback von den Lehrkräften bleibt oft aus

Foto: MARIA ALEJANDRA CARDONA/ REUTERS

Von Normalität kann an Deutschlands Schulen seit fast drei Monaten keine Rede mehr sein. Zuerst machten sie wegen der Corona-Pandemie komplett zu. Vor rund einem Monat nahmen sie den Betrieb zwar langsam wieder auf, aber in stark reduziertem Umfang mit Notstundenplänen oder im Schichtsystem. Das Lernen findet damit also immer noch überwiegend zu Hause statt - und zwar ohne dass die Politik dazu bisher konkrete Vorgaben gemacht hat.

Lehrkräfte sind also weitgehend auf sich allein gestellt. Wie gestalten sie derzeit den Fernunterricht? Welche Qualität hat er? Wie nutzen sie die digitalen Möglichkeiten? Diese Fragen treiben derzeit viele Fachleute um. Während die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an diesem Mittwoch Ergebnisse einer Umfrage unter Lehrkräften vorstellt, legen die Forscherinnen Ricarda Steinmayr von der TU Dortmund und Hanna Christiansen von der Uni Marburg vorläufige Ergebnisse einer Elternbefragung vor. 

"Sozial positiv verzerrte Stichprobe"

Die Studie läuft aktuell noch. Erste Antworten wurden bereits ausgewertet, aber die Forscherinnen stoßen auf ein Problem, das in der Pandemie auch andere Statistiker betrifft: An Onlineumfragen beteiligen sich nicht unbedingt Menschen, die den Querschnitt der Bevölkerung widerspiegeln.

Für eine "sozial positiv verzerrte Stichprobe" spreche etwa, dass 75 Prozent der Befragten als höchsten Schulabschluss das Abitur angeben, teilen Steinmayr und Christiansen mit. Das Bildungsniveau der Befragten sei damit deutlich höher als im Durchschnitt der Bevölkerung. Rund 90 Prozent der Eltern geben an, ihre Kinder hätten ein eigenes Zimmer, ihnen stünde ein eigener Computer oder ein Tablet zur Verfügung, und auch ein Drucker zum Ausdrucken von Aufgaben sei im Haus.

Andere Studien zeigen, dass vielen Kindern gerade diese technische Ausstattung fehlt, ebenso wie ein ruhiger Platz zum Lernen. Die Antworten der Elternumfrage könnten deshalb ein nicht ganz repräsentatives Bild zeigen.

Eltern-Umfrage zum Lernen in Coronazeiten

Insgesamt nahmen bislang 852 Mütter und 148 Väter an der Befragung im ganzen Bundesgebiet teil. Bis auf wenige Ausnahmen (12 Personen) verfügten alle Familien über mindestens ein Laptop oder einen Computer. Fast alle Familien hatten über ein eigenes WLAN (97,3%). Somit waren in der überwiegenden Mehrheit der Familien die technischen Voraussetzungen gegeben, die eine häusliche Beschulung durch Lehrkräfte an die Familien stellt.

Einige Lehrkräfte melden sich gar nicht

Eines der Zwischenergebnisse: Selbst in Familien, die überwiegend über die technischen Möglichkeiten für Onlineunterricht verfügen, werden die digitalen Möglichkeiten von den meisten Lehrkräften nicht ausgeschöpft. Den Eltern zufolge verschicken die meisten Lehrkräfte in den Hauptfächern sowie in Biologie/Sachunterricht sehr regelmäßig Aufgabenblätter, die bearbeitet werden sollen - aber mehr als Dreiviertel der Mütter und Väter berichten, dass bisher noch kein Unterricht per Videokonferenz stattgefunden hat.

Zwischen den Beobachtungen der Eltern klaffen zudem gewaltige Unterschiede. Während einige wenige Lehrkräfte den Eltern zufolge drei Mal pro Woche oder öfter mit ihren Kindern chatten, mailen oder telefonieren, gibt mehr als die Hälfte der Befragten an, dass ihre Kinder noch keinerlei persönlichen Kontakt zu den Lehrkräften in Deutsch, Mathematik, Englisch oder Bio/Sachunterricht hatten.

Immense Unterschiede gibt es auch in anderen Bereichen:

  • Mehr als die Hälfte der Deutsch- und Mathelehrer schickt den Schülerinnen und Schülern einmal pro Woche Aufgaben zu, bei den Lehrkräften für Englisch und Bio/Sachunterricht sind es etwas weniger.

  • Rund jede zehnte Lehrkraft meldet sich den Eltern zufolge nur alle drei Wochen mit Aufgaben.

  • Jeder vierte Bio- oder Englischlehrer hat den Eltern zufolge bisher noch gar nichts von sich hören lassen.

Die befragten Mütter und Väter stellen außerdem fest, dass die große Mehrheit der Lehrkräfte zwar Aufgaben schickt, aber gar nicht erwartet, dass Kinder ihnen die Bearbeitung zusenden. Nur rund ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer fordere dies einmal pro Woche ein. Es bleibt in vielen Fällen also unklar, ob die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben überhaupt erledigen - falls dies nicht von den Eltern kontrolliert wird.

Von mehr als der Hälfte der Deutsch- und Mathelehrer kam den Eltern zufolge bisher auch noch kein Feedback zu den gelösten Aufgaben. Bei den Bio- und Englischlehrkräften lag dieser Anteil noch höher. Selbst wenn Kinder ihren Lehrerinnen und Lehrern zuschicken, was sie für die Schule gemacht haben, fehlt demnach also oft eine Rückmeldung. Das sei "aus motivationspsychologischer Sicht bedenklich", schreiben Steinmayr und Christiansen, "da Feedback sowohl mit einer positiven Entwicklung der Leistung als auch, sofern richtig formuliert, der Motivation einhergeht."

Wenn die Eltern nicht als "Ersatzlehrer" einspringen, wissen die Kinder und Jugendlichen oft nicht, ob sie überhaupt richtig gearbeitet haben, weil ihnen die Lösungen fehlen. Ungefähr ein Drittel der Eltern gab an, dass die Mathelehrkräfte bislang keine Lösungen zur Verfügung gestellt hätten. Bei den übrigen Lehrkräften traf dies auf rund die Hälfte zu. Insgesamt bewerten die Eltern den Fernunterricht nicht grundsätzlich schlecht. Knapp die Hälfte ist eher zufrieden, rund ein Drittel teils, teils.

Die Forscherinnen Steinmayr und Christiansen betonen, die Ergebnisse seien vor dem Hintergrund zu beurteilen, dass in den befragten Familien vergleichsweise gute Bedingungen für den Fernunterricht herrschten. "Wenn die Kinder und Jugendlichen nicht über die technischen Voraussetzungen zu Hause verfügen, können sie auch nicht am Onlineunterricht teilnehmen oder Kontakt zu ihren Lehrkräften halten, selbst wenn beides von den Lehrkräften angeboten wird."

Warnung vor "sozialen Disparitäten"

Schon seit Beginn der Schulschließungen warnen Fachleute, dass sich die ohnehin schon große Chancenungerechtigkeit in Deutschland  weiter verschärfen könnte, je länger an den Schulen der Ausnahmezustand herrscht. Die Leistungsschere zwischen Kindern, die zu Hause vergleichsweise gut gefördert werden, und Kindern, deren Eltern das nicht leisten können, droht demnach immer weiter aufzugehen.

Zuletzt mahnte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher, der lange Shutdown und weiterhin nur eingeschränkte Schulbetrieb könnte sich auch in den nächsten Pisa-Testergebnissen niederschlagen. Es sei gut möglich, dass die "sozialen Disparitäten" in späteren Pisa-Vergleichen weiter zunehmen, sagt der Bildungsforscher.

"Kinder aus ungünstigem sozialem Umfeld haben meist nur eine einzige wirkliche Chance im Leben, das sind gute Lehrer und eine leistungsfähige Schule"

Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor

Die jüngste Pisa-Studie, die Anfang Dezember veröffentlicht wurde, hatte erneut bestätigt, dass der Schulerfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft abhängt. Schleicher zufolge könnte sich dieser Effekt nochmals verstärken. Kinder aus wohlhabenden Familien kämen mit den Schulschließungen oft zurecht. "Kinder aus ungünstigem sozialem Umfeld haben dagegen meist nur eine einzige wirkliche Chance im Leben, das sind gute Lehrer und eine leistungsfähige Schule."

Wird diese Chance verpasst, wirkt sich das dem Bildungsexperten zufolge auch auf das spätere Erwerbsleben von Schülern aus: "Letztlich können Sie ein verlorenes Schuljahr mit sieben bis zehn Prozent verlorenem Lebenseinkommen gleichsetzen", sagt er.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Hanna Christiansen sei an der Universität Magdeburg tätig, es ist aber die Uni Marburg. Wir haben die Passage geändert.

mit Material von dpa
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