Silke Fokken

Lehren aus der Pandemie Kinder sind nicht unsere Zukunft

Silke Fokken
Ein Zwischenruf von Silke Fokken
Nach zwei Jahren Pandemie ist vielen Menschen schmerzlich bewusst: Kinder gehören zu den größten Verlierern dieser Krise. Umso radikaler müssen wir unsere Haltung zu ihnen überdenken.
Kinder am Elbstrand in Hamburg: Erwachsene sind für die Jüngeren verantwortlich – jetzt (Symbolbild)

Kinder am Elbstrand in Hamburg: Erwachsene sind für die Jüngeren verantwortlich – jetzt (Symbolbild)

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Christian Charisius/ picture alliance / dpa

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Dieser Text ist ein Auszug aus einem neuen SPIEGEL-Buch: Redakteurin Silke Fokken beschreibt in »Krisenkinder«, wie die Pandemie Kinder und Jugendliche verändert hat und was sie jetzt brauchen.

Vor zwei Jahren, am 21. März 2020, griff in der Coronakrise der erste »harte Lockdown«. Bars, Restaurants, Friseure, Kosmetikstudios und viele andere Einrichtungen mussten schließen. Zur Erinnerung: Kitas, Schulen und Spielplätze waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit einer Woche bundesweit abgesperrt. Rückblickend wirkt dies symptomatisch für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Pandemie.

Inzwischen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sie von den Maßnahmen besonders hart getroffen wurden, oftmals begleitet von dem Bekenntnis, sich künftig besser um die Jüngeren kümmern zu wollen. Häufig fällt dann der Satz »Kinder sind unsere Zukunft«. Dieser Satz ist allerdings nicht nur abgedroschen, sondern er stellt letztlich auch die Denke der Erwachsenen bloß, die ihn sagen.

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Silke Fokken

Krisenkinder

SPIEGEL-Buch: Wie die Pandemie Kinder und Jugendliche verändert hat und was sie jetzt brauchen
Verlag: DVA
Seitenzahl: 416
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02.12.2022 10.54 Uhr

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Er suggeriert, wir müssten unserer Verantwortung gegenüber Kindern gerecht werden, weil davon abhängt, wie sie später als Erwachsene die Zukunft gestalten, von der wir als dann ältere Erwachsene wiederum betroffen sind. In dem Satz schwingt, verkürzt gesagt, viel Sorge um unsere Rente mit.

Ein Teil der Missstände in unserer Gesellschaft gründet sich auf genau dieses Denken: dass wir in Kinder und Jugendliche investieren, um daraus einen späteren Gewinn zu erzielen. Der Wirtschaftsjargon ist kein Zufall. Bleibt ein Teil der Jugendlichen auf der Strecke, wird nach dieser Logik dieser gewisse Verlust beim »Humankapital« einkalkuliert und erst bei einer größer werdenden Gruppe zu einem ökonomischen Problem, das Folgen nach sich zieht.

Wenn dieses Denken hilft, Missstände abzubauen, mag das gerade noch auszuhalten sein. Tatsächlich ist es entsprechend den Werten einer zivilen Gesellschaft jedoch so, dass die Erwachsenen in dieser Gesellschaft für die Kinder und Jugendlichen Verantwortung tragen: für ihr Wohlergehen, für die Möglichkeit, sich gut entwickeln und entfalten zu können, für das Angebot, sich als wertvoller Teil einer Gemeinschaft zu fühlen.

Das Kind wird schließlich vom Monster gefressen

Diese Verantwortung besteht ohne Erwartung einer Gegenleistung für alle Kinder und Jugendlichen, nicht nur für die eigenen. Sie besteht im Sinne einer Solidargemeinschaft. Und sie besteht genau jetzt.

Der Illustrator David McKee veröffentlichte 1995 ein Kinderbuch mit dem Titel »Nicht jetzt, Jakob«. Wann auch immer Jakob sich mit einem Bedürfnis an seine Eltern wendet, antworten sie »nicht jetzt«, weil sie gerade etwas anderes zu tun haben. Selbst als er sagt, im Garten sitze ein Monster, wehren sie ab. Jakob wird, ganz im Sinne britischen Humors, schließlich von dem Monster gefressen. Es kommt danach ins Haus, wird von den Eltern, die nichts bemerkt haben, vor dem Fernseher zum Abendessen »geparkt« und kurz darauf ins Bett geschickt. »Aber ich bin ein Monster«, wendet das Untier noch etwas hilflos ein, doch da geht schon das Licht aus.

Das Buch ist ideal, um Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen, die glauben, sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen zu müssen. Damit ihre Kinder nicht gefressen werden oder zu Monstern mutieren. Bei den meisten Eltern ist dieses schlechte Gewissen vermutlich nicht angebracht, bei manchen politisch Verantwortlichen sollte es ein Umdenken beflügeln: Zeit ist die Schlüsselressource, die in unserem System zu knapp ist.

Zeit fehlt Erziehern und Lehrerinnen, um besser auf Kinder eingehen zu können und keins aus dem Blick zu verlieren. Zeit fehlt in Schulen für soziales Miteinander und Beziehung.

Zeit fehlt Kindern beim Lernen , wenn sie langsamer sind als andere und neuen Stoff verstehen sollen, obwohl der alte noch gar nicht sitzt.

Zeit fehlt vielen Kindern zum unbeschwerten Spiel und zur Pflege von Freundschaften.

Zeit fehlt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie , um für alle Hilfesuchenden zeitnah ein Ohr zu haben.

Zeit fehlt in der Kinder- und Jugendhilfe, wo Mitarbeitende oft für sehr viele Fälle verantwortlich sind.

Zeit fehlt Eltern für ihre Kinder , etwa wenn sich Erwerbstätigkeit und Betreuung schwer vereinen lassen.

Wir brauchen eine neue Haltung zu Kindern und Jugendlichen, und wir brauchen ein neues Zeitmanagement. Damit müssen wir anfangen. Jetzt sofort. Nicht irgendwann vielleicht später. Die Missstände für Kinder und Jugendliche sind so gravierend, dass keine Zeit mehr zu verlieren ist.

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