Hausunterricht in den "Corona-Ferien" Zwischen Säugling, Skype-Unterricht und Yoga-Tutorial

Wie klappt der Heimunterricht aus Sicht von Eltern, Schülern und Lehrern? Hier erzählen sie, warum man nicht im Schlafanzug vor dem Laptop sitzen sollte und wie man sich zum Lernen motiviert.
Interviews und Protokolle von Silke Fokken und Armin Himmelrath
Homeschooling (Symbolbild): Verschiedene Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist nicht ganz einfach

Homeschooling (Symbolbild): Verschiedene Interessen unter einen Hut zu bekommen, ist nicht ganz einfach

Foto: OLI SCARFF/ AFP

"Das klappt bisher erstaunlich gut"

Britta Mersch, 44, ist freie Journalistin, unter anderem für den SPIEGEL, und dreifache Mutter. Ihre älteste Tochter besucht die erste Grundschulklasse - und wird seit vergangener Woche nicht mehr in der Schule unterrichtet.

Britta Mersch, 44, ist freie Journalistin, unter anderem für den SPIEGEL, und dreifache Mutter. Ihre älteste Tochter besucht die erste Grundschulklasse - und wird seit vergangener Woche nicht mehr in der Schule unterrichtet.

Foto: privat

SPIEGEL: Wie waren die ersten Tage mit virtuellem Unterricht?

Mersch: Herausfordernd, auch wenn man von virtuellem Unterricht nicht sprechen kann. Wir haben drei Kinder: eins in der Grundschule, eins in der Kita, ein Baby. Um es vorsichtig zu formulieren: Es ist nicht ganz einfach, die Interessen der drei unter einen Hut zu bekommen, wenn die Älteste an ihrem Schreibtisch sitzt und Arbeitsblätter bearbeitet, die Mittlere durch die Wohnung tobt und die Kleine gerade Hunger hat. Zum Glück ist mein Mann im Moment noch in Elternzeit, sodass wir zu zweit zu Hause sind. 

SPIEGEL: Wie haben Ihre Kinder auf die neue Situation reagiert? 

Mersch: Ich hatte eigentlich erwartet, dass meine Töchter ihre Freundinnen viel mehr vermissen werden, aber das klappt bisher erstaunlich gut. Die Älteste arbeitet fleißig an ihren Aufgaben. Allerdings habe ich den Eindruck, ich kann ihr nicht immer so gut erklären, worum es geht. Zum Beispiel, dass 14 minus 8 das Gleiche ist wie 14 minus 4 minus 4. Sie sagt dann, das mache nichts, ich sei ja keine Lehrerin. Wir versuchen, uns nicht zu sehr unter Druck zu setzen und alles gut zu schaffen. 

SPIEGEL: Wie zufrieden sind Sie mit den Lehrerinnen und Lehrern in dieser Situation? 

Mersch: Man muss den Lehrkräften zugutehalten, dass sie von der Situation ja kalt erwischt wurden: Freitag Nachmittag wurde die Schulschließung bekannt gegeben, Montag Morgen sollten die Kinder neue Wochenpläne bekommen. Und gerade in der Grundschule sind die Vorerfahrungen mit digitalen Formaten oft nicht besonders ausgeprägt. Unsere Lehrerin schickt den Wochenplan und Arbeitsblätter an die Klassenpflegschaftsvorsitzende, die schickt sie dann weiter an uns. Wenn die Kinder oder Eltern Fragen haben, mailen wir sie an die Elternvertreterin, die reicht sie dann an die Lehrerin weiter - das ist alles noch etwas umständlich. Parallel dazu diskutieren wir Eltern in einer WhatsApp-Gruppe ohne die Lehrerin, ob das Pensum passt und wie wir den Kindern die Aufgaben gut erklären können. Da denke ich schon: Manchmal wäre es gut, wenn es einen Videochat mit der Lehrerin gäbe, in dem die Kinder sich einfach mal sehen und ihre Fragen direkt stellen könnten.

Zwischen Skype-Unterricht und Yoga-Tutorial

Das Abitur ist in Thüringen auf unbestimmte Zeit verschoben. Selma Konrad, 17, Abiturientin und Vorsitzende der Landesschülervertretung Thüringen, erzählt, wie sie die Ungewissheit erträgt - und sich allein zu Hause zum Lernen motiviert

Das Abitur ist in Thüringen auf unbestimmte Zeit verschoben. Selma Konrad, 17, Abiturientin und Vorsitzende der Landesschülervertretung Thüringen, erzählt, wie sie die Ungewissheit erträgt - und sich allein zu Hause zum Lernen motiviert

Foto: Privat

"Als die Schulen plötzlich geschlossen wurden, war das erst mal ein Schock. Die jüngeren Schüler haben sich gefreut, aber für uns Abiturienten geht es um den Schulabschluss. Davon hängt ja einiges ab, und nun müssen wir mit dieser Ungewissheit leben und auch mitten in den Prüfungsvorbereitungen allein zu Hause klarkommen. 

In Mathematik bekommen wir von unserer Lehrerin jetzt jede Woche neue Aufgaben und ein Tafelbild per E-Mail geschickt. Ich bearbeite das, erhalte dann am Ende der Woche die Lösungen und kann die mit meinen Ergebnissen vergleichen. Das klappt ganz gut. Aber in Deutsch fehlt mir wirklich der Unterricht. 

Inhaltlich geht es gerade um die Analyse von Reden und Kommunikationssituationen - ich weiß, klingt langweilig, ist aber ganz interessant - und darüber würde ich eigentlich gern mit anderen sprechen, mich direkt mit der Lehrerin und mit anderen austauschen, ob ich mit meiner Interpretation richtig liege oder in der völlig falschen Spur bin. 

"Wir tauschen uns per WhatsApp oder Skype aus, aber die Lehrerin fehlt uns"

Selma Konrad, Abiturientin

Ich mache das immerhin mit meinen Mitschülern, wir tauschen uns per WhatsApp oder Skype aus. Das ist super hilfreich, aber die Lehrerin fehlt uns eben. An sich könnte sie natürlich mitskypen, aber bisher haben wir in der Schule solche Formate noch nicht genutzt, deshalb ist es schwierig, so etwas nun aus dem Stand heraus zu organisieren und auszuprobieren. Eine Freundin von mir wohnt in Italien und erlebt dort, wie Unterricht per Skype-Konferenz abgehalten wird. So weit sind wir hier leider noch nicht. 

Um mich zum Lernen zu motivieren, mache ich mir abends einen Plan, was ich am nächsten Tag schaffen will. In der Frühe stehe ich dann um 6.30 Uhr auf, trinke Tee und sehr viel Wasser zum Wachwerden und gehe dann die Aufgabe zuerst an, auf die ich am wenigsten Lust habe. Stichwort: "eat the frog". Schluck die Kröte. Das mache ich etwa bis neun Uhr, dann mache ich Yoga. Danach frühstücke ich. 

Interviewen Sie Ihre Kinder: Wie sind eure "Coronaferien"?

Ihre Kinder sind zu Hause, und Sie selbst unter Umständen im Homeoffice. Viele Lehrkräfte haben die Schülerinnen und Schüler mit Aufgaben versorgt, damit sie auch in der unterrichtsfreien Zeit etwas lernen. Wie erleben Sie das in ihrer Familie? Und vor allem: Wie erleben Ihre Kinder diese besondere Zeit?

Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihren Kindern ein paar Fragen dazu stellen könnten. Hier sind sie:

Was gefällt dir an den "Coronaferien" im Vergleich zum sonstigen Schulalltag am besten?

Was vermisst du am meisten?

Wie findest du es, dass ein Elternteil plötzlich den Ersatzlehrer spielt?

Was nervt an der Schule zuhause? Gibt es etwas, dass besser daran ist, als beim Lernen in der Schule?

Gibt es etwas, dass dir Angst macht oder dich traurig macht?  

Schreiben Sie, was Ihre Kinder oder auch Sie selbst bewegt, an: coronaferien@spiegel.de. Mit der Einsendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihr Text beim SPIEGEL veröffentlicht wird. Ihre Erlebnisse und Gedanken sollten nur anonymisiert veröffentlicht werden? Schreiben Sie auch das in Ihre Nachricht.

Der Trick ist: Ich habe dann schon mal eine unangenehme Aufgabe erledigt und das Gefühl, was geschafft zu haben. Dann lege ich wieder eine Lerneinheit an. Klar, man braucht dazu Selbstdisziplin. Die feste Tagesstruktur hilft mir dabei aber sehr. Ich weiß: Jetzt lerne ich für die Schule, und für die Zeit danach nehme ich mir bewusst etwas Schönes vor. Ich lege mich mit einem Buch in den Garten oder telefoniere mit meiner Freundin. 

Um nicht dauernd abgelenkt zu sein, hilft es mir, wenn ich zum Beispiel mein Handy ausschalte oder in einen anderen Raum lege. Klar, trotzdem lerne ich nicht die ganze Zeit durch. Meine jüngeren Geschwister, sechs und neun, sind ja auch zu Hause, und die stehen zum Beispiel öfter da und sagen: Spiel mit mir.

Ich wünsche mir, dass wir vor den Prüfungen noch mal Unterricht haben, damit wir offene Fragen mit den Lehrern besprechen können. Zwischenzeitlich war im Gespräch, dass drei Prüfungen in einer Woche stattfinden sollten. Das fände ich nicht sehr schülerfreundlich.

Ich wünsche mir, dass die Klausuren spätestens im Mai stattfinden können. Die Anspannung davor ist schon riesig, und die muss man sonst umso länger aushalten. Aber es hilft ja nicht, nun die ganze Zeit zu jammern. Im Gegenteil: Ich finde wichtig, das Positive zu sehen. Viele Menschen rücken jetzt zusammen. Ich weiß zum Beispiel von Studenten, die Schülern per Skype Nachhilfe geben. So etwas macht mir Mut und motiviert mich sehr, immer wieder frühmorgens aufzustehen."

"Nicht im Schlafanzug vor dem Laptop"

Sebastian Funk, 37, ist Lehrer für Mathematik und Physik am Privatinternat Villa Wewersbusch in Velbert-Langenberg. Seit der Schulschließung unterrichtet er seine Klassen online in drei 90-Minuten-Blöcken pro Tag.

Sebastian Funk, 37, ist Lehrer für Mathematik und Physik am Privatinternat Villa Wewersbusch in Velbert-Langenberg. Seit der Schulschließung unterrichtet er seine Klassen online in drei 90-Minuten-Blöcken pro Tag.

Foto: privat

SPIEGEL: Wie waren die ersten Tage mit virtuellem Unterricht?

Funk: Toll und spannend! Wir haben zwei Tage gebraucht, um uns alle mit der neuen Situation zurechtzufinden, die Technik zu checken und die nötige Disziplin und Netiquette zu entwickeln. So darf bei Videokonferenzen immer nur einer reden, und im Video-Call sollte man nicht im Schlafanzug vor dem Laptop sitzen. Es kamen natürlich auch unerwartete Schwierigkeiten: Bei einigen Schülern zu Hause gibt es kein schnelles Internet. Das kann an der Technik liegen oder daran, dass sich die Eltern keinen Breitbandanschluss leisten können. Da mussten wir erst mal rausfinden, woran es liegt, und dann dafür sorgen, dass auch diese Schüler an allen Angeboten teilnehmen können.

SPIEGEL: Wie haben Ihre Schülerinnen und Schüler auf die neue Situation reagiert?

Funk: Ganz gelassen, die hatten auch vorher schon alle ein iPad und kannten digitale Unterrichtskonzepte bereits. Wir haben in der neuen Situation aber festgestellt, dass die Kinder zu Hause etwas langsamer arbeiten. Außerdem merken wir, wie wichtig klare Strukturen sind. Bei den jüngeren Schülern machen wir zu Beginn jeder 90-Minuten-Einheit eine Videokonferenz als Input, dann erhalten sie Aufgaben, und am Ende des Blocks treffen wir uns noch mal virtuell. Bei den Älteren reicht es, wenn wir morgens die Aufgaben für den ganzen Tag verteilen. Das mit der Struktur gilt aber auch für uns Lehrkräfte: Wir haben jetzt eine Erreichbarkeit bis 16 Uhr vereinbart - sonst besteht die Gefahr, gar keinen Feierabend mehr zu machen.

SPIEGEL: Wie zufrieden sind Sie mit den Eltern in dieser Situation?

Funk: Die kooperieren ganz wunderbar. Wir haben viele Rückmeldungen bekommen, wie glücklich sie sind, dass die Schule trotz der Krise weiter stattfindet - wenn auch ganz anders als vorher.