Nach Beschlüssen zu Schulöffnungen Etwas Erleichterung, wenig Lob, viel Kritik

Im Februar, im März oder doch noch später? Wann Kitas und Schulen wieder öffnen, bleibt nach dem Bund-Länder-Treffen den jeweiligen Ministerpräsidenten überlassen. Die Reaktionen von Eltern, Lehrern und Politikern sind gemischt.
Wann das Lernen im Distanzunterricht aufhört, hängt vom Wohnort ab (Symbolbild)

Wann das Lernen im Distanzunterricht aufhört, hängt vom Wohnort ab (Symbolbild)

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Hauke-Christian Dittrich / dpa

Was Sie nach dem Bund-Länder-Treffen wissen müssen

Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie größtenteils bis zum 7. März verlängert. Was gilt jetzt wo? Und ab wann ist mit Öffnungen zu rechnen? Lesen Sie den Überblick über die neuesten Beschlüsse.

Wie lange muss ich noch durchhalten? Mit dieser Frage im Kopf hatte Beatrix Hellwig, Mutter von vier Kindern in Hessen, auf die Bund-Länder-Beratungen zu den Corona-Lockerungen gewartet. Die große Hoffnung: Die Runde möge entscheiden, dass die seit Mitte Dezember andauernden Kita- und Schulschließungen nicht verlängert werden, sondern die Einrichtungen von Montag an schrittweise wieder öffnen. Und dann das: Der Bund ist raus, die Länder sollen entscheiden.

»Einerseits bin ich erleichtert«, sagt Hellwig, die ein Kind im Kita-Alter und drei Grundschüler hat, »immerhin beharrt Frau Merkel nicht wieder darauf, dass die Schulen länger geschlossen bleiben.« Schon im Dezember hatte die Mutter dem SPIEGEL erzählt, sie habe Sorge, dass ihre Kinder im Januar noch nicht in Kita und Schule gehen könnten, nun öffnen sie in Hessen schrittweise erst ab dem 22. Februar. »Besser als nichts«, sagt Hellwig, »aber jeder Tag ist eine neue Herausforderung.«

Sie stehe morgens um 5.30 Uhr auf, arbeite bis die Kinder wach würden, dann gehe vormittags für drei Stunden das Homeschooling los. »Ich bin am Ende meiner Kräfte, und meine Kinder haben immer weniger Freude am Lernen. Mein armer Zweitklässler weint fast jeden Tag bei den Aufgaben, der müsste dringend in die Schule.« Dabei sei ihre Familie noch vergleichsweise gut dran, findet Hellwig, immerhin seien sie und ihr Mann im Homeoffice und könnten sich kümmern.

Tobias Lucht, Leiter der Jugendeinrichtung Arche in Hamburg, kennt viele Kinder, deren Eltern das eben nicht können. Die Kinder seien viel auf sich allein gestellt, etliche überfordert: »Wir beobachten bei einigen, dass die schulische Leistung und die Motivation zu lernen, stark absackt, dass es zu Lethargie, zu depressiven Verstimmungen, teils auch zu Aggressionen und anderen Verhaltensauffälligkeiten kommt«, sagt Lucht. Nach der Bund-Länder-Runde fühlt er sich deshalb »ernüchtert«.

»Ich hätte mir eine klare Öffnungsperspektive für Schulen und einen differenzierteren Blick darauf gewünscht, wie Lernen etwa in Kleingruppen im Klassenraum gut organisiert werden kann und was Schulen dafür bräuchten, damit bestimmte Kinder eben nicht abgehängt werden«, sagt Lucht. Stattdessen heißt es weiterhin: abwarten. Hamburg hat Anfang März zwei Wochen Ferien und will die Schulen vorher nicht öffnen.

»Den Ländern freie Hand zu geben, ist ein Eigentor«

Wie lange die Geduldsprobe für einzelne Kinder und Jugendliche in Deutschland noch anhält, hängt nach dem Kurswechsel der Kanzlerin nun ganz von der Politik in den Ländern ab. Etliche wollen die Schulen ab 22. Februar nach und nach öffnen, andere erst später. Merkel sagte, sie hätte mit der Öffnung gerne erst ab dem 1. März begonnen. Die Länder, die in Deutschland für Bildung zuständig sind, hätten dies aber anders beurteilt. So entschied sich die Bund-Länder-Runde am Mittwoch gegen einen bundesweit einheitlichen Fahrplan.

Das sorgt nicht nur bei Menschen wie Lucht und Hellwig, sondern auch bei mehreren Eltern- und Lehrerverbänden sowie Politikern für gemischte Reaktionen zwischen Erleichterung, Sorge, Unmut, Lob und massiver Kritik: »Den Ländern freie Hand zu geben, ist ein Eigentor«, kritisiert die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe. Die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen werde dadurch weiter sinken, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Der Bund hat beim Thema Schulen und Kitas vor den Ländern kapituliert.« Weder die Kultusministerkonferenz (KMK) noch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hätten bis heute eine klare Strategie und einen bundesweit einheitlichen, verlässlichen Stufenplan vorgelegt.

Ein solcher Plan müsste deutlich machen, bei welchen Inzidenzwerten welche Maßnahmen greifen sollten, sagt Tepe. »Auf dieser Grundlage hätten die Länder dann mit Blick auf das Infektionsgeschehen vor Ort die Möglichkeit, flexibel zu agieren.« Ein bundesweit einheitliches Vorgehen mahnte auch die Bundesschülerkonferenz an. Die KMK hatte im Januar zwar einen Stufenplan für Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht abhängig vom Infektionsgeschehen vorgelegt, dabei aber auf konkrete Fallzahlen verzichtet.

Schuljahr muss im schlimmsten Fall abgeschrieben werden

Vorrangig sollen nach dem Willen mehrerer Länder nun Grundschüler und Abschlussklassen im Wechselmodell beschult werden, also in Kleingruppen im Schichtsystem. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, mahnte jedoch, solche Öffnungen dürften erst erfolgen, wenn in der jeweiligen Region die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 Fällen liege. Das entspricht den Empfehlungen des Robert Koch-Institus.

Im schlimmsten Fall müssten die Schulen nach einer zu frühen Öffnung im April oder Mai nochmals geschlossen werden, sagte Meidinger den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Das könne dann dazu führen, dass dieses Schuljahr komplett abgeschrieben werden müsse.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt meldete im Bundestag grundsätzliche Bedenken gegen baldige Schulöffnungen an. Er verstehe, dass es enorme Belastungen für Familien gebe. Er bezweifle aber, dass Schulöffnungen zum jetzigen Zeitpunkt richtig seien. Es gelte, alles daran zu setzen, dass dies nicht weitere Perspektiven der Öffnung der Wirtschaft verbaue.

Allerdings führen auch die Schulschließungen zu wirtschaftlichen Schäden in Billionenhöhe, wie Wissenschaftler unlängst ermittelten.

Anke Staar, Mutter und Vorsitzende der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen setzte sich nach den Beschlüssen der Bund-Länder-Runde noch in der Nacht hin und machte ihrem Ärger in einem Schreiben an den SPIEGEL Luft. Sie vermisst im Zuge geplanter Schulöffnungen tragfähige Konzepte für den Gesundheitsschutz, stattdessen werde weiter vor allem regelmäßiges Lüften propagiert.

»Also sitzen alle wieder mit Jacke, Mütze, Handschuhen und Decken in der Schule – die feuchten Masken frieren an. Doch bloß nicht niesen oder aufgrund der Kälte erkranken, dann ist der Schüler schneller wieder zu Hause, als ihm lieb ist«, kritisiert Staar, die unter anderem eine flächendeckende Ausstattung der Schulen mit Luftreinigern fordert.

Viele Fragen seien zudem noch offen. Eltern bräuchten gerade im Zuge von Lockerungen wieder eine verlässliche Betreuung. »Da hilft kein Rotationsunterricht.« Staar findet auch zweifelhaft, dass unter anderem Abschlussklassen vorrangig in die Schulen zurückkommen sollen, die am ehesten auf Distanz beschult werden könnten. Eltern wollten »keine Öffnung mit der Gießkanne, sondern endlich nach Bedarfen«. Schüler mit Behinderung, Betreuungsbedarf oder sonstigen Benachteiligungen, etwa finanzieller Art oder Sprachbarrieren, müssten Vorrang haben, in allen Altersstufen.

KMK: »Das ist ein gutes Ergebnis«

Bei aller Kritik lösten die Beschlüsse von Bund-Ländern auch positive Reaktionen aus. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Britta Ernst (SPD), begrüßte die Öffnungsperspektiven für Schulen ausdrücklich. »Die Ersten, die von Lockerungen profitieren, sind Kinder und Jugendliche. Das ist ein gutes Ergebnis«, sagte sie der »Rheinischen Post«. »Die Länder werden jetzt verantwortungsvoll bei den Grundschulen mit schrittweisen Öffnungen beginnen.« Die KMK hatte sich in einem gemeinsamen Beschluss auf schrittweise Schulöffnungen ab 15. Februar verständigt.

Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller lobte die Entscheidung, den Ländern die Schulöffnungen zu überlassen: »Das ist gut für die Emanzipation der Länder und der Kultusminister und ein starkes Signal für den Föderalismus«, sagte er dem SPIEGEL. »Was wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, dass die Kanzlerin den Ländern wiederholt diktiert, was an den Schulen passieren soll, war fast eine Bankrotterklärung der Kultusministerkonferenz.« Diese habe viel zu lange auf Präsenzunterricht gesetzt und versäumt, gemeinsam kluge Wechselmodelle zu entwickeln. Umso wichtiger sei nun, dass sich die KMK auf ein einheitliches Vorgehen einige.

Auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sprach von einem ausgewogenen Beschluss, »der unserer Empfehlung aus dem Dreiklang von schrittweiser Öffnung von Kitas und Schulen, mehr Testungen und schnellerem Impfen entspricht«. Nach dem Beschluss von Bund und Ländern soll geprüft werden, ob Lehrkräfte und Erzieher durch eine Änderung der Impfverordnung in der Reihenfolge nach vorne rücken können. Laut Merkel könnten sie schon vor dem Sommer drankommen.

Giffey kündigte zudem den Einsatz von professionellen Corona-Schnelltests für Lehrer und Erzieher ohne medizinisches Personal an. Voraussetzung sei allerdings, dass Betroffene vorher ein Schulungsvideo angesehen hätten. Sie hoffe, dass in den nächsten Wochen und Monaten auch Tests zugelassen würden, die Laien anwenden könnten. In Österreich kommen solche Verfahren im Zuge der Schulöffnungen bereits flächendeckend zum Einsatz.

Mit Material von dpa und Reuters

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